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01.07.2013

11:53 Uhr

Desertec

Streit um Wüstenstrom-Projekt eskaliert

Neuer Rückschlag für das Wüstenstromprojekt Desertec: Die Desertec-Stiftung hat ihre Mitgliedschaft im Industriekonsortium Dii gekündigt – und will den ehemaligen Partnern nun verbieten, den Namen weiter zu verwenden.

Solaranlagen in der Wüste: Desertec sollte Europa mit Strom versorgen, doch dieses Ziel ist inzwischen umstritten. ap

Solaranlagen in der Wüste: Desertec sollte Europa mit Strom versorgen, doch dieses Ziel ist inzwischen umstritten.

HeidelbergDer Streit zwischen der Stiftung Desertec, die Wüstenstrom aus Nordafrika und dem Nahen Osten nach Europa bringen will, und dem Industriekonsortium Dii, das diese Vision realisieren soll, ist eskaliert. Die Desertec-Stiftung erklärte am Montag in Heidelberg, sie kündige ihre Mitgliedschaft bei der Dii GmbH, die sie 2009 mitgegründet hatte. Grund seien „unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten bezüglich der zukünftigen Strategie“.

Desertec richtet schwere Vorwürfe an die Führung der Dii, zu der Unternehmen wie Schott Solar, Deutsche Bank, Eon, RWE oder ABB gehören. Mit ihrem Ausstieg wolle Desertec vermeiden, „unverschuldet in den Sog negativer Berichterstattung über die Führungskrise und Orientierungslosigkeit des Industriekonsortiums gezogen zu werden”. Medienberichten zufolge streiten die Dii-Geschäftsführer Paul van Son und Aglaia Wieland über die künftige Strategie: Van Son wolle Pläne für einen raschen Export von Wüstenstrom nach Europa vorerst zu den Akten legen, Wieland verfolge dieses Ziel weiter.

„Der Führungsstreit führte bereits zu erheblichen Irritationen bei den Partnern der Desertec Foundation und zerstört das Vertrauen und den Ruf in das Konzept von Desertec. Dies möchte die Stiftung verhindern“, hieß es in der Mitteilung der Stiftung. Desertec-Geschäftsführer Thiemo Gropp erklärte, er habe Verständnis für die „Herausforderungen”, mit denen die Dii zu kämpfen habe. „Es war uns immer klar, dass die Umsetzung der Idee, in den Wüsten dieser Erde Strom zu produzieren, kein leichtes Unterfangen wird.“ Nach „diskussionsreichen Monaten“ müsse die Stiftung aber „leider feststellen“, dass sie ihre Unabhängigkeit nicht gefährden dürfe. „Deshalb werden Dii und die Stiftung fortan getrennte Wege gehen.“ Dies schließe eine künftige Zusammenarbeit aber nicht aus.

Der Niedergang der deutschen Solarindustrie

13. Dezember 2011

Das Berliner Solarunternehmen Solon ist pleite. Die Aktiengesellschaft verbuchte 2011 einen Verlust von mehr als 200 Millionen Euro. Das indisch-arabische Unternehmen Microsol übernimmt Solon im März aus der Insolvenz. 433 von 471 Arbeitsplätzen in Berlin bleiben zunächst erhalten, der Standort Greifswald wird geschlossen. Für 2013 sieht das Unternehmen wieder Chancen auf einen Gewinn.

21. Dezember 2011

Der Erlanger Solarkraftwerk-Hersteller Solar Millennium beantragt die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens, das im Februar 2012 eröffnet wird. Die Aktiengesellschaft mit 60 Mitarbeitern ist auf Solarthermie-Technik spezialisiert.

3. April 2012

Der einst weltgrößte Solarzellenhersteller Q-Cells in Bitterfeld-Wolfen beantragt Insolvenz. Das Unternehmen mit einst 1300 Jobs am Stammsitz galt lange als Sonnenstrahl in Sachsen-Anhalt. Ende August wird das Unternehmen vom südkoreanischen Mischkonzern Hanwha übernommen und ist damit vorerst gerettet, der größte Teil der Jobs bleibt erhalten.

17. April 2012

Das US-Unternehmen First Solar kündigt an, sein Werk in Frankfurt (Oder) schließen zu wollen. Ende Dezember ist für die Beschäftigten der letzte reguläre Arbeitstag. Bis spätestens Ende Mai 2013 verlieren damit alle 1200 Beschäftigten des Solarmodulherstellers ihren Job. Die Suche nach Investoren läuft aber weiter.

25. Juni 2012

Die Berliner Global Solar Energy Deutschland (GSED) mit 133 Mitarbeitern meldet Insolvenz an. Die Tochter der amerikanischen Global Solar Energy produzierte seit 2008 flexible Dünnschicht-Solarzellen.

10. Juli 2012

Die Berliner Global Solar Energy Deutschland (GSED) mit 133 Mitarbeitern meldet Insolvenz an. Die Tochter der amerikanischen Global Solar Energy produzierte seit 2008 flexible Dünnschicht-Solarzellen.

21. August 2012

Die Solarfirma Sovello in Sachsen-Anhalt stellt nach erfolgloser Investorensuche die Produktion ein. Den noch rund 1000 Mitarbeitern wird endgültig gekündigt. Sovello war eine Abspaltung des Ex-Weltmarktführers Q-Cells und hatte im Mai Insolvenz beantragt. Mitte Februar will der Insolvenzverwalter die Maschinen und das sonstige Inventar der Firma versteigern.

6. September 2012

Die EU-Kommission leitet ein Antidumping-Verfahren gegen die chinesische Solarbranche ein. Die Wettbewerbsbehörde will prüfen, ob die Asiaten mit zu niedrigen Preisen den Wettbewerb schädigen. Sie reagiert damit auf einen Antrag von europäischen Solarfirmen wie der Bonner Solarworld, die sich durch die Billigkonkurrenz aus China geschädigt fühlen. Eine Entscheidung über mögliche Strafzölle steht noch aus.

18. Oktober 2012

Der Solartechnikhersteller SMA Solar will sich von 450 seiner weltweit gut 5500 Mitarbeiter sowie von 600 Zeitarbeitern trennen. Denn für 2013 wird mit einem kräftigen Rückgang des Umsatzes gerechnet. Der nach eigenen Angaben Weltmarktführer bei sogenannten Wechselrichtern, einer zentralen Komponente von Solarstromanlagen, hatte sich in der ersten Hälfte 2012 anders als viele Unternehmen der Branche noch relativ gut geschlagen.

23. Januar 2013

Der Technologieriese Bosch gibt bekannt, dass seine ab dem Jahr 2008 teuer aufgebaute Sonnenenergiesparte 2012 gut eine Milliarde Euro Verlust eingefahren hat. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) des in der schwächelnden Weltkonjunktur ohnehin unter Druck stehenden Konzerns sei entsprechend auf etwa eine Milliarde Euro eingebrochen (2011: 2,7 Mrd Euro). Das Traditionsunternehmen kündigt eisernes Sparen an. Zentraler Standort der Solartochter ist Thüringen. Bosch Solar Energy hatte nach aktuellsten Angaben des Konzerns mit Stand vom Dezember 2012 weltweit rund 3200 Mitarbeiter.

24. Januar 2013

Die Krise der Solarbranche bringt auch Solarworld immer stärker in Bedrängnis. Das einstige Vorzeigeunternehmen teilt mit, dass mit Gläubigern über einen Schuldenschnitt gesprochen werden solle. Es kommt auch zu weiteren Stellenstreichungen.

5.Juli 2013

Nachdem das Hamburger Solarunternehmen Conergy seit Jahren Verluste schrieb, meldete es am 5. Juli schließlich Insolvenz an. Bis zuletzt hatte das Unternehmen auf einen rettenden Investor aus Asien gesetzt, der Bankverbindlichkeiten ablösen und frisches Geld zuschießen sollte.

Die Desertec Stiftung ist Idee- und Namensgeberin des Konzepts. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete am Montag, die Stiftung wolle es dem Konsortium untersagen, den Begriff Desertec in den Konzepten und Veröffentlichungen der Dii weiter zu erwähnen. Für das Dii-Konsortium wäre dies ein weiterer Rückschlag, nachdem Siemens und Bosch der Initiative Ende vergangenen Jahres den Rücken gekehrt hatten. Die namhaften Unternehmen sind nicht die ersten, die sich aus dem Projekt zurückgezogen haben. So unterstützten auf dem Höhepunkt der Initiative 35 Partner das Projekt. Zwischenzeitlich haben 17 von ihnen Dii abgesagt, darunter Evonik und die Commerzbank.

Streit mit der Desertec Foundation gibt es vor allem um die Anbindung von Europa an die Stromquellen in der Wüste, also die Ursprungsidee von Desertec. Erst im Mai hatte Dii-Geschäftsführer Paul van Son versucht, den Konflikt herunterzuspielen. Es bestehe Konsens, „dass wir den physischen Stromfluss aus der Wüste nach Europa nicht allein in den Fokus rücken“.

„In den nächsten 10-15 Jahren werden die nordafrikanischen Länder den größten Anteil des Stroms selbst verbrauchen“, schätzt auch Robert Pitz-Paal, Co-Direktor des Instituts für Solarforschung des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR) in seinem Blog. „Der Import nach Europa wird erst nach 2030 in großem Maßstab relevant.“ Für die EUMENA Region (Europe – Middle East – North Africa) geht das Desertec-Konzept davon aus, dass bis 2050 ein wesentlicher Teil des Strombedarfs der lokalen Märkte und rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs über Kraftwerke aus der Wüste gedeckt werden könnten.

Kommentare (16)

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vandale

01.07.2013, 09:47 Uhr

Das Konzept von Desertec bestand darin solarthermische Kraftwerke in Nordafrika zu errichten und den Strom mittels HGUe nach Europa zu leiten.

Der umweltschädliche Strom aus solarthermischen Kraftwerken ist ein Vielfaches teurer als solcher aus modernen Grosskraftwerken, zzgl. der HGUe Leitungen. Im Winter wenn in Europa der grösste Stromverbrauch entsteht ist die Erzeugung am geringsten. Es bedarf demzufolge eines Subventionssystems um solche Kraftwerke attraktiv zu machen. Offensichtlich vermochten die Initiatoren keinen Staat zu nennenswerten Subventionszusagen zu bewegen.

In der Zwischenzeit haben sich die Kosten für Strom aus photovoltaischen Solaranlagen durch die Produktionsverlagerung derselben nach Asien weit unter die Kosten für Strom aus Solarthermischen Anlagen entwickelt. In den Subventionssystemen wird nicht berücksichtigt, dass der Strom aus der Photovoltaik nahezu wertlos ist*.

Desertec hat das Konzept auf Photovoltaik umgestellt. Allerdings vermochte Desertec auch mit dem geänderten Konzept nicht Staaten zu nennenswerten Subventionszusagen zu bewegen.

Solange es keinen Sponsor für diese Oekosolarmonster gibt, bleibt Desertec eine ökoreligiöse Fata Morgana.

Vandale

*Die Solarthermik arbeitet mit Wärmeträgerflüssigkeiten die durch grosse Spiegel erhitzt werden. Die Flüssigkeiten lassen sich speichern und damit die Tageszeitabhängigkeit der Solarstromerzeugung reduzieren. Die Wärme wird über einen konventionellen Dampfkreislauf zu Strom gemacht. Vorteil der Strom ist nutzbar, solche Kraftwerke können kurzfristige Frequenzschwankungen stabilisieren. Nachteil ist der hohe Wartungs- und Reparaturaufwand dieser Anlagen.

HofmannM

01.07.2013, 10:03 Uhr

Möchte nur mal wissen, wie viel Steuergelder der Bürger in dieser Stiftung/Konsortium versickert sind bzw. immer noch versickern. Alles natürlich im guten Glauben an eine ideologisch-ökologische Erneuerbare Energieversorgung....der Irrsinn um das meschengemachte CO2-Klimawandel-Glaubens-Märchen geht weiter. Die Energiewende ist steuergeld- und wirtschaftsvernichtung im großen Stil. Das EEG führt zum nachhaltigen Wohlstandsverlust! Schafft endlich dieses grünsozialistsiche EEG ab!

Account gelöscht!

01.07.2013, 10:16 Uhr

Desertec verkündet immer noch großspurig, dass man mit 400 Mrd. € die Stromversorgung von ganz Europa auf der Basis von Solarstrom (was immer das sein wird) sicherstellen kann.
Zum Vergleich: Alleine in Deutschland hat man bisher schon 400 Mrd. Zahlungsverpflichtungen (vulgo Schulden)für die sogenannte Energiewende angesammelt ohne nennenswerten wirstchaftlichen Beitrag zur Stromversorgung. Im Gegenteil, die wegen des volatilen Wind- und Solarstroms neu in Betrieb genommenen fossilen Kraftwerke haben die CO2 Emission in den letzten Jahren deutlich erhöht, entgegen der intensiven Klimawandel-Angst-Religion deren Predigten vor allem auf das Kapital der einfältigen Stimm-Bürger abzielen.
Wir erinnern uns: Wenn das Geld im Kasten klingt, der Klimawandel und Desertec aus den Miesen springt!

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