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09.12.2016

18:30 Uhr

Dieselgate in den USA

Hält Volkswagen Beweismittel zurück?

VonStefan Menzel

Die US-Handelsbehörde FTC erhebt schwere Vorwürfe gegen den VW-Konzern: Das Wolfsburger Unternehmen habe in der Dieselaffäre möglicherweise Beweismittel unterschlagen. 23 Handys von Führungskräften sind verschwunden.

Vor dem Betrieb eines VW-Händlers in Kalifornien: Volkswagen steht in den USA vor entscheidenden Tagen im Rechtsstreit um die Dieselaffäre. AFP; Files; Francois Guillot

Volkswagen in den USA

Vor dem Betrieb eines VW-Händlers in Kalifornien: Volkswagen steht in den USA vor entscheidenden Tagen im Rechtsstreit um die Dieselaffäre.

DüsseldorfIn seinem Brief an die eigenen Aktionäre ist Volkswagen-Konzernchef Matthias Müller ziemlich klar und deutlich gewesen. „Wir setzen alles daran, diese Krise zu bewältigen: mit effektiven technischen Lösungen für unsere Kunden und mit einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit allen zuständigen Behörden, um die Geschehnisse vollumfänglich und transparent aufzuklären“, schreibt Müller im aktuellen Geschäftsbericht über die Dieselaffäre.

Und nicht nur dort. Beinahe gebetsmühlenartig wiederholen Müller und andere Top-Manager bei fast jedem öffentlichen Auftritt, dass der Konzern unter allen Umständen zur Aufklärung des Abgasskandals beitragen wolle und mit allen beteiligten Behörden eng zusammenarbeite.

Im jüngsten Schreiben der US-Handelsbehörde FTC in Sachen Dieselaffäre an ein US-Bundesgericht in San Francisco liest sich das jedoch etwas anders. „Die FTC untersucht glaubhafte Vorwürfe, dass die Volkswagen Group of America absichtlich Beweismaterial im Zusammenhang mit dem Dieselskandal zerstört hat“, heißt es in dem Papier, das am Donnerstag bekannt geworden ist und das dem Handelsblatt vorliegt.

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Konkret geht es um den Vorwurf, dass 23 Mobiltelefone von Führungskräften der US-Tochter von Volkswagen im Zuge der Aufdeckung der Dieselaffäre verschwunden oder gar zerstört worden sein sollen. Die FTC, die in den USA auch zu den Klägern gegen den Volkswagen-Konzern in der Dieselaffäre gehört, kommentiert das Verhalten des deutschen Unternehmens extrem verärgert.

Volkswagen versuche, das Thema der verschwundenen Telefone herunterzuspielen und gebe keine ausreichenden Antworten. „Im Zusammenhang mit diesem gewaltigen Skandal sind die 23 fehlenden Mobilgeräte ein echtes Warnsignal“, schreibt die FTC. Sie könne und wolle sich nicht mit der Reaktion von Volkswagen zufrieden geben, wonach keine wichtigen Daten zerstört worden seien und es keinen Grund zur Besorgnis gebe. Die Handelskommission wolle in diesem Zusammenhang vielmehr von Volkswagen wissen, was der Konzern unternommen habe, um die mutwillige Zerstörung von Daten zu verhindern.

Weltweite Untersuchungen von Behörden im Abgas-Skandal

Untersuchungen

...bei der Abgasbehandlung zogen weltweit Untersuchungen von Behörden nach sich. Ähnlich wie das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) gingen die Behörden in Frankreich und Großbritannien vor. Die Regierung in Paris stellte bei eigenen Nachmessungen an 86 Modellen deutliche Abweichungen und Normverstöße fest.

Weitere Betrugssoftware...

...konnte die eingerichtete Kommission allerdings nicht nachweisen - auch wenn sie mangels ausreichender Informationen mancher Anbieter nicht ausschließen wollte, dass es sie gibt. Die französischen Autohersteller legten daraufhin ähnlich wie in Deutschland Pläne vor, um die Emissionswerte zu verbessern.

Auch das britische Verkehrsministerium...

...fand bei der Nachmessung von knapp 40 verschiedenen Automodellen keine Hinweise auf betrügerische Manipulationen wie bei VW. Jedoch lagen die Stickoxid-Werte im realen Straßenbetrieb um ein Vielfaches über den Prüfstandswerten.

In den Vereinigten Staaten...

...durchleuchtete die Umweltbehörde EPA die Branche, konnte aber nach eigenen Angaben bislang nur bei Volkswagen Fehlverhalten feststellen. Neben den Wolfsburgern nahmen die Aufseher bislang nur Daimler besonders unter die Lupe. Im April forderte das Justizministerium nach Klagen von US-Anwälten die Stuttgarter auf, das Zustandekommen der offiziellen Abgaswerte in den USA intern und unter Einbeziehung der Behörden zu untersuchen - noch ohne Ergebnis.

Südkorea...

...hatte im November nach dem Bekanntwerden der Abgas-Affäre bei VW ebenfalls verschärfte Untersuchungen an Diesel-Modellen von weiteren Unternehmen angekündigt. Abgesehen von Volkswagen warf die Regierung in Seoul auch Nissan die Manipulation von Abgaswerten vor.

In Japan...

...ordneten Behörden ähnliche Nachtests an. Neben Mitsubishi räumte auch Suzuki Motor ein, eine nicht zulässige Testmethode angewandt zu haben. Betroffen waren 26 Modelle.

In Russland...

...wurden Unterlagen über Abgaswerte von Daimler angefordert. Die Aufsichtsbehörden stellten aber keine Verstöße fest.

In den Niederlanden...

...wollte die Regierung Mitte 2016 über Schadstofftests informieren. Zuvor hatte das Umweltinstitut TNO im Auftrag der Regierung schon Emissionstests bei verschiedenen Modellen durchgeführt. In dem Bericht kam man zu dem Schluss, dass die Stickoxid-Werte auf der Straße vielfach höher waren als im Labor. Die Untersuchung zog bislang jedoch keine Konsequenzen nach sich.

In Italien...

...bekam Volkswagen von der Wettbewerbsbehörde eine Millionenstrafe aufgebrummt. Bei anderen Herstellern hätten Tests dagegen keine Hinweise auf Vorrichtungen zur Manipulation ergeben - auch nicht bei Fiat, hieß es aus dem Verkehrsministerium im Juni. Bei Nachtests des deutschen KBA war Fiat zuvor herausgestochen. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sieht nun die EU-Kommission am Zug, Nachmessungen bei den Modellen durchzusetzen.

In dieser Frage hat die US-Handelsbehörde bereits Unterstützung vom Justizministerium in Washington bekommen. Schon im September forderte das Ministerium Volkswagen dazu auf, mehr detaillierte Angaben zu den verschwundenen Mobiltelefonen zu machen. „Bitte reichen Sie uns die Informationen sofort weiter“, heißt es in einem Schreiben an einen der VW-Anwälte in den USA.

Dem US-Justizministerium waren damals nicht nur die fehlenden Mobiltelefone aufgefallen. Die Behörde beklagte sich auch darüber, dass bei VW mehrere Dateien im Zusammenhang mit dem Dieselskandal verschwunden seien. Die Ermittler wollten wissen, welche VW-Beschäftigten Zugang zu diesen verschwundenen Dateien hatten. Aufgefallen war den Ermittlern zudem, dass E-Mails, die zwischen Volkswagen of America und dem Konzern in Deutschland hin- und hergingen, gelöscht worden waren. Auch darüber wollte die Behörde mehr von Volkswagen wissen.

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