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30.08.2012

07:37 Uhr

Chancen und Risiken

Was deutsche Firmen sich in China erhoffen

Maschinenbauer, der Handel und nicht zuletzt die deutsche Automobilindustrie sehen die enormen Chancen des chinesischen Marktes. Doch China birgt für deutsche Unternehmen auch Risiken.

Audi-Fertigung im Werk Changchun: Der chinesische Markt bietet Chancen und Risiken. obs

Audi-Fertigung im Werk Changchun: Der chinesische Markt bietet Chancen und Risiken.

DüsseldorfDie gigantische Größe und Dynamik des chinesischen Markts bieten enorme Chancen, bergen aber zugleich Risiken für deutsche Firmen. Sie kämpfen mit mangelnder Rechtsstaatlichkeit und zunehmenden Patentverletzungen.

Automobilindustrie

China ist zum größten Fahrzeugmarkt der Welt herangewachsen, wovon die großen deutschen Automarken profitieren. Gerade teure Oberklasse-Fahrzeuge sind im statusverliebten Reich der Mitte gefragt. Der Volkswagen-Konzern und seine Tochter Audi, die sich früher als andere Hersteller in China engagierten, verkaufen mittlerweile in keinem anderen Land mehr Autos. Auch für BMW ist China mittlerweile der größte Einzelmarkt, der 20 Prozent des Konzernumsatzes ausmacht. Daimler-Chef Dieter Zetsche erwartet, dass die Stuttgarter spätestens 2015 gleichgezogen haben.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

Für Audi, BMW und Mercedes, die zusammen fast drei Viertel des chinesischen Oberklasse-Marktes beherrschen, lässt dies gute Geschäfte erwarten. "China ist wegen seiner schieren Größe einer der wichtigsten Märkte", sagt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler.

Knapp eine Million Oberklasse-Limousinen wurden dort im vergangenen Jahr an wohlhabende Kunden ausgeliefert; der gesamte Markt belief sich auf 14,5 Millionen Fahrzeuge - und er wächst weiter, wenn auch langsamer als in den Vorjahren. "In den Jahren 2022 bis 2025 wird der chinesische Automarkt so groß wie der in Europa und Amerika zusammen sein", glaubt Rolf Breidenbach, Geschäftsführer des Zulieferers Hella.

Für die Wachstumspläne der deutschen Nobelhersteller spielt das Reich der Mitte damit eine Schlüsselrolle. Zwar ist der Markt für Premiumautos in den USA noch größer, aber die Vorliebe vieler Chinesen für teure technische Extras lässt die Kassen dort klingeln.

Die Renditen der Konzerne seien in China um "Faktor zwei und mehr" höher als anderswo, sagt Autoexperte Ralf Kalmbach von der Unternehmensberatung Roland Berger.

Experten schätzen, dass BMW ein Drittel des Konzerngewinns dem China-Geschäft zu verdanken hat, bei Audi ist der Anteil noch höher. Der Boom führt zu aggressiven Investitionen; alle deutschen Hersteller bauen ihre Kapazitäten dort deutlich aus. Insgesamt will allein VW die Fertigungskapazität in China bis 2018 auf vier Millionen Autos erhöhen. Das Land gewinnt damit eine Machtposition, die heimische Hersteller nutzen, um sich bei der westlichen Konkurrenz zu bedienen. FAW etwa, der chinesische Partner von Volkswagen, kupferte einen erfolgreichen VW-Motor ab - für die Wolfsburger dürfte das während des Besuchs der Bundeskanzlerin ein brisantes Thema sein.

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