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01.09.2012

15:32 Uhr

Contergan-Skandal

Entschuldigung ist für Verbände „beleidigender Unsinn“

Der Contergan-Hersteller Grünenthal hat sich 50 Jahre nach Einführung des Medikaments entschuldigt – doch weltweiten Opferverbänden geht das nicht weit genug. Die Entschuldigung sei nur „ein PR-Gag“ und „erbärmlich“.

Das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan wurde 1957 auf den Markt gebracht. Viele werdende Mütter nahmen es ein. Doch bald kamen weltweit etwa 10.000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt. dpa

Das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan wurde 1957 auf den Markt gebracht. Viele werdende Mütter nahmen es ein. Doch bald kamen weltweit etwa 10.000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt.

Die Entschuldigung des Contergan-Herstellers Grünenthal ist bei Opferverbänden weltweit auf Kritik gestoßen. „Wir erwarten Taten, und wenn diese Taten nicht folgen, dann bleibt dies nur eine leere Hülse und ein PR-Gag“, sagte die Sprecherin des Bundesverbands Contergangeschädigter. Auch Opfervertreter in Großbritannien, Japan und Australien wiesen die Grünenthal-Erklärung als unzureichend zurück.

Der Bundesverband Contergangeschädigter nehme „diese menschliche Rede zur Kenntnis“, sagte Sprecherin Ilonka Stebritz mit Blick auf die Äußerungen von Grünenthal-Chef Harald Stock vom Vortag. Zugleich wies sie darauf hin, dass sich das Pharmaunternehmen nicht für die Einführung des Medikaments vor rund 50 Jahren entschuldigt habe.

Stock hatte am Freitag bei der Einweihung eines Contergan-Denkmals in Stolberg erstmals bei den Betroffenen um Entschuldigung gebeten. „Wir bitten um Entschuldigung, dass wir fast 50 Jahre lang nicht den Weg zu Ihnen von Mensch zu Mensch gefunden haben“, sagte er. Das jahrzehntelange Schweigen des Pharmakonzerns sei „als Zeichen der stummen Erschütterung zu sehen“, die das Schicksal der Opfer bei dem Unternehmen bewirkt habe.

In Deutschland war das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan von 1957 bis 1961 rezeptfrei vertrieben worden, es wurde auch von vielen Schwangeren genommen. Der Wirkstoff Thalidomid führte weltweit bei schätzungsweise 10.000 Kindern zu dauerhaften Schäden, darunter schwerwiegende Fehlbildungen. Neben Deutschland leben die meisten Opfer in Großbritannien, Japan, Kanada und Australien.

Auch aus diesen Ländern kam am Samstag scharfe Kritik an der Entschuldigung von Grünenthal. „Wir denken, dass eine echte und aufrichtige Entschuldigung eine ist, die ein tatsächliches Fehlverhalten einräumt“, sagte das britische Contergan-Opfer Nick Dobrik dem Sender BBC. Dies habe Grünenthal nicht getan. Der Chef des britischen Contergan-Opferverbands, Freddy Astbury, der ohne Arme und Beine auf die Welt kam, forderte eine finanzielle Entschädigung für die Opfer.

Anwälte australischer Opfer nannten die Entschuldigung „erbärmlich“. Sie ist zu wenig, zu spät und durchsetzt mit weiterer Falschheit“, erklärten die Anwälte des Australierin Lynette Rowe. Das lange Schweigen mit einer „stummen Erschütterung“ des Unternehmens zu begründen, sei „beleidigender Unsinn“. Der Konzern habe 50 Jahre lang versucht, die moralischen, juristischen und finanziellen Konsequenzen des Skandals zu umgehen.

Auch der japanische Opferverband „Sakigake“ zeigte sich von der Entschuldigung enttäuscht. „Die Zahl der Opfer wäre geringer gewesen, wenn der Konzern den Verkauf früher gestoppt hätte“, sagte Verbandschef Tsugumichi Sato. Sein Verband werde genau verfolgen, welche Verantwortung Grünenthal künftig übernehmen werde.

Die FDP-Politikerin Nicole Bracht-Bendt begrüßte dagegen die Entschuldigung des Arzneimittel-Herstellers. „Diese Geste war schon lange überfällig“, erklärte die Sprecherin für Frauen und Senioren der FDP-Bundestagsfraktion am Samstag.

Der Bundesverband Contergangeschädigter lehnt darüber hinaus auch das neue Contergan-Denkmal in Stolberg ab. Die Bronzestatue eines Mädchens ohne Arme und mit missgebildeten Beinen verharmlose „das schuldhafte Verhalten von Grünenthal“, erklärte der Verband kurz vor der Einweihung am Freitag. Es handele sich um eine „PR-Maßnahme“ des Konzerns.

Von

afp

Kommentare (11)

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Nobody

01.09.2012, 16:33 Uhr

Entschuldigung ist für Verbände "beleidigender Unsinn"

Mann-oh-mann, man kann es keinem Recht machen!

Also ich würde die Entschuldigung zurücknehmen und basta, die Angelegenheit aus meinem Gedächtnis streichen. In jeder Beziehung.

Toleranz

01.09.2012, 16:44 Uhr

Was wollen die für Taten sehen?

Soll Grünenthal neue Gliedmaße züchten?

Was für eine hasserfüllte Meute. Aber, mit deutschen Firmen kann man's ja machen. Auch die haben zu zahlen, bis in alle Ewigkeit.



Jens_Martin

01.09.2012, 16:52 Uhr

Ich frage mich, wieso ein Grünenthalmanager sich bei den Opfern entschuldigt. Wäre es nicht viel würdevoller gewesen, wenn das ein Mitglied der Grünenthaleignerfamilie Wirtz getan hätte? Entscheidend ist natürlich, dass Familie Wirtz nun den Worten Taten folgen lässt und die Conterganopferverbände umgehend zu Entschädigungsverhandlungen einlädt, denn es kann nicht sein, dass die Steuerzahler alle Schäden des Conterganverbrechens bezahlen, während Milliardärsfamilie Wirtz ihre Mitarbeiter nur PR-wirksame Phrasen dreschen lässt.

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