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22.10.2015

15:29 Uhr

Die Abrechnung des Wendelin Wiedeking

„Nie sicher, auf welcher Seite Piëch steht“

VonMartin-W. Buchenau

Wendelin Wiedeking verrät vor Gericht Details zur VW-Übernahmeschlacht. Der Vorwurf der Marktmanipulation schmerzt den ehemaligen Porsche-Chef – ebenso wie sein Verhältnis zu Ferdinand Piëch.

Prozess gegen Wiedeking

Hat Porsche den Markt manipuliert?

Prozess gegen Wiedeking: Hat Porsche den Markt manipuliert?

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StuttgartNoch bevor Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking um 8.52 Uhr das Stuttgarter Landgericht betritt, versichert er: „Ich bin unschuldig.“ Deutschlands ehemaliger „Mr. Porsche“, der Vorzeige-Manager der Republik, hat eine Wandlung durchlebt. Nicht nur äußerlich – er hat deutlich an Gewicht zugelegt, trägt mittlerweile ein Hörgerät –, sondern auch von seinem Verhalten her. Wiedeking redet heute ruhiger als damals, als er noch der Chef des edlen Sportwagenherstellers war.

Als er sich auf die Anklagebank in Saal 1 setzt, bricht aber die typische Ungeduld von früher heraus. „63 Jahre“, sagt er, noch bevor der Richter dazu kommt, ihn nach seinem Alter zu fragen. Doch Wiedeking muss sich in Geduld üben. Denn zuerst verliest Staatsanwalt Aniello Ambrosio die Anklage. Der Vorwurf: Marktmanipulation durch falsche Presseinformationen in der Zeit des VW-Übernahmekampfes.

Das sagte Wendelin Wiedeking vor Gericht (1. Prozesstag)

Ex-Porsche-Chef vor Gericht

Wegen Marktmanipulation beim VW-Übernahmepoker steht Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking vor Gericht. Nun hat er sich erstmals geäußert. Zitate aus Wiedekings Verteidigungsrede.

... den „Nischenanbieter Porsche“

„Das Eingehen einer Beteiligung von Porsche an VW entsprach nicht nur industrieller Logik. Es war für den Nischenanbieter Porsche geradezu überlebenswichtig. Die gesamte Kommunikation von Porsche [gegenüber Kapitalmarkt, Presse und sonstiger Öffentlichkeit] gab zu jeder Zeit exakt den Stand der Willensbildung der zuständigen Organe des Unternehmens – also Vorstand und Aufsichtsrat - wieder!“

...„Visionäre“ und „Spieler“

„Die Unterstellung, wir hätten im Vorstand bereits im Jahr 2005 die Absicht gebildet, „aufs Ganze zu gehen“, steht tatsächlich im Widerspruch zu allem, was damals gedacht und diskutiert worden ist. Wir waren Visionäre, aber keine Spieler“.

...das „Übernahmedrehbuch“

„Für mich ist die These nicht nachvollziehbar, Porsche hätte einen verdeckten Auftrag erteilt, eine Art „Übernahmedrehbuch“ zu schreiben. Ein Übernahmedrehbuch mit einer auf Irreführung des Kapitalmarkts gerichteten Kommunikation. Und einer systematischen Falschprotokollierung von Gremiensitzungen. Ein solch abenteuerliches Machwerk hat niemand beauftragt. Und ein solches Machwerk hat niemand geschrieben.“

Über seine „Nähe zu Ferdinand Piëch“

„Ferdinand Piëch hat sich einmal damit zitieren lassen, er ‚lasse sich sein Lebenswerk bei VW und Audi nicht von einem angestellten Manager ruinieren‘. Das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in meiner Amtszeit aus den Familien Porsche und Piëch Milliardäre wurden, die mittlerweile die Mehrheit an VW halten. Die Staatsanwaltschaft hält es für ernsthaft möglich, dass ich mich trotz seiner öffentlich geäußerten Haltung mit Ferdinand Piëch
verschworen haben soll. Verschworen, VW heimlich zu übernehmen, Vorstands- und Aufsichtsratsprotokolle zu manipulieren und den Kapitalmarkt systematisch zu täuschen! Diese Unterstellung ist für mich eine intellektuelle Zumutung. Die mir unterstellte Nähe zu Piëch schmerzt mich richtig.“

Über ein „heimliches Anschleichen an die VW AG“

„Die Kurssicherungsgeschäfte haben wir nicht verheimlicht. Wir haben wiederholt in unseren Pressemitteilungen, in Geschäftsberichten, auf Bilanzpressekonferenzen, in Beiträgen auf Hauptversammlungen und sonstigen Verlautbarungen darauf hingewiesen. Von einem heimlichen Anschleichen an die VW AG kann daher überhaupt keine Rede sein. Jeder Investor, der sich mit den Publikationen von Porsche und der Presse auseinandergesetzt hat, wusste, dass wir neben Beteiligungszukäufen auch Kurssicherungsgeschäfte eingegangen sind. Auch den Leerverkäufern und insbesondere den Hedgefonds , die der Staatsanwaltschaft offensichtlich so sehr am Herzen liegen, war dies beim Eingehen ihrer Wetten gegen VW bekannt.“

Über die nachgeschobene zweite Anklage

„Leider hat es die Staatsanwaltschaft im Juni 2015 für richtig gehalten, wenige Wochen vor dem ursprünglich geplanten Prozessbeginn eine Anklage gegen Holger Härter und mich nachzuschieben. Die Staatsanwaltschaft hat in den vergangenen sechs Jahren verzweifelt versucht, der der zweiten Anklage zu Grunde liegenden Pressemitteilung vom 26. Oktober 2008 irgendetwas Strafbares anzudichten. Die Kommunikation von Porsche war auch am 26. Oktober 2008 zutreffend. Zu dieser Überzeugung war die Staatsanwaltschaft selber auch schon 2012 gelangt, bevor sie auf Intervention von Leerverkäufern neue Ermittlungen gestartet hat.“

Über „Wetten gegen VW“

„Porsche ist durch diverse Hedgefonds bei verschiedenen Gerichten verklagt worden. Die Hedgefonds sind mit Leerverkäufen hochspekulative Wetten gegen VW eingegangen. Sie haben diese Wetten im Herbst 2008 verloren. Und sie bemühen sich seit Jahren erfolglos im In- und Ausland, ihren Wetteinsatz wieder hereinzuholen. Mit der nachgeschobenen, zweiten Anklage will die Staatsanwaltschaft die Hedgefonds offensichtlich unterstützen. Meines Erachtens hätte die Staatsanwaltschaft vor Erhebung der Anklage einmal kritisch hinterfragen sollen, auf wessen Seite sie sich da geschlagen hat. Immerhin haben die Hedgefonds die Wirtschafts- und Finanzkrise mit verursacht. Und ich bin überzeugt, dass sie auch für die Kursturbulenzen der VW-Aktie aus dem Herbst 2008 verantwortlich sind. Dass gerade diese ‚Spezialisten‘ von der Staatsanwaltschaft zu Opfern stilisiert werden, kann ich nicht nachvollziehen.“

Dann ist der einst bestbezahlteste Manager der Republik an der Reihe. In 82 Minuten schildert Wiedeking, warum aus seiner Sicht nichts an dem Vorwurf dran sei. Von Marktmanipulationen bei der Übernahmeschlacht wolle er nichts wissen.

Der erste Prozesstag ist vor allem eines: Wiedekings Abrechnung mit Firmen-Patriarch Ferdinand Piëch. Das hat sein Verteidiger Hanns Feigen in seiner Strategie kühl kalkuliert: Widersacher Piëch wird so zum Kronzeugen des Übernahmeplans. Letztgenannter war damals Aufsichtsratschef von Volkswagen, Aufsichtsrat und Miteigentümer von Porsche. Mit seinen Informationen über beide Konzerne war er die Schlüsselfigur im Übernahmekampf.

Auftakt im Porsche-Prozess: Zwei junge Staatsanwälte gegen Wendelin Wiedeking

Auftakt im Porsche-Prozess

Zwei junge Staatsanwälte gegen Wendelin Wiedeking

Seit 9 Uhr läuft der Prozess gegen Ex-Porsche-Chef Wiedeking und seinen Finanzvorstand. Es geht um die Übernahmeschlacht um VW, Anleger fühlen sich betrogen. „Ich bin unschuldig“, sagt Wiedeking – die Ausgangslage.

„Wir konnten uns nie sicher sein, auf welcher Seite Piëch steht“, sagt Wiedeking nun vor Gericht. Ihn schmerzt es, dass Piëch vermutlich nicht vor Gericht aussagen muss, aber er. Zwar ist er für Januar geladen, erscheinen werde er aber wohl nicht, meinen Beobachter. Er werde die Aussage verweigern, um sich nicht selbst zu belasten.

Wiedeking beschreibt im Gerichtssaal die Details der damaligen Übernahmeschlacht, in der alles anders lief, als zunächst gedacht: VW übernahm Porsche – und Wiedeking verlor seinen Job. Piëch soll damals seine Pläne zunächst unterstützt, sich aber dann mit Wiedeking überworfen haben. Das war im Jahr 2008, dem fraglichen Jahr der falschen Pressemitteilungen. Ein Vorwurf, von dem sich Wiedeking am Donnerstag zumindest selbst freispricht. Es drohen ihm bis zu fünf Jahren Haft.

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