Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.12.2015

18:09 Uhr

CO2-Skandal

Volkswagen rechnet mit weniger betroffenen Autos

Jetzt also doch alles halb so schlimm im CO2-Skandal? Einem VW-Sprecher zufolge kann der Konzern für zahlreiche der ursprünglich verdächtigen 800.000 Autos Entwarnung geben. Doch die Kunden halten sich weiter zurück.

Die Zahl der vom VW-Skandal betroffenen Fahrzeuge sinkt weiter und weiter. AFP

Ausmaß kleiner als gedacht

Die Zahl der vom VW-Skandal betroffenen Fahrzeuge sinkt weiter und weiter.

WolfsburgZumindest der Skandal um zu hohe Spritverbrauchswerte könnte für VW glimpflicher ausgehen als befürchtet. Die Zahl der verdächtigen Autos schrumpfe, sagte ein Unternehmenssprecher am Donnerstag der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX: „Es werden von Tag zu Tag weniger.“ Auch die gemessenen Abweichungen dürften demzufolge am Ende in einem geringen Bereich landen. Anfang November hatte VW noch mitgeteilt, dass konzernweit rund 800.000 Autos von Unregelmäßigkeiten bei Werten zum Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxid (CO2) und damit auch beim Spritverbrauch betroffen sein könnten. Skoda gab bereits komplett Entwarnung.

Genaue Angaben, wieso sich bei einigen Modellen die Unregelmäßigkeiten nun quasi in Luft aufgelöst hätten, machte der Sprecher zunächst nicht. Derzeit prüfe VW mit dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) noch weitere Modelle. Das KBA war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Ein Audi-Sprecher verwies auf die Frage, wie es bei Audi-Fahrzeugen aussehe, an den Konzern. Der VW-Sprecher kündigte für die kommende Woche genauere Ergebnisse der Nachmessungen an.

Stickoxide und CO2

Stickoxide (NOx)

Gesundheitsschädliche Stickoxide wie etwa Stickstoffmonoxid und -dioxid kommen in der Natur nur in winzigen Mengen vor. Sie stammen vor allem aus Autos, aber auch aus Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Dieselmotoren stoßen viel mehr NOx aus als Benziner. Die Stoffe können Schleimhäute angreifen und so zu Husten, Atembeschwerden und Augenreizungen führen. Sie können auch Herz und Kreislauf beeinträchtigen. Pflanzen werden dreifach geschädigt: NOx sind giftig für Blätter, und sie überdüngen und versauern die Böden. Außerdem tragen Stickoxide zur Bildung von Feinstaub und bodennahem Ozon bei. Technisch lassen sie sich mit einem Drei-Wege-Katalysator von Benzinern in unschädlichen Stickstoff (N2) und Sauerstoff (O2) umwandeln. Es bleiben jedoch immer NOx-Reste übrig. Bei Dieselmotoren ist der Abbau von NOx bedeutend schwieriger – er gelingt etwa durch Einspritzung einer zusätzlichen Harnstoff-Lösung in den Abgasstrom.

NOx-Grenzwerte beim Auto

Der Grenzwert in Pkw-Abgasen für alle Stickoxide zusammen liegt in der EU bei 80 Milligramm pro gefahrenen Kilometer (mg/km) für Diesel- und bei 60 mg/km für Benzinmotoren. Der von der US-Umweltbehörde EPA geforderte Wert liegt im Schnitt bei umgerechnet 43,5 mg/km. Allerdings sind die US-Kontrollsysteme nicht einheitlich, und die Vorschriften können je nach US-Bundesstaat abweichen.

Kohlendioxid (CO2)

Es ist in nicht allzu großen Mengen unschädlich für den Menschen, aber zugleich das bedeutendste Treibhausgas und zu 76 Prozent für die menschengemachte Erderwärmung verantwortlich. Der Straßenverkehr verursacht nach Angaben des Umweltbundesamts rund 17 Prozent aller Treibhausgas-Emissionen in Deutschland - hier spielt CO2 die bei weitem größte Rolle. Es gibt zwar immer sparsamere Motoren, zugleich aber immer größere Autos mit mehr PS und mehr Lkw-Transporte. So ist der Treibhausgas-Ausstoß des Verkehrs von 1990 bis 2014 sogar um 0,6 Prozent gestiegen. Die Konferenz von Paris (30. November bis 11. Dezember) soll die Emissionen so verringern, dass sich die Erdatmosphäre um nicht mehr als zwei Grad aufheizt.

CO2-Grenzwerte beim Auto

In diesem Jahr müssen die Autohersteller in der EU bei ihrer Pkw-Flotte im Durchschnitt einen Grenzwert von 130 Gramm CO2 pro Kilometer erreichen. 2021 sind dann nur noch 95 g/km erlaubt. In den USA liegen diese Schwellen geringfügig höher: Die Vorgabe der Umweltbehörde EPA sieht für die im Jahr 2016 zugelassenen Fahrzeuge einen Grenzwert für Personenwagen von umgerechnet etwa 140 g/km vor. Bis 2025 sinkt der Durchschnittsgrenzwert auf rund 89 g/km.

Zur Höhe möglicher Abweichungen hatte sich VW bis vor kurzem nicht geäußert. Der VW-Sprecher sagte nun, Abweichungen von den Katalogwerten lägen bei den verbliebenen Autos um zwei bis acht Gramm CO2 pro Kilometer. Das entspreche einem zu hohen Spritverbrauch von 0,1 bis 0,2 Liter auf 100 Kilometern.

Die Deutschland-Chefin der VW-Tochter Skoda hatte zuvor bereits erklärt, Skoda sei entgegen eines anfänglichen Verdachts nicht von Unregelmäßigkeiten bei den CO2-Werten betroffen. Das Unternehmen habe die Skoda-Händler informiert, sagte Imelda Labbé in Frankfurt. Warnhinweise, dass die tatsächlichen CO2- und damit auch die Spritverbrauchswerte nicht mit den Angaben des Herstellers übereinstimmen, könnten entfernt werden.

Ursprünglich hatte ein Sprecher des VW-Konzerns mitgeteilt, dass auch das Skoda-Modell Octavia von Unregelmäßigkeiten betroffen sei. Bei VW stünden Polo, Golf und Passat auf der Verdachtsliste, hatte es damals geheißen. Bei Audi waren der A1 und der A3 im Fokus, bei Seat der Leon und der Ibiza.

Piëch zeigt sich: Lockerungsübung im Jägerhof

Piëch zeigt sich

Premium Lockerungsübung im Jägerhof

Die Familie Porsche/Piëch hat sich bisher in der VW-Affäre zurückgehalten. Nun tastet sich der Clan zögerlich an die komplizierte Gemengelage heran: Die traditionelle Isny-Runde im Allgäu wird zum inoffiziellen Krisen-Gipfel.

Diese Unregelmäßigkeiten sind aber unabhängig von der weitaus größeren Skandal-Baustelle bei VW: den Manipulationen der Stickoxidwerte bei weltweit bis zu 11 Millionen Autos des Konzerns. Davon sind die VW-Töchter Skoda, Audi und Seat sowie die Kernmarke VW unverändert betroffen.

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte kürzlich von einer „Kaufzurückhaltung“ der Kunden berichtet. „Das Thema CO2 hat eine Vertrauenskrise ausgelöst“, befürchtete er. Für die Kunden seien die zu niedrig angegebenen CO2- und damit auch Spritverbrauchswerte bei 800.000 Autos des VW-Konzerns viel entscheidender als die Manipulationen beim Stickoxidausstoß, die zuerst bekannt geworden waren.

VW-Konzernchef Matthias Müller hatte am Mittwoch angekündigt, den Skandal um falsche CO2- und Spritverbrauchswerte bis Ende 2016 hinter sich lassen zu wollen. „Ich hoffe, dass wir damit Ende nächsten Jahres weitgehend durch sind“, sagte er dem Magazin „Stern“.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×