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21.05.2013

14:18 Uhr

CO2-Streit mit Brüssel

Autobranche spricht bei der Kanzlerin vor

Die deutschen Autohersteller verkaufen größere Fahrzeuge als die Konkurrenz in Europa. Schärfere Klimaschutzregeln würden sie daher mehr treffen. Der mächtige Branchenverband VDA hat nun an Kanzlerin Merkel geschrieben.

BMW-Modelle bei einer Automesse: Deutsche Premiumhersteller würden unter härteren Klimaschutzrichtlinien besonders leiden. dapd

BMW-Modelle bei einer Automesse: Deutsche Premiumhersteller würden unter härteren Klimaschutzrichtlinien besonders leiden.

BerlinDie deutsche Autobranche kämpft vehement gegen schärfere Klimaschutzrichtlinien der EU. Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, bat in einem Brief Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) um Hilfe. Wissmann warnte in dem Schreiben vom 8. Mai, das der dpa vorlag, vor „überzogenen“ CO2-Regulierungen in Europa sowie indirekt vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Über den Brief hatte zuvor die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet.

„Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, liebe Angela“, schrieb Wissman, es dürfe nicht sein, dass „wir unser leistungsfähiges und starkes Premiumsegment, das fast 60 Prozent der Arbeitsplätze unserer Automobilhersteller in Deutschland ausmacht, über willkürlich gesetzte Grenzwerte buchstäblich kaputt regulieren lassen“.

Was bedeuten die CO2-Vorschläge der EU-Kommission?

Was bedeuten die Pläne für Autofahrer?

Kritiker warnen vor steigenden Verkaufspreisen, Befürworter werben mit sinkenden Spritkosten. „Das 95-Gramm-Ziel [wird] nicht ohne erhebliche Mehrkosten zu erreichen sein“, sagt Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA). Die EU-Kommission geht davon aus, dass ab dem Jahr 2020 neue Pkw 1100 Euro mehr kosten. Die Einsparungen beim Spritverbrauch lägen jedoch ungleich höher: Zwischen 2900 und 3800 Euro ließen sich über die Betriebsdauer eines Autos an der Tankstelle einsparen. Das Durchschnittsauto hätte laut Greenpeace dann einen Spritverbrauch von 3,7 Liter pro 100 Kilometer.

Werden deutsche Hersteller benachteiligt?

Die Vorgaben verlangen besondere Anstrengungen von den Produzenten schwerer Pkw. In diesem Segment ist Deutschland besonders stark vertreten. Gerade VW ging laut EU-Diplomaten deshalb dagegen an. Im Verhältnis zum Gewicht sollen allerdings alle gleich viel einsparen - und zwar 27 Prozent an Kohlendioxid pro Kilometer mehr als bei der geltenden Vorgabe von 130 Gramm. Die deutsche Autoindustrie hatte schwere Wagen weniger stark belasten wollen.

Was müssen die einzelnen Hersteller erreichen?

Damit die gesamte europäische Pkw-Flotte 2020 auf einen Durchschnittswert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer kommt, müssen die Hersteller noch zulegen. Nach Angaben von EU-Diplomaten müsste Daimler dann auf 98,8 Gramm kommen, BMW auf 100 Gramm und Fiat auf 87 Gramm - vorausgesetzt, das Fahrzeuggewicht ändert sich nicht. Hier ist nach Ansicht von Experten aber auch noch Luft für Einsparungen.

Wie reagieren Umweltverbände auf die Pläne?

Den Umweltverbänden gehen die Vorgaben nicht weit genug. Grüne, WWF, NABU, Greenpeace und Verkehrsclub Deutschland forderten einen strengeren Grenzwert von 80 Gramm pro Kilometer bis 2020. Dies sei technisch machbar, ökologisch geboten und ökonomisch sinnvoll. Zudem wollen sie eine Vorgabe für das Jahr 2025. Unzufrieden sind sie auch mit Ausnahmen für „verbrauchsarme“ Fahrzeuge wie Elektroautos. Hier dürfen sich Hersteller für jedes produzierte Auto 1,3 Wagen anrechnen lassen.

Was ist mit Kleintransportern?

Sie müssen nur einen Zielwert von 147 Gramm CO2 pro Kilometer erreichen. Die EU-Experten sagen, man wolle nicht schon wieder an erst vergangenes Jahr beschlossenen Regeln für leichte Nutzfahrzeuge rütteln. Das könne aber noch einmal überprüft werden.

Wie ist denn die Lage in der Autobranche derzeit?

Unterschiedlich. In der EU ist der Autoabsatz angesichts der Schuldenkrise seit Monaten auf Talfahrt. Vor allem in Spanien, aber auch Frankreich sind die Verkäufe eingebrochen. Der deutsche Automarkt dagegen steht noch gut da. Insgesamt steuert die Branche auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu. Konzerne wie Peugeot-Citroën, Opel, Fiat, die vom schwachen europäischen Markt abhängig sind, stecken in einer tiefen Krise und kämpfen gegen Überkapazitäten. Autoexperten erwarten Werksschließungen.

Können weltweite Exporte die Misere abmildern?

Konzerne, die weltweit gut aufgestellt sind, machen in der Tat die Schwäche in Europa durch das Wachstum vor allem in China und den USA mehr als wett. Unter den europäischen Herstellern zählen dazu neben dem breit aufgestellten VW-Konzern auch die Oberklasse-Hersteller Daimler und BMW. Neben den Klimaschutz-Vorgaben müssen die Hersteller aber Milliarden in neue Antriebstechnologien wie Elektro investieren.

Ist alles schon beschlossene Sache?

Nein. Die Mitglieder der EU-Kommission haben nun eine gemeinsame Position vorgestellt. Über diese verhandeln nun die EU-Länder und das Europaparlament.

Der frühere Bundesverkehrsminister bat Merkel, sich in den kommenden Wochen für Verbesserungen einzusetzen, um die Regulierung „in eine ökologische und ökonomische Balance zu bringen.“ Die deutsche Automobilindustrie hat in Deutschland rund 750.000 Beschäftigte.

Hintergrund sind Pläne, die CO2-Grenzwerte weiter zu verschärfen. Bisher soll der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) in der EU bis zum Jahr 2020 auf im Durchschnitt 95 Gramm je Kilometer für die Neuwagenflotte der Hersteller sinken. Derzeit gilt ein Zielwert von 130 Gramm.

Für die Zeit nach 2020 müssen sich die Hersteller aber auf weitere CO2-Sparanstrengungen einstellen. Der Umweltausschuss des Europaparlaments hatte Ende April für Obergrenzen von 68 bis 78 Gramm CO2 pro Kilometer für das Jahr 2025 votiert - oder umgerechnet 3 Liter Benzinverbrauch. 2012 lag der Normverbrauch deutscher Autos nach Branchenangaben bei knapp 6 Litern.

Kommentare (4)

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Joerg_Duerre

21.05.2013, 15:31 Uhr

Der VDA Ansatz klingt, ohne ihn im Detail zu kennen, relativ vernünftig.

Biokraftstoffquote abschaffen und alternative Antriebe stattdessen fördern. Dürfte volkswirtschaftlich, d.h. regional vorteilhaft sein. Derzeit kommt E10 und Biodiesel schließlich kaum noch aus Deutschland.

Für eine Übergangszeit könnte ggf. Biokraftstoff als Reinkraftstoff für Hybridfahrzeuge gefördert werden. (Sofern Wettbewerb im Kraftstoffmarkt gewünscht wäre)

Account gelöscht!

21.05.2013, 17:53 Uhr

Sie sagen es richtig, der Bio Treibstoff kommt kaum noch aus Deutschland. Dafür werden in anderen Teilen der Welt die Regenwälder abgeholzt, möglich in Form von Brandrohdung damit Ölpalmen angebaut werden können. Fliegen Sie mal über Indonesien oder Malaysia. Kaum noch Regenwald aber jede Menge Ölpalmplantagen. In Malaysia nicht so schlimm wie in Indonesien.
Was sagen dazu unsere Grünen eigentlich? Bisher NIX! oder habe ich da was überhört.
Die Biokraftstoffe haben noch einen weiteren erheblichen Nachteil. Durch den vermehrten Anbau von Raps z.B. wird weniger Getreide oder andere Früchte die der menschlichen Ernährung dienen angebaut. Das treibt die Lebensmittelpreise in die Höhe. Ist das gewollt? Ich bin der Meinung, Lebensmittel gehören nicht in den Tank und E10 gehört verboten genauso wie der Import von Palmöl wenn dieses den Kraftstoffen beigemischt werden soll.

EinBenutzernameIstMirSchnuppe

21.05.2013, 18:11 Uhr

Dinosaurier wurden auch immer größer und größer. leider aber wohl auch immer ideenloser und zur Anpassung an ihre Umwelt unfähiger. Dann starben diese aus. Wer zwingt denn die "innovativen Deutschen Autobauer" zu deren Dinosaurier-Wahn und -Verhalten? Vermutlich, nur sie selbst. RIP

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