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12.01.2016

15:08 Uhr

Dieselgate

Auch Schweden ermittelt jetzt gegen VW

VonHelmut Steuer

In den USA sieht sich Volkswagen wegen der Abgas-Affäre bereits möglichen Milliardenforderungen entgegen. Nun beginnen auch schwedische Behörden mit den Ermittlungen. Mehr als 200.000 Fahrzeuge könnten betroffen sein.

Der Betrug mit geschönten Abgas-Werten flog zuerst in den USA auf. Dort hat die zuständige Umweltbehörde EPA Klage gegen den Volkswagen-Konzern eingereicht. dpa

Ermittlungen in den USA

Der Betrug mit geschönten Abgas-Werten flog zuerst in den USA auf. Dort hat die zuständige Umweltbehörde EPA Klage gegen den Volkswagen-Konzern eingereicht.

StockholmJetzt droht Volkswagen in der Abgasaffäre auch Ärger in Schweden: Am Dienstag gab die schwedische Anti-Korruptionsbehörde bekannt, dass sie Voruntersuchungen gegen die schwedische VW-Tochter wegen des Verdachts auf schweren Betrug eingeleitet habe. Der zuständige Oberstaatsanwalt Alf Johansson bestätigte, dass er Mitarbeiter von VW Sverige verhören werde. „Wir wissen, dass Verbrechen in Schweden begangen wurden“, sagte er der Tageszeitung „Svenska Dagbladet“. „Wir müssen untersuchen, ob es Personen gibt, die wir in Schweden verurteilen können“.

Sollte nachgewiesen werden können, dass VW-Mitarbeiter in Schweden von den Abgas-Manipulationen gewusst und dennoch Autos verkauft haben, droht ihnen eine Gefängnisstrafe von zwei bis sechs Jahren. Auf die schwedische VW-Tochter könnte zusätzlich eine Millionenstrafe hinzukommen.

VW und Dieselgate: Müllers gefährlicher Optimismus

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Die Ermittlungen der Anti-Korruptionsbehörde richten sich in der Hauptsache gegen Personen in der schwedischen Vertriebsorganisation von VW. Laut Oberstaatsanwalt Johansson gibt es Verdachtsmomente, die darauf hindeuten, dass Mitarbeiter der schwedischen Volkswagen-Tochter von den Manipulationen gewusst haben. Ob die Untersuchungen tatsächlich zu einer Anklage führen werden, ist aber noch offen.

Die Anti-Korruptionsbehörde will bei ihren Untersuchungen eng mit den Strafverfolgungsbehörden in anderen Ländern zusammenarbeiten. „Wir werden unser Vorgehen mit anderen Ländern abstimmen, eventuell über Eurojust“, erklärte Johansson. Eurojust ist die Justizbehörde der Europäischen Union mit Sitz in Den Haag. Wie lange die Voruntersuchungen dauern werden, konnte Johansson nicht sagen.

Bei VW in Schweden wurde die Voruntersuchung der Anti-Korruptionsbehörde begrüßt. „Wir sind sicher, dass der Verdacht entkräftet werden kann“, erklärte ein Sprecher der Volkswagen Group Sverige. Er betonte, dass man selbst von den Motormanipulationen überrascht worden sei. „Wir haben die Information gehabt, dass die Autos die Abgasnormen erfüllen. Andere Informationen haben wir als Vertriebsorganisation nicht erhalten“, so der Sprecher.

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Quelle: dpa

Mit welchen Kosten muss VW rechnen?

Darüber rätseln Beobachter derzeit. Bislang bekannt ist: Volkswagen hat 6,5 Milliarden Euro für Kosten aus dem Abgas-Skandal zurückgelegt. Das Geld ist aber wohl in erster Linie für eine technische Umrüstung der Autos mit Manipulations-Software bestimmt, wie Finanzchef Hans Dieter Pötsch laut dem Fachblatt „Auomobilwoche“ kürzlich vor VW-Managern erklärte. Unklar ist, welche Strafzahlungen auf VW zukommen. Dazu dürften noch mindestens drei andere mögliche Kostenblöcke kommen: Strafzahlungen, Schadenersatzforderungen, Anwaltskosten. Wie hoch diese Ausgaben sein werden, lässt sich derzeit nur grob schätzen. Die Landesbank Baden-Württemberg rechnet derzeit mit einem Schaden von 47 Milliarden Euro für den Konzern. Ein möglicher Imageverlust und damit verbunden ein Rückgang der Autoverkäufe ist dabei noch nicht eingerechnet. Allerdings werden die Kosten wohl nicht auf einmal anfallen, sondern sich über Jahre verteilen.

Wie viel Geld hat VW auf der hohen Kante?

Vergleichsweise viel. VW hat sich in den vergangenen Jahren ein stattliches Kapitalpolster zugelegt. Zur Jahresmitte hatte der Konzern rund 18 Milliarden Euro Bargeld auf dem Konto. Das ist mehr als ganze Dax-Konzerne wie Adidas oder Lufthansa einzeln an der Börse wert sind. „Über den Daumen gepeilt kann VW davon die Hälfte verwenden, um mögliche Kosten zu begleichen“, sagt Nord-LB-Analyst Frank Schwope. Dazu kommen bei VW noch schnell veräußerbare Wertpapiere über 15 Milliarden Euro und Schätzungen zufolge mindestens 5 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Beteiligungen am ehemaligen Partner Suzuki und an einer niederländischen Leasingfirma.

Könnte VW durch den Abgasskandal pleitegehen?

Das ist sehr unwahrscheinlich. VW könnte sich über Anleihen und Kredite Geld leihen, auch wenn einige Ratingagenturen ihre Bewertungen der Kreditwürdigkeit des Konzerns zuletzt angepasst hatten. Wenn es irgendwann hart auf hart käme, könnte Volkswagen immer noch sein Tafelsilber verkaufen. Am einfachsten ließen sich wohl die Luxusmarken Bentley, Bugatti und Lamborghini aus dem Konzern herausnehmen. Nord-LB-Analyst Schwope schätzt den möglichen Verkaufserlös für die drei Marken und den Motorradhersteller Ducati auf 5 bis 10 Milliarden Euro. Durch einen Verkauf der Lastwagenbauer MAN und Scania ließen sich nach seinen Berechnungen sogar 30 bis 35 Milliarden Euro erzielen. Das wertvollste Juwel in der Sammlung, den Sportwagenbauer Porsche, dürften die VW-Anteilseigner kaum abgeben wollen.

Könnte sich Volkswagen über eine Kapitalerhöhung Geld besorgen?

Nur begrenzt. Eine Kapitalerhöhung - also die Ausgabe neuer Aktien - ist bei VW nicht so leicht wie in anderen Konzernen. Damit die Familien Porsche und Piëch sowie das Land Niedersachsen als Anteilseigner ihre Macht im Konzern nicht verlieren, darf sich deren jeweiliger Anteil an den Stammaktien nicht stark verringern. Vor allem Niedersachsen dürfte aber derzeit kaum ein Interesse daran haben, weitere Stammaktien zu kaufen und Geld in den VW-Konzern zu stecken. VW könnte deshalb wohl höchstens neue Vorzugsaktien ausgeben, das sind Aktien ohne Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Konzerns. Laut Aktiengesetz darf die Zahl dieser Vorzugsaktien die Zahl der Stammaktien allerdings nicht übersteigen. VW könnte deshalb höchstens rund 114 Millionen neue Aktien ausgeben und damit auf Basis derzeitiger Kurse rund 11 Milliarden Euro einsammeln.

An welchen Stellen kann VW für die Bewältigung der Krise sparen?

In der Regel setzen Sparmaßnahmen bei großen Konzernen zuerst bei den Mitarbeitern an: Weniger Gehalt, Einstellungsstopps, bis hin zu Stellenstreichungen und Entlassungen. Bei Volkswagen wäre das allerdings nicht so einfach. Die Arbeitnehmervertreter haben in Wolfsburg deutlich mehr Macht als in anderen Konzernen. Einfacher wäre die Kürzung geplanter Investitionen. Hier hatte Volkswagen angepeilt, bis 2019 eine Summe von mehr als 100 Milliarden Euro in Standorte, Modelle und Technologien zu stecken. Laut Experte Schwope könnte VW hier den Rotstift ansetzen und so 2 Milliarden Euro jährlich sparen, vor allem bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Nur: Dann besteht die Gefahr, von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Der Zeitpunkt wäre denkbar ungünstig - die Autoindustrie steht durch Digitalisierung und Elektroantriebe vor einem Umbruch.

Von der Schummel-Software sind in Schweden rund 225 .00 Wagen der Marken VW, Audi, Skoda, Seat sowie einige Nutzfahrzeuge betroffen. VW hatte im September vergangenen Jahres eingeräumt, weltweit in rund elf Millionen Fahrzeugen eine Schummelsoftware installiert zu haben, die bei Abgastests niedrige Emissionswerte als im normalen Straßenbetrieb aufzeigt. In mehreren Ländern laufen seitdem Voruntersuchungen gegen den Wolfsburger Konzern.

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