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11.10.2012

10:53 Uhr

CO2-Grenzwerte

Oettinger macht den Diener vor Winterkorn

Günther Oettinger schlägt sich auf die Seite der Autoindustrie. Der EU-Energiekommissar freut sich, dass nach 2020 noch keine verbindlichen CO2-Grenzwerte festgelegt wurden – und schreibt einen Brief an den VW-Chef.

EU-Kommissar Günther Oettinger: Verwässerung der Klimaauflagen? dpa

EU-Kommissar Günther Oettinger: Verwässerung der Klimaauflagen?

MünchenDie EU-Kommission soll der Autoindustrie bei der Verhandlung um den künftigen CO2-Ausstoß ihrer Fahrzeuge erheblich entgegengekommen sein. Das geht laut „Süddeutsche Zeitung“ (Donnerstag) aus einem Brief von Energiekommissar Günther Oettinger an Volkswagen-Chef Martin Winterkorn hervor. Demnach sei es ein Erfolg, dass Brüssel im Juli keine verbindlichen CO2-Grenzwerte für die Zeit nach 2020 festgelegt habe.

Damals hatte EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard neue Details vorgeschlagen, wie ein durchschnittlicher CO2-Ausstoß von 95 Gramm pro Kilometer bei Neuwagen bis 2020 zu berechnen sei. Umweltorganisationen hatten einen Grenzwert von 80 Gramm und weitere Vorgaben für das Jahr 2025 gefordert. Fehlende Grenzwerte für die Zeit nach 2020 dürften aber allen europäischen Herstellern gelegen kommen.

Greenpeace wirft der Branche seit langem vor, zu wenig für den Klimaschutz zu tun. „Energiekommissar Oettinger hat dazu beigetragen, die Klimaauflagen zu verwässern“, sagte Greenpeace-Expertin Franziska Achterberg der Zeitung.

Oettingers Brief ist laut dem Blatt eine Antwort auf eine Bitte Winterkorns, darauf zu achten, dass der Wolfsburger Konzern durch ein neues Gesetz nicht schlechter gestellt werde als die Konkurrenz. Demnach stamme Winterkorns Bitte vom 5. Juli und Oettingers Brief vom 12. Juli. Einen Tag zuvor, am 11. Juli, verabschiedete die Kommission ihren Entwurf zur Novellierung zweier Verordnungen zu CO2-Emissionen.

Erst am Mittwoch hatte „Die Welt“ über eine ähnliche Hilfestellung der Kommission für die derzeit von der Absatzkrise gebeutelte Autoindustrie berichtet. Aus einem der Zeitung vorliegenden Strategiepapier von Industriekommissar Antonio Tajani gehe hervor, dass neue Gesetze, die die Autobauer berühren, erst eine „rigorose Prüfung“ bestehen müssten, bevor sie in Kraft treten könnten, hieß es in dem Bericht.

Winterkorns Karriere

Ausbildung

Nach dem Abitur in Korntal studierte W. an der Universität Stuttgart Metallkunde und Metallphysik. 1973-1977 war er Doktorand am Max-Planck-Institut für Metallforschung und Metallphysik, wo er 1977 zum Dr. rer. nat. promovierte.

Karrierebeginn bei Bosch

1977 begann Winterkorn bei der Robert Bosch GmbH in Stuttgart als Spezialist für Prozesstechnologie. Ab 1978 leitete er die Kältemittelverdichter-Entwicklung ("Stoffe und Verfahren") bei der Bosch-Siemens-Hausgeräte GmbH.

Eintritt bei Audi

Bei Audi wurde Winterkorn 1981 Assistent des Vorstands für Qualitätssicherung, 1983 erhielt er die Zuständigkeit für Messtechnik und die Testverfahren bei Neuentwicklungen. Anfang 1988 berief ihn der gerade zum Audi-Chef aufgestiegene Piëch zum Leiter des Bereichs "Zentrale Qualitätssicherung", 1990 wurde er Leiter der "Qualitätssicherung". Winterkorn setzte nicht zuletzt Piëchs Initiativen im Detail um. So hatte er Anteil an der Entwicklung des permanenten Allradantriebs und an der Realisierung der vollverzinkten und damit rostfreien Karosserie (mit einer imagefördernden Zehn-Jahres-Garantie). In jenen Jahren gelang es daher, mit Audi in den exklusiven, bis dahin in Deutschland von Mercedes und BMW allein dominierten Premiummarkt vorzustoßen. Schrittmacher wurden hierfür in den 90er Jahren der Einstieg in die Oberklasse mit dem A8 sowie in den Sportwagen-Markt mit dem Audi TT. Weiter verdient machte sich Winterkorn bei der Rationalisierung der Abläufe in der Produktion, was die Rentabilität entschieden verbesserte.

Wechsel nach Wolfsburg

Anfang 1993 wechselte Winterkorn zum 1938 gegründeten VW-Konzern nach Wolfsburg. Als neuer Konzernchef übertrug Piëch Winterkorn die Verantwortung für die Qualitätssicherung. In Jahren zuvor war der VW-Konzern, der sich jahrzehntelang auf den Massenmarkt (Pkw, Lkw) mit einigen wenigen einfachen Modellen beschränkt hatte, in die Offensive gegangen und hatte mehr und technisch anspruchsvollere Modelle auf den Markt gebracht und zudem kleinere europäische Pkw-Anbieter aufgekauft. 1994 erhielt Winterkorn den Titel eines Generalbevollmächtigten, und ab 1995 leitete er das Konzern-Produktmanagement. Anfang 1996 wurde er in den Markenvorstand VW berufen und verantwortete dort die technische Entwicklung. In diesen Funktionen trug er dazu bei, die Umsatz-Verdoppelung des VW-Konzerns 1993-2000 von 76,6 Mrd. DM auf 167,3 Mrd. DM von Seiten der Fertigung abzusichern. Winterkorn förderte auch die Entwicklung des "Phaeton" und damit den Einstieg in die Luxusklasse. Das technisch überzeugende Modell setzte sich auf dem Markt aber nicht durch. 2000 übernahm Winterkorn im Vorstand das Ressort Forschung und Entwicklung. Wenig später schaffte VW das Konzept ab, möglichst viele Modelle auf einer Plattform zu fertigen und setzte stattdessen auf das "Gleichteilekonzept", von dem sich der Konzern mehr Flexibilität und mehr Möglichkeiten für eine individuelle Marken-Entwicklung versprach

Vorstandsvorsitzender der Audi AG

Zum 1. März 2002 stieg Winterkorn zum Vorstandschef der Audi AG auf und löste Franz-Josef Paefgen ab. Im April 2002 trat überdies der frühere BMW-Chef Bernd Pischetsrieder an die VW-Konzernspitze. Ferdinand Piëch übernahm nun den Aufsichtsratsvorsitz. Bereits im Nov. 2001 hatte VW eine Neustrukturierung des Konzerns in zwei Markengruppen vereinbart. Als Führungsmarke der klassischen Linie wurde VW unter Pischetsrieder direkter Führung für die tschechische Skoda und die britische Bentley zuständig. Winterkorn rückte als erster Audi-Chef in den VW-Konzernvorstand ein und betreute die sportliche Markengruppe mit Audi, Seat und Lamborghini. Die prestigeträchtige, aber verlustreiche Automobili Lamborghini SpA bei Bologna hatte VW 1998 erstanden. Die stagnierende spanische Sociedad Espagnola de Automóviles de Turismo (Seat) in Barcelona sollte sich zu einer sportlichen und zugleich bezahlbaren Marke weiterentwickeln.

Umbau der Audi-Produktpalette

Bei seinem Amtsantritt kündigte Winterkorn für die Marke Audi Offensiven an, um das nach sechs Rekordjahren 2002 bei Absatz und Gewinn etwas ins Stocken geratene Wachstum wieder zu forcieren und um Audi dauerhaft in der Premiumklasse zu etablieren. Den Schlüssel hierfür sah Winterkorn in einer konsequent sportlichen Ausrichtung aller Modelle unter dem Slogan "mehr Muskeln, weniger Fett". Winterkorn setzte dabei auf weitere Crossover- und Kombi-Modelle. Zur forcierten Sportlichkeit trugen Allrad, Aluminium-Karossen und Neuerungen für ein zuverlässiges Fahrverhalten bei. Auch deshalb übernahm Winterkorn das Technikressort persönlich. Das sportliche Image abrunden konnten Investitionen in ein entsprechendes Design. Nachholbedarf machte Winterkorn auch in einer stabileren Auslastung der Werke Ingolstadt und Neckarsulm aus. Entsprechend arbeitete er daran, die starre Spezialisierung der Werke auf bestimmte Modelle durch mehr Flexibilität zu ersetzen, um Auftragsschwankungen auszugleichen. Für all diese Maßnahmen legte Winterkorn 2004 ein Investitionsprogramm bis 2009 in Höhe von 11,6 Mrd. Euro auf.

Aufstieg in den VW-Vorstand

Parallel zur Arbeit für Audi gestaltete Winterkorn ab 2002 im VW-Vorstand die Konzernpolitik mit und begleitete die weitaus schwierigere Entwicklung bei der VW-Markengruppe, wobei dort die Absatzkrise bei der Marke VW anhielt. Entsprechend trug Audi 2004 etwas mehr als die Hälfte zum Konzerngewinn bei. Winterkorn begrüßte 2005 den Einstieg des überaus profitablen Sportwagenherstellers Porsche, der zunächst 20 Prozent und bis 2006 dann 25,1 Prozent der Stammaktien (15,3 Prozent des gezeichneten Kapitals) an VW aufkaufte. Als Enkel des Porsche-Gründers besaß Piëch 13,2 Prozent der Stammaktien an Porsche. Immerhin hatte Porsche zeitweise im Audi-Werk Neckarsulm produziert. Ebenfalls 2005 beschloss VW Investitionen bis 2009 in Höhe von 24,7 Mrd. Euro.

Vorstandschef der Volkswagen AG

Winterkorn wurde im Nov. 2006 für den Vorstandsvorsitz des VW-Konzerns nominiert, den er im Jan. 2007 von dem ein Jahr jüngeren Pischetsrieder übernahm. Der Schritt erfolgte überraschend, da dessen Vertrag erst im Mai 2006 verlängert worden war. Bezeichnenderweise hoben die Kommentatoren bei Winterkorns Bestellung einmütig dessen seit 25 Jahren gepflegtes kollegiales Verhältnis mit Piëch hervor. An die Spitze von Audi trat Finanzvorstand Rupert Stadler. Nach dem Amtsantritt Winterkorns stimmte der Aufsichtsrat am 11. Jan. 2007 dessen Plänen für einen tiefgreifenden Umbau des Unternehmens zu. U. a. wurden die beiden Markengruppen VW (VW, VW Nutzfahrzeuge, Skoda, Bentley und Bugatti) und Audi (Audi, Seat und Lamborghini) aufgelöst. Wie erwartet, schied daraufhin der als Sanierer bewährte VW-Markenchef Wolfgang Bernhard aus, und Winterkorn selbst übernahm neben der Leitung der Kernmarke VW den Posten des Vorstands für Forschung und Entwicklung. Auch in seiner neuen Funktion präsentierte sich Winterkorn als Perfektionist mit einem großen Interesse an technischen Details und der Verbesserung der Produktqualität. 2008 übernahm VW als neue Marke den schwedischen LKW-Hersteller Scania, nachdem die Wolfsburger zuvor ihre Anteile schrittweise erhöht hatten. Dagegen verkaufte Volkswagen im selben Jahr seine brasilianische LKW-Tochter an den Nutzfahrzeugkonzern MAN, an dem Winterkorns Unternehmen selbst als einer der Hauptaktionäre beteiligt war

Engagement im Profifußball

Neben der Umgestaltung des Automobilkonzerns machte er nach seinem Amtsantritt auch die als GmbH geführte Fußballtochter von VW, den VfL Wolfsburg, zur Chefsache. "Ihm liegt nicht nur das perfekte Automobil am Herzen, sondern eben auch der Fußball", stellte das Handelsblatt fest, nachdem der VfL durch den von Winterkorn verpflichteten Trainer und Manager Felix Magath sowie dank mehrerer Dutzend Millionen teurer Spielerverpflichtungen zum Bundesligaspitzenteam geformt wurde und im Mai 2009 erstmals die Deutsche Meisterschaft gewann. Seine Fußballbegeisterung verbindet der auch im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG sitzende Winterkorn jedoch mit geschäftlichen Anliegen. So nutzt er etwa die Heimspiele des VfL, um Händler aus der Region der Gastmannschaft zum Gespräch über Modelle und Vertriebspolitik in die Wolfsburger Volkswagen-Arena einzuladen

Von

dpa

Kommentare (11)

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pietmondrian

11.10.2012, 11:02 Uhr

Winterkorn & Co verstehen wenigstens die einzige Sprache nach Brüssel abgeschobenen politischen Migranten: Deutsch.

Numismatiker

11.10.2012, 11:28 Uhr

Die richtige Sprache für Brüssel ist nicht "Deutsch" sondern "Geld"

Dr.ThomasNonte

11.10.2012, 11:33 Uhr

Hat irgendweg von Herrn Öttinger, seit eh und je bekannt als Klientel-Politiker, etwas anderes erwartet?

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