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27.01.2009

07:14 Uhr

Deutsch-französisches Joint-Venture

Siemens beendet Atombündnis mit Areva

VonAxel Höpner und Klaus Stratmann

Siemens zieht einen Schlussstrich unter seine Atomtechnik-Partnerschaft mit dem französischen Konzern Areva. Der Elektronikkonzern steige spätestens zum 30. Januar 2012 aus dem Gemeinschaftsunternehmen aus, teilten die Münchener am Montagabend nach einer Sitzung des Aufsichtsrats mit. In der Politik weckt der Schritt die Sorge vor einem Ausverkauf deutschen Know-hows.

Areva-Atomkraftwerk in Tricastin: Siemens beendet seine Kooperation mit den Franzosen. Foto: AP Quelle: ap

Areva-Atomkraftwerk in Tricastin: Siemens beendet seine Kooperation mit den Franzosen. Foto: AP

MÜNCHEN/BERLIN. Siemens will seine 34- Prozent-Beteiligung an dem Joint Venture an Areva verkaufen. Die Münchener begründeten den Schritt mit fehlenden unternehmerischen Einflussmöglichkeiten in dem Gemeinschaftsunternehmen. Die Transaktion stehe noch unter dem Vorbehalt der kartellrechtlichen Genehmigung, hieß es. Nun sollen mit den Franzosen die Details der Trennung verhandelt werden. „Auf diesem Weg gewinnen wir die unternehmerische Handlungsfähigkeit zurück“, hieß es bei Siemens.

Auch der Kaufpreis für die Siemens-Anteile werde von den Parteien noch festgelegt. Der Buchwert des 34-Prozent-Anteils beläuft sich auf 2,1 Milliarden Euro. Alle Versuche aufzustocken, um auf Augenhöhe mit den französischen Partnern zu kommen, waren in den vergangenen Jahren gescheitert. Daher entschied sich Siemens nun, den Joint-Venture-Vertrag zu kündigen. Damit wollte man auch Areva zuvorkommen. Die Franzosen hätten jedes Jahr eine Call-Option ziehen und Siemens aus dem Gemeinschaftsunternehmen drängen können. „Da hätte man wie das Kaninchen vor der Schlange gehockt“, hieß es im Umfeld von Siemens.

Das Vorhaben sei mit der Bundesregierung abgestimmt, hieß es in Unternehmenskreisen. In den Verträgen ist eine Trennungsfrist von drei Jahren vorgesehen. Siemens geht allerdings davon aus, dass ein Ausstieg innerhalb weniger Monate möglich ist.

Dieser Kursschwenk von Siemens in der Kerntechnik weckt Besorgnis in der Politik. Der energiepolitische Koordinator der Unionsfraktion im Bundestag, Joachim Pfeiffer (CDU), warnte vor einem Ausverkauf deutschen Know-hows. „Die Politik muss ein Interesse daran haben, dass Siemens seine Kompetenz in der Kernenergie erhält und möglichst ausbaut, um auf dem Weltmarkt eine nennenswerte Rolle spielen zu können.“ Die Kernenergie sei gemeinsam mit den erneuerbaren Energien weltweit ein Wachstumsfeld, das enorme Umsatz- und Beschäftigungspotenziale berge.

Siemens will auch nach dem Ausstieg bei Areva in der Kernenergie engagiert bleiben. Das russische Staatsunternehmen Atomenergoprom gilt als heißester Kandidat für eine Kooperation. Pfeiffer sagte, gegen die Zusammenarbeit mit einem russischen Unternehmen sei grundsätzlich nichts einzuwenden, warnte aber vor einem schleichenden Ausstieg der deutschen Industrie aus der Kerntechnik.

Siemens selbst sieht in der Kernenergie weiterhin großes Potenzial. Experten gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren weltweit 400 neue Reaktoren gebaut werden könnten. Allerdings gibt es nur noch eine Hand voll Nuklearkonzerne, der Kreis der potenziellen Partner für Siemens ist also klein. In Konzernkreisen werden Bedenken gegen ein Bündnis mit einem russischen Partner zurückgewiesen. Siemens habe mit dem Gemeinschaftsunternehmen Power Machines gute Erfahrungen in Russland gemacht.

Allerdings gibt es im Umfeld des Konzerns auch Zweifler. Künftig habe Siemens keine Expertise im nicht-konventionellen Teil mehr greifbar, sagt ein Konzern-Insider. Atomenergoprom gehe es vermutlich vor allem darum, den Gütestempel „deutsche Technik“ verwenden zu können.

Auf der heutigen Siemens-Hauptversammlung dürfte die Diskussion über die Nuklearstrategie dennoch eine untergeordnete Rolle spielen. Siemens will bei dem Aktionärstreffen unter anderem eine Bilanz der Schmiergeldaffäre ziehen. Vor Beginn der Hauptversammlung legt der Konzern die Geschäftszahlen für das erste Quartal des am 1. Oktober begonnenen neuen Geschäftjahres 2008/09 vor. Der Auftragseingang brach im Jahresvergleich etwa acht Prozent ein. dpa

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