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19.12.2016

20:13 Uhr

Diesel-Skandal

Volkswagen handelt Milliardenvergleich aus

Volkswagen kommt bei der Bewältigung des Abgas-Skandals voran. In Kanada hat der Konzern sich auf einen Milliarden-Vergleich geeinigt. Im US-Rechtsstreit wird jedoch weiter um einen wichtigen Kompromiss gerungen.

Auch in Kanada muss das Unternehmen aus Wolfsburg Milliarden zahlen. Der Konzern einigte sich auf einen Vergleich. Dabei werden rund 1,5 Milliarden Euro fällig. AP

Volkswagen

Auch in Kanada muss das Unternehmen aus Wolfsburg Milliarden zahlen. Der Konzern einigte sich auf einen Vergleich. Dabei werden rund 1,5 Milliarden Euro fällig.

Ottawa/San FranciscoVolkswagen hat im Abgas-Skandal einen Milliarden-Vergleich mit Sammelklägern in Kanada ausgehandelt - in den USA ziehen sich die Verhandlungen jedoch weiter hin. VW und seine Konzerntochter Audi sollen für die Beilegung eines Rechtsstreits um manipulierte Abgastests bis zu 2,1 Milliarden kanadische Dollar (1,5 Mrd Euro) an kanadische Autokäufer zahlen, wie die Wettbewerbsbehörde des Landes am Montag in Ottawa mitteilte.

In San Francisco geht der Verhandlungsmarathon um einen Vergleich bei Zehntausenden größeren Dieselwagen mit illegaler Abgastechnik unterdessen weiter. Der im Rechtsstreit für Hunderte Zivilklagen von Kunden und Behörden zuständige US-Richter Charles Breyer vertagte eine für Montag geplante Anhörung auf Dienstag (20.00 MEZ). Der Termin war bereits am Freitag verschoben worden und hatte eigentlich schon am 30. November stattfinden sollen.

Die Sparprogramme bei Volkswagen

1993: Massenentlassungen drohen

Im Jahr des Amtsantritts des späteren VW-Patriarchen Ferdinand Piëch als Vorstandschef steckt der Konzern in einer tiefen Krise. Er produziert im Vergleich mit der globalen Konkurrenz viel zu teuer, es droht die Entlassung von bis zu 30.000 Beschäftigten.

Hartz verhindert Kahlschlag

Peter Hartz, von Piëch eingestellter Personalvorstand und späterer Entwickler der Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder, kann den Kahlschlag abwenden. Er führt in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat und der IG Metall unter anderem die Vier-Tage-Woche bei Volkswagen ein - eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich. Auch der umstrittene „Kostenkiller“ und Ex-General-Motors-Manager José Ignacio López bringt den verlustreichen Konzern finanziell wieder auf Kurs.

2006: Ende der Vier-Tage-Woche

Die Hauptmarke Volkswagen-Pkw fährt chronisch niedrige Erträge ein - eine deutliche Parallele zur heutigen Lage. Nach monatelangen Verhandlungen zum neuen Haustarifvertrag bei VW einigen sich die Parteien auf eine Abkehr von der Vier-Tage-Woche. Als Gegenleistung für die wieder deutlich längeren Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich verlangt die IG Metall vom Unternehmen verbindliche Zusagen für die langfristige Zukunft der sechs westdeutschen Werke.

Nachdem Kernmarken-Chef Wolfgang Bernhard mit Stellenstreichungen und Produktionsverlagerungen gedroht hat, verlässt er den Konzern. VW kann dennoch die Kosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit steigern.

2016: Dieselskandal belastet VW

Nach Jahren satter Gewinne dümpelt die Marke mit dem VW-Emblem – gemessen an der Marge (Anteil des Gewinns am Umsatz) – im Branchenvergleich erneut vor sich hin. Zugleich muss der Gesamtkonzern die Milliardenlasten des Abgas-Skandals verdauen und sich stärker auf die Zukunftsthemen der Branche konzentrieren.

Der „Zukunftspakt“

Der „Zukunftspakt“ soll daher den Spardruck, den Umbau in Richtung E-Mobilität, Digitalisierung und Dienstleistungen sowie das Interesse der Belegschaft an sicheren Jobs und Standorten in die Balance bringen. Nach Monaten des Ringens steht fest: Dies wird nicht ohne Zugeständnisse bei den Jobs gehen. 30.000 Stellen sollen weltweit bis 2020 auslaufen, Kündigungen gibt es aber nicht.

Der Vergleich mit Sammelklägern in Kanada betrifft laut VW den Rückkauf und Entschädigungen für rund 105 000 Autos mit 2,0-Liter-Dieselmotoren. Zusätzlich sollen VW und Audi 15 Millionen kanadische Dollar Buße zahlen. Der Kompromiss sei im Einvernehmen mit dem Wettbewerbskommissar erzielt, müsse jedoch noch von zwei Gerichten bestätigt werden. Die entsprechenden Anhörungen sollen Ende März 2017 stattfinden.

Die Vergleichssumme ist in den bereits zur Bewältigung der Dieselaffäre gebildeten Rückstellungen von zuletzt 18,2 Milliarden Euro enthalten. Wie in den USA muss der Konzern allerdings auch in Kanada noch eine separate Lösung für die größeren Diesel mit 3,0-Liter-Motoren suchen. Im US-Rechtsstreit wird hier zwischen den Beteiligten bereits seit Monaten um einen Kompromiss gerungen. Bei den kleineren 2,0-Liter-Motoren war bereits ein Vergleich erzielt worden, der den Konzern bis zu 16,5 Milliarden US-Dollar kosten könnte.

US-Richter Breyer bekräftigte am Montag erneut seinen Optimismus hinsichtlich einer raschen Lösung für die größeren Dieselmodelle. In dem angestrebten Vergleich geht es um rund 80 000 Autos mit von der Konzerntochter Audi entwickelten Motoren, die mit illegaler Abgastechnik unterwegs sind. VW muss die Autos entweder durch Umrüstung in einen gesetzeskonformen Zustand versetzen oder durch Rückkauf aus dem Verkehr ziehen. Ein Sprecher des US-Justizministeriums äußerte sich auf Nachfrage trotz der langwierigen Verhandlungen zuversichtlich für eine schnelle Einigung. VW will sich mit Verweis auf die anhaltenden Verhandlungen nicht äußern.

Laut Medienberichten steht auch der Zulieferer Bosch, der in den USA wegen Mitwirkung am Abgasbetrug angeklagt ist, vor einer außergerichtlichen Einigung. Ein Vergleich könnte das Unternehmen mehr als 300 Millionen Dollar kosten, schrieb das „Wall Street Journal“ am Montag unter Berufung auf eingeweihte Kreise.

Von

dpa

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