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04.10.2015

18:01 Uhr

Daimler-Hilfskonvoi

Der Krieg ist nicht weit

VonSimone Wermelskirchen

120 Tonnen Hilfsgüter für Flüchtlinge an der türkisch-syrischen Grenze. Zum dritten Mal hat Daimler seinen „Konvoi of Hope“ auf die Reise geschickt. Eine Mitarbeiterin berichtet von ihren bewegenden Eindrücken.

Der Autokonzern liefert Hilfsgüter an die türkisch-syrische Grenze. Daimler

Daimler-Konvoi

Der Autokonzern liefert Hilfsgüter an die türkisch-syrische Grenze.

DüsseldorfDie Überquerung des Bosporus hat Michaela Jung tief beeindruckt. Doch es ist nicht das Postkartenmotiv Istanbuls, nicht die Stadt mit ihrer reizvollen Mischung aus Orient und Okzident, die sich für immer in das Gedächtnis der Hauptkoordinatorin für die Daimler-Mitarbeiterinitiative zur Syrien-Flüchtlingshilfe einbrennen wird. Bleiben wird das Bild eines Kleinkindes in schmutziger Kleidung mit dunklen, zerzausten Haaren. Es steht mitten auf der Schnellstraße und streckt den Autofahrern bittend die Hand entgegen. Neben ihm auf dem harten Straßenbelag liegt die kleine Schwester – noch ein Baby, eingehüllt in eine alte Decke.

Im Hilfskonvoi Richtung türkisch-syrische Grenze kann Jung bereits in Istanbul einen ersten Eindruck von der Lage vor Ort gewinnen. „Die Türken leisten Übermenschliches bei der Betreuung so vieler Flüchtlinge, die sie als Gäste bezeichnen“, urteilt sie. Doch bei mindestens 300.000 Flüchtlingen in der Stadt gebe es einfach Leistungsgrenzen. So viele Kleinstkinder, die um Geld bittend durch die Straßen irrten – das sei schwer zu ertragen.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

Zum dritten Mal hat der Automobilkonzern Daimler im Sommer einen „Konvoi of Hope“ an die türkisch-syrische Grenze geschickt. Auf die Beine oder vielmehr auf die Räder gestellt wurde der Konvoi zusammen mit der in Frankfurt ansässigen Hilfsorganisation Luftfahrt ohne Grenzen (LOG), die längst nicht mehr nur auf dem Luftweg Hilfsgüter in Krisenregionen bringt.

Kindernahrung, Windeln, Kleider, Schuhe sowie Decken und Zelte wurden in acht Daimler-Trucks geladen: 120 Tonnen für 30.000 Flüchtlinge in den Lagern Gaziantep und Suruç. Damit „bringe Daimler lebenswichtige Güter auf den Weg, um den Menschen dort zu helfen, wo am besten geholfen werden kann: vor Ort“, sagt Daimler-Vorstand Wolfgang Bernhard.

Angesichts der flüchtenden Menschen, die ihr Heil in Europa und am liebsten in Deutschland suchen, klingt es fast wie eine Binsenweisheit, dass Hilfe trotz aller Willkommenskultur auch vor Ort bei den Flüchtlingen in den Lagern an der türkisch-syrischen Grenze oder im Irak ankommen muss. Doch die würden momentan „ein wenig aus dem Auge verloren“, sagt Alexandra Reuss, Mitarbeiterin von Adidas und zuständig für soziale Projekte. Unternehmen wie der deutsche Sportartikelhersteller, der Medizintechnik-Großhändler Intermedica, die Bahn-Logistiktochter Schenker, Fraport, Condor oder das Familienunternehmen Gebr. Heinemann engagieren sich über die LOG schon länger in den Krisengebieten dieser Welt.

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

„Allein 2014 haben wir weltweit mehr als eine halbe Million Produkte gespendet“, sagt Adidas-Chef Herbert Hainer. Gefragt sind vor allem Schuhe und Bekleidung, manchmal auch Bälle und andere Sportgeräte zur Freizeitgestaltung.

Unternehmen spenden Produkte, stellen Logistik- und Transportleistungen zu Verfügung, Mitarbeiter sammeln Spenden. Aber persönlich mit einem Konvoi in die nicht ungefährliche Region der syrisch-türkischen Grenze zu fahren, soweit gehen nur wenige. Daimler-Controllerin Jung gehört zu diesen wenigen Ausnahmen. Um zu sehen, wie die Lage vor Ort ist, ob die Hilfslieferung zuverlässig ihr Ziel erreicht, sitzt sie als Beifahrerin im Daimler-Hilfskonvoi, macht sich auf den Weg über Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien bis ins Grenzgebiet.

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