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02.10.2014

16:07 Uhr

Daimler in Paris

Ein Auto wie ein Bikini

VonLukas Bay

Daimler-Chef Zetsche kündigt in Paris eine Plug-In-Offensive an. Damit will der Konzern mehr Kunden für den elektrischen Antrieb begeistern – obwohl der sich momentan noch nicht auszahlt.

Dieter Zetsche will das Plug-In-Geschäft revolutionieren. Beim Pariser Autosalon stellt er seine Vision vor. AP

Dieter Zetsche will das Plug-In-Geschäft revolutionieren. Beim Pariser Autosalon stellt er seine Vision vor.

Ein Elektroauto, erklärt Daimler-Chef Dieter Zetsche, sei im Grunde wie ein Bikini. Der habe auch fast 20 Jahre gebraucht, um zu einem Verkaufserfolg zu werden. Im traditionsreichen Pariser Schwimmbad „Piscine Molitor“ verrät Zetsche, wie sein Konzern dem Elektroantrieb doch noch zum Durchbruch verhelfen will.

Zehn neue Plug-In-Modelle will Daimler bis zum Jahr 2017 auf den Markt bringen – alle vier Monate eins. Als erstes Modell mit dem doppelten Herzen, also einem doppelten Antrieb aus Elektro und Benzinantrieb, haben die Stuttgarter eine S-Klasse mit nach Paris gebracht. Die Verbrauchsdaten des Spitzenmodells klingen überzeugend: 2,8 Liter Benzin auf 100 Kilometer soll der S500 verbrauchen, bei den CO2-Emissionen liegt das Modell mit 65 Gramm bereits heute unter dem EU-Grenzwert für das Jahr 2020.

Chronologie des Kältemittelstreits

25. September 2012

Daimler meldet nach einem Test mit R1234yf einen Autobrand und informiert die Behörden über den Versuch. Kurz darauf wird das Thema auf der Pariser Automesse diskutiert. Die Kältemittel-Hersteller Honeywell und DuPont kritisieren den Test.

1. Januar 2013

Die EU-Richtlinie wird gültig: Autos, die ihre Typgenehmigung nach dem 1. Januar 2011 erhalten haben, dürfen das alte Kältemittel R134a ab sofort nicht mehr verwenden. Daimler benutzt es dennoch in seinen Modellen und bittet um längere Fristen.

6. Februar 2013

Daimler, BMW und Audi steigen aus einer internationalen Expertenrunde aus, weil sie deren Tests zur Sicherheit von R1234yf für nicht ausreichend halten.

6. März 2013

Rund um den Genfer Autosalon einigen sich Daimler, BMW und der VW-Konzern, künftig auf CO2 als Kältemittel zu setzen. Das Treibhausgas ist zwar als Klimakiller verschrien - belastet die Umwelt aber zum Teil deutlich weniger als die künstlich hergestellten Chemikalien. Allerdings müssen dafür völlig neue Klimaanlagen entwickelt werden - das kann dauern.

16. April 2013

EU-Industriekommissar Antonio Tajani macht Daimler keine Hoffnung auf ein Entgegenkommen aus Brüssel. „Das Gesetz ist für alle gleich“, sagt er der „Süddeutschen Zeitung“ und nimmt auch deutsche Behörden ins Visier: Wenn Fahrzeuge mit dem alten Kältemittel in einem EU-Staat zugelassen würden, müsse er ein Vertragsverletzungsverfahren gegen diesen Staat anstrengen.

8. August 2013

Bei Tests des Kraftfahrtbundesamts (KBA) mit dem Kältemittel kommt es ebenfalls zum Brand - allerdings nur unter extremen Bedingungen. Bei solchen Tests, die für Rückrufe relevant sind, passiert nichts. Honeywell wirft der Behörde später gezinkte Tests vor. Das KBA habe gezielt auf Flammen hingearbeitet.

27. August 2013

Erfolg für Daimler: Nach wochenlangem Hin und Her hebt ein Gericht in Paris einen Verkaufsstopp für bestimmte Mercedes-Modelle in Frankreich auf. Die Autos waren vom KBA mit dem alten Kältemittel zertifiziert worden.

6. November 2013

Das KBA legt den Abschlussbericht zu seinen Tests vor und empfiehlt darin weitere Prüfungen zu möglichen Risiken von R1234yf. Die EU-Kommission diskutiert die Ergebnisse, hat aber noch keine Stellung genommen.

12. Januar 2014

Daimler drückt bei CO2-Klimaanlagen aufs Tempo. Bis Mitte des Jahres sollen erste Serienaufträge an die Zulieferer gehen. Wann ersten Anlagen serienreif sind, bleibt zunächst offen.

23. Januar 2014

EU-Kommissar Tajani eröffnet in Brüssel ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland.

25. September 2014

Die EU-Kommission leitete die nächste Stufe des Verfahrens wegen Verletzung der EU-Verträge ein. Das Brüsseler Verfahren richtet sich gegen die Bundesregierung. Berlin hat zwei Monate Zeit zum Richtungswechsel. Danach könnte die EU-Kommission entscheiden, Deutschland vor den Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) zu bringen.

Doch das liegt vor allem an den irreführenden Testverfahren, mit denen die Verbrauchswerte der Hersteller berechnet werden. Legen die Modelle lange Strecken auf der Autobahn zurück, ist die Spritersparnis deutlich geringer. Gerade bei Firmenwagen, die bei einem Premiumhersteller wie Daimler einen höheren Anteil ausmachen, dürfte das der Fall sein.

Welche Modellreihen nach der S-Klasse auf Plug-In umgestellt werden, will Zetsche noch nicht verraten. Auch zur Höhe der Investition in den neuen Antrieb schweigt er sich aus. Die C-Klasse sei allerdings ein interessantes Modell für diesen Antrieb. „Kein Premiumhersteller kann mit Verbrennungsmotoren allein unter Einsatz noch so teurer Technologie-Bausteine die gesetzten 95-Gramm-Ziele erreichen“, so Zetsche. 

Für den Hersteller dürfte die Plug-In-Offensive zur Belastung für die Marge werden, gibt Zetsche unumwunden zu.  50 Euro müsse jeder Hersteller für jedes zusätzliche Gramm CO2 ausgeben, das eingespart wird – Tendenz steigend. „Von der rein wirtschaftlichen Seite gibt es deutlich attraktivere Modelle als den S500 Plug-In, aber natürlich ist es für uns wichtig, im Flottenverbrauch an der Spitze der Wettbewerber zu stehen“, so Zetsche. Für keinen Hersteller sei es derzeit möglich, die Aufwendungen für ein batteriebetriebenes Fahrzeug im Markt so zu reflektieren, dass die Margen vergleichbar wären.

Damit sich die alternativen Antriebe auch rentieren, müssten die Modelle auch von den Kunden stärker nachgefragt werden. „Wir sind überzeugt, dass die Fanbasis für unsere Plug-In-Hybriden deutlich schneller wächst“, sagt Zetsche. Geht es nach den Plänen der Bundesregierung könnten die Plug-In-Hybriden bald genauso behandelt werden wie reine Elektromobile und in den Genuss zahlreicher gesetzlicher Vorteile, wie beispielsweise einer freien Benutzung der Busspur in großen Städten kommen.

Eine weitere Anpassung der CO2-Ziele hält der Daimler-Chef dagegen für überflüssig. Schon mit der heutigen Gesetzeslage sei deutliche Reduktion der Abgaswert in den kommenden Jahren möglich.

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