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13.01.2005

07:20 Uhr

Chodorkowskij überträgt Beteiligung an Partner – Wirtschaftsminister kritisiert Verstaatlichung

Ex-Yukos-Chef Chodorkowskij lässt los

Der Gründer des schwer angeschlagenen russischen Ölkonzerns Yukos, Michail Chodorkowskij, hat sich von seinen Firmenanteilen getrennt. „Für mich ist die Zeit des großen Geldes Vergangenheit. Ich mache mir keine Sorgen mehr um mein Vermögen und mein Schicksal“, schrieb er in einer Zeitung.

mbr MOSKAU. Das gab der Yukos-Gründer gestern in Moskau bekannt, wo er wegen Steuerhinterziehung, Betrugs und Bandenbildung derzeit vor Gericht steht. Chodorkowskij verfügte bislang über 59,5 Prozent an der Menatep-Gruppe, die Yukos kontrolliert. Diese Anteile übertrug er seinem nach Israel geflüchteten Partner Leonid Newslin.

„Chodorkowskij ist länger kein Geschäftsmann mehr“, titelte die angesehene Moskauer Wirtschaftszeitung „Wedemosti“. Der ehemalige Yukos-Chef hatte für das Blatt zuvor einen Beitrag verfasst, in dem er schrieb: „Für mich ist die Zeit des großen Geldes Vergangenheit. Ich mache mir keine Sorgen mehr um mein Vermögen und mein Schicksal.“ Das Vermögen Chodorkowskijs wurde einst auf mehr als 15 Mrd. Dollar geschätzt. Er hatte die Zerschlagung „eines der modernsten Unternehmen Russlands“ als „größten wirtschaftspolitischen Fehler“ von Präsident Wladimir Putin bezeichnet.

Die Übergabe von Chodorkowskijs Menatep-Anteil soll nach Informationen aus Menatep nahe stehenden Kreisen am 19. Dezember erfolgt sein – dem Tag, an dem die Yukos-Tochter Yuganskneftegaz (YNG) für 9,3 Mrd. Dollar an die unbekannte Baikal Finance Group zwangsversteigert worden war. YNG vereinigt den Großteil des Fördergeschäfts von Yukos auf sich. Inzwischen hat sich der staatliche Ölkonzern Rosneft die Baikal Finance Group einverleibt und das YNG-Management ausgetauscht.

Diese größte Verstaatlichung eines russischen Unternehmens seit der Unabhängigkeit des Landes hat zu scharfer Kritik von Putins liberalen Wirtschaftspolitikern am Kurs des Kreml geführt. Wirtschaftsminister German Gref forderte in einem Interview mit der Moskauer Wirtschaftszeitung „Kommersant“ die Privatisierung von YNG und Rosneft und darüber hinaus ein Ende der immer stärkeren Tendenzen zur Verstaatlichung. Zuvor bereits wurde Putins Wirtschaftsberater Andrej Illarionow als so genannter Sherpa in der G8-Gruppe der führenden Industrienationen entlassen. Illarionow hatte den Yukos-Fall als „größte Dummheit des Jahres 2004“ bezeichnet und demonstrativ das Chodorkowskij-Gerichtsverfahren besucht.

Yukos hat gegen den russischen Staat, Rosneft und die Baikal Finance Group eine 20 Mrd. Dollar schwere Schadensersatzklage angekündigt, weil YNG nur für rund die Hälfte des von westlichen Investmentbanken ermittelten Wertes versteigert wurde. Der Wert von Yukos ist seit Chodorkowskijs Verhaftung am 25. Oktober 2003 deutlich gefallen – von einst 41 Mrd. auf 1,5 Mrd. Dollar. Yukos wurden Steuernachforderungen in Höhe von 26 Mrd. Dollar vorgelegt, von denen das Unternehmen bislang rund vier Mrd. gezahlt hat.

Rosneft versucht derzeit, die Förderung von YNG aufrecht zu erhalten, während Yukos die Ölproduktion seiner weiteren Töchter wegen Mangels an neuem Material reduziert hat. Der einst größte russische Ölkonzern kann keinerlei Modernisierung und Instandhaltungsarbeiten mehr tätigen, weil seit fast einem Jahr das Vermögen von den Gerichtsvollziehern konfisziert wird. Alle laufenden Einnahmen von Yukos werden zudem gepfändet. Jetzt sollen zudem 55 Prozent des bislang 1 500-köpfigen Personals der Yukos- Hauptverwaltung entlassen werden.

Von der Zeitung „Wedomosti“ befragte Politiker sagten gestern, sie rechneten damit, dass Chodorkowskij nach seinem Prozess in die Politik einsteigt. Er gilt als einer der größten Widersacher Putins. Allerdings hatte Chodorkowskij jüngst in dem Beitrag für die Zeitung selbst die Erwartung geäußert, er rechne mit mindestens fünf Jahren Haft. „Die russische Regierung fürchtet, dass ich Rache nehme“, begründete er in dem Artikel seine Einschätzung.

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