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04.04.2017

18:57 Uhr

Chemieindustrie

Gesucht wird die neue Formel für Ideen

VonBert Fröndhoff, Siegfried Hofmann

Im globalen Wettbewerb muss die deutsche Chemiebranche innovativer werden. Auf der Handelsblatt-Chemietagung in Frankfurt raten Experten zu mehr Kooperation mit Kunden und anderen Industrien.

Rund 100 Manager aus der Branche kamen zu dem Strategietreffen nach Frankfurt. Bert Bostelmann für Handelsblatt

Handelsblatt-Jahrestagung Chemie 2017

Rund 100 Manager aus der Branche kamen zu dem Strategietreffen nach Frankfurt.

FrankfurtKlaus Griesar hatte die Lacher im Saal auf seiner Seite, als er ein Cover des britischen Wirtschaftsmagazins Economist zeigte. Auf der Fotomontage ist die berühmte Skulptur „Der Denker“ von Auguste Rodin zu sehen – allerdings nicht auf einem Stein hockend, sondern auf dem Klo. „Werden wir so etwas Sinnvolles noch einmal erfinden?“, heißt es in der Denkblase. Was lustig wirkt, ist ernst gemeint: Es beleuchtet die Sorge, dass Unternehmen nicht mehr innovativ genug sind.

Griesar ist einer der Top-Innovationsmanager beim Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck und verantwortet dort die weltweiten Kooperationen mit Hochschulen. Auf der Handelsblatt-Jahrestagung Chemie in Frankfurt rief er die Chemie-Unternehmen zu mehr Zusammenarbeit mit Kunden und Firmen aus anderen Branchen auf. Diese Botschaft hatten auch die anderen Redner auf dem Handelsblatt-Strategietreff, zu dem am heutigen Dienstag rund 100 Manager kamen.

Die größten Chemiekonzerne der Welt

Platz 10

Covestro (Deutschland)
Der Werkstoffhersteller aus Leverkusen verweist den letztjährigen Zehntplatzierten, das US-Unternehmen PPG Industries, in seine Schranken und gehört nun mit einem Verdienst in Höhe von 16,94 Milliarden US-Dollar selbst zu den zehn umsatzstärksten Chemieunternehmen der Welt. Covestro firmierte bis 2015 als Bayer Material Science, spaltete sich dann aber vom Chemiekonzern ab – mit Erfolg.

Quelle: Unternehmensangaben, Statista 2018 / Gesamtjahr 2017, jeweils letzte verfügbare Angaben

Platz 9

Akzo Nobel (Niederlande)

In der Branche der Farben und Lacke hat der Hersteller mit Sitz in Amsterdam eine marktführende Position inne. Unter allen Chemieunternehmen kann sich Akzo Nobel mit einem Umsatz von 17,46 Milliarden US-Dollar immerhin auf dem neunten Rang positionieren.

Platz 8

Linde (Deutschland)
Der deutsche Technologiekonzern mit dem Kerngeschäft um Gase und Prozess-Anlagen hat im letzten Jahr 20,5 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht und erreicht so den achten Platz im Unternehmensranking.

Platz 7

Henkel (Deutschland)
Der Düsseldorfer Konzern gliedert sich in drei Unternehmensbereiche: Wasch-/Reinigungsmittel, Schönheitspflege und Klebstoffe. 2017 fuhr das Unternehmen einen Jahresumsatz von 23,99 Milliarden US-Dollar ein. Damit konnte Henkel seinen Verdienst zwar im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Fünftel steigern, wird im Ranking aber dennoch von einer anderen Firma überholt.

Platz 6

Air Liquide (Frankreich)
Nach einem Umsatzplus von mehr als einem Viertel ist das führende, französische Unternehmen bei Gasen für Industrie, Medizin und Umweltschutz der neue Sechstplatzierte. 24,38 Milliarden US-Dollar konnten 2017 eingenommen werden. Mit Linde und Praxair zählt Air Liquide zu den drei größten Industriegaseherstellern der Welt.

Platz 5

Lyondell Basell (USA)
Im Mittelfeld des Rankings und mit 34,48 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet Lyondell Basell. Der weltweit größte Produzent von Polyolefinen und Katalysatoren betreibt zudem Erdölraffinerien und produziert Treibstoffzusätze wie MTBE.

Platz 4

Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien)
Unverändert auf dem vierten Platz befindet sich der saudi-arabische Chemie- und Metall-Konzern Saudi Basic Industries. Mit 35,41 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz reicht es für den Hersteller von Methanol, Ethanol und Düngemittel weiter nicht für den Sprung unter die Top 3 – gerade in Anbetracht des gesunkenen Verdienstes (minus 11,55 Prozent) rückt das Podium nun auch in weitere Ferne.

Platz 3

Bayer (Deutschland)
Der deutsche Konzern muss seinen zweiten Platz an zwei fusionierte Konkurrenten abtreten. Auch der Umsatz geht auf 41,95 Milliarden US-Dollar zurück (minus 17,28 Prozent). Das Unternehmen mit Schwerpunkt auf der chemischen und pharmazeutischen Industrie plant allerdings weiter selbst eine Megafusion mit Monsanto. Damit möchte das Unternehmen seine Agrarchemie-Sparte um genverändertes Saatgut erweitern. Um diese umstrittene Fusion unter Dach und Fach zu bringen, sind Bayer und Monsanto bereit, milliardenschwere Firmenteile zu verkaufen.

Platz 2

Dow Dupont (USA)
Zum 1. September des vergangenen Jahres wurde die Fusion der beiden US-Unternehmen Dupont und Dow Chemical vollzogen. Das neugeschaffene Unternehmen sichert sich mit einem gemeinsamen Umsatz in Höhe von 62,48 Milliarden US-Dollar zunächst mit weitem Abstand den zweiten Rang im Unternehmensranking. Es ist weiterhin geplant, das Gemeinschaftsunternehmen in drei börsennotierte Unternehmen für Agrarchemikalien, Spezialchemikalien und Kunststoffe aufzuspalten.

Platz 1

BASF (Deutschland)
Unveränderter Spitzenreiter mit 77,24 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz: BASF. Der nach Umsatz und Marktkapitalisierung weltweit größte Konzern, mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, wird sich angesichts der Megafusionen in der Branche künftig neu positionieren müssen. Dabei würde aber, laut Unternehmensführung, mehr Wert auf die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Geschäftsfelder als an Größe an sich gelegt werden.

Die Chancen für die deutschen Chemiefirmen schätzen Experten noch immer als sehr hoch ein. Um globale Herausforderungen wie Mobilität, Verstädterung und stärkere Nachhaltigkeit zu bewältigen, sind neue Kunststoff und Chemikalien grundlegend wichtig. Und noch immer gelten die deutschen Anbieter als führend in der Forschung und Entwicklung weltweit. Doch andere Länder wie China holen rasant auf. „Wenn wir unsere Position erfolgreich verteidigen wollen, müssen wir innovativer werden“, warnte Peter Nagler, der frühere Chief Innovation Officer bei Evonik.

Das Thema Innovation hat für die deutsche und die westliche Chemieindustrie auch deshalb an Brisanz gewonnen, weil das generelle Wachstum deutlich nachgelassen hat. Klammert man die Pharmabranche aus der Chemiestatistik aus, ist die deutsche Chemieproduktion zum Beispiel seit 2012 bereits leicht geschrumpft. „Das Wachstumsmodell der letzten 20 Jahre ist nicht mehr gültig“, sagt Henrik Meincke, Chefvolkswirt des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI).

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