Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.02.2016

20:05 Uhr

China kauft ein

Der Drache ist hungrig

VonBert Fröndhoff, Stephan Scheuer

Chinas Firmen kaufen sich wie nie zuvor in die westliche Wirtschaft ein. Sie brauchen moderne Technologie, um den Ansprüchen der wachsenden Mittelschicht gerecht zu werden – bis hin zur Ausstattung des Klos.

Fast im Wochenrhythmus kündigen chinesische Konzerne derzeit Milliardenübernahmen an. Imago

Neujahrsfest von Chinesen in London

Fast im Wochenrhythmus kündigen chinesische Konzerne derzeit Milliardenübernahmen an.

Düsseldorf/PekingZur Jahrtausendwende rief Chinas damaliger Parteichef Jiang Zemin die Firmen des Landes auf: Zou Chuqu!“ (Schwärmt aus!). Derzeit folgen so viele Unternehmen wie nie zuvor dem Aufruf der Regierung.  Im vergangenen Jahr stiegen die Direktinvestitionen aus Fernost in Europa um 44 Prozent auf 20 Milliarden Euro, wie aus einer am Dienstag erschienenen Studie des Berliner Chinaforschungsinstitutes Merics und des Analysehauses Rhodium hervorgeht.

Und in diesem Jahr wird der geht Kaufrausch weitergehen. Im Januar und Februar haben Chinas Firmen beinahe im Wochenrhythmus Übernahmen im Ausland angekündigt. Alleine bei der geplanten Übernahme des Schweizer Pflanzenschutz-Spezialisten Syngenta durch Chinas größten Chemiekonzern Chemchina geht es um ein Volumen 43 Milliarden Dollar. Die größte Investition in Deutschland bisher wurde Anfang Februar vereinbart: Der niedersächsische Müllverbrenner EEW geht für 1,4 Milliarden Euro an die Staatsholding Beijing Enterprises. Wenige Tage später verkaufte der kriselnde Dienstleister Bilfinger sein Wassertechnologie-Geschäft an Chengdu Tencent.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

„Wir erwarten, dass die Expansion chinesischer Firmen im Ausland nicht durch den konjunkturellen Dämpfer im eigenen Land gebremst wird“, sagt Mikko Huotari, Leiter des Programms Internationale Beziehungen am Merics, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Im Gegenteil: Das niedrigere Wachstum verstärke den Wettbewerb unter den chinesischen Firmen. Sie müssen dringend ihre Marktposition im eigenen Land verbessern  - und greifen deswegen nach attraktiven Technologieunternehmen aus dem Westen.

Dabei haben sie nicht nur die Unterstützung der Regierung, sondern sie folgen deren Willen und Plan. Unter dem Slogan „Reformen der Angebotsseite“ hat Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping eine Aufwertung chinesischer Hersteller angekündigt. Produkte müssten innovativer, hochwertiger und nachhaltiger werden, lautet das Credo der Zentralregierung.

Abfallkonzern EEW: Chinesen verbrennen jetzt deutschen Müll

Abfallkonzern EEW

Chinesen verbrennen jetzt deutschen Müll

Es ist die größte chinesische Übernahme in Deutschland – und es geht um Müll. Beijing Enterprises kauft für 1,4 Milliarden Euro den Abfallkonzern EEW. Der Investor setzt auf den Müll-Import nach Deutschland.

Am Dienstag mahnte erneut ein ranghoher Regierungsvertreter die Modernisierung der heimischen Unternehmen an: „Chinas Mittelschicht hat steigende Ansprüche. Noch greifen sie oft zu ausländischen Produkten“, sagte Long Guoqiang, Vizepräsident des Forschungszentrums beim chinesischen Staatsrat. Er fordert: Künftig müssten chinesische Firmen höherwertige Produkte anbieten.

Die chinesische Führung will, dass der Konsum in China zu wachsenden Teilen von heimischen Unternehmen bedient werden kann. Long nannte ein plakatives Beispiel: Es könne nicht sein, dass chinesische Touristen im Japan Klodeckel einkauften, weil sie qualitativ chinesischen Produkten überlegen seien. „Hier muss sich dringend etwas ändern“, fordert er.

Mit den Zukäufen im Ausland suchen Chinas Firmen auch nach neuen Wachstumschancen im Westen. Die Scheu dortiger Firmen vor dem Verkauf an einen chinesischen Investor sinkt, wie der jüngste Boom unterstreicht. Anders als viele Private-Equity-Firmen haben die chinesischen Staatsunternehmen eine sehr langfristige Orientierung, unterstreichen Experten.  „Es geht nicht um schnelle Wertsteigerung, sondern um die Pflege des erworbenen Knowhows“, beobachtet Merics-Experte Huotari. Der oft befürchtete Raubbau der Chinesen am westlichen Wissen ist ausgeblieben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×