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19.03.2004

10:03 Uhr

Das Geld für Forschung wird knapp

Glanz und Elend der Auto-Puzzler

VonP. Brors und M. Freitag (Handelsblatt)

Der Druck der Automobilkonzerne auf die Zulieferer steigt. Die Folge: Arbeitsplätze verschwinden ins Ausland. Und bei vielen Firmen wird das Geld für die Forschung knapp.

DÜSSELDORF. Montag vergangene Woche: Knapp 1 000 Mitarbeiter des Automobil-Zulieferers Behr GmbH & Co. KG ziehen vom Werksgelände in Stuttgart-Feuerbach zu einer Betriebsversammlung in ein nahes Kongresszentrum. Schweigend, mit ernsten Gesichtern und düsteren Gedanken. Am Ende des Trauermarschs stellen sie einen Sarg ab. „Symbolisch für all die Arbeitsplätze, die in Deutschland zu Grabe getragen werden.“ Die Unternehmensführung wolle in den nächsten Jahren 770 bis 930 Stellen in Deutschland streichen, „eine mittlere Katastrophe“, sagt Betriebsratschef Wilfried Winterer.

Nur drei Tage später tritt Behr- Geschäftsführer Markus Flik, 43, ein jugendlich wirkender Manager mit vollem grauem Haar und feinen Gesichtszügen, in Stuttgart vor die Presse. Die Zahlen des Betriebsrats zum Stellenabbau will er nicht bestätigen. Dafür hat er glänzende Unternehmenszahlen für 2003 dabei. Behr, Hersteller von Kühlsystemen für Motoren und Auto-Klimaanlagen, hat ein „gutes Jahr“ hinter sich. Genau genommen das beste in fast 100 Jahren Firmengeschichte. Der Umsatz ist um sieben Prozent auf drei Milliarden Euro gestiegen, das operative Ergebnis gar um 16 Prozent auf 75 Millionen Euro.

Das Beispiel Behr ist typisch für die deutschen Autozulieferer. Einerseits glänzen viele Firmen mit steigenden Umsätzen, vollen Auftragsbüchern und herausragenden Forschungsleistungen. Andererseits fordern die Autohersteller teils drastische Preissenkungen, dazu immer kürzere Entwicklungszyklen. Und die Banken sind extrem vorsichtig, wenn es um die Finanzierung von Forschungsinvestitionen geht.

„Für große gesunde Zulieferer sind die Aussichten phantastisch“, sagt Nikos Pallis, Autoexperte der Unternehmensberatung Helbling. „Aber viele kleine können mit dem wachsenden Druck nicht umgehen.“ Der Bamberger Autoforscher Wolfgang Meinig sieht eine „gefährliche Situation für die Leistungsfähigkeit kleinerer Zulieferer“.

Es geht um eine Branche, die existenziell ist für die Wirtschaft. Die Zulieferer beschäftigen hier 327 000 Mitarbeiter – und im Ausland etwa noch einmal so viele. Die Branche setzt laut Verbandsstatistik 60 Milliarden Euro um. Und sie entscheidet mit über den Erfolg der gesamten deutschen Autoindustrie, weil drei Viertel eines Wagens inzwischen von den Zulieferern kommen. Wenn denen das Geld für Forschung und Entwicklung fehlt, wird es schwierig auch für die Hersteller.

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