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19.11.2015

11:29 Uhr

Dieselgate und Volkswagen

VW verbreitet Zuversicht – und Gutscheine

VonAstrid Dörner

Auf der Autoshow in Los Angeles versucht US-Chef Horn, die amerikanischen Volkswagen-Kunden mit optimistischen Worten zu beruhigen. Und mit 1.000 Dollar-Einkaufsgutscheinen. 120.000 Kunden haben sie bislang angenommen.

„Zeichen der Wiedergutmachung“

VW verschickt Gutscheine

„Zeichen der Wiedergutmachung“: VW verschickt Gutscheine

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Los AngelesMichael Horn versucht es mit einem Witz. „Also das mit dem Applaus müssen wir nochmal üben“, lächelt Volkswagens Amerika-Chef ins Publikum, das zurückhaltend für ihn klatscht. Danach wird er ernst. „Ich persönlich bin zuversichtlich, dass wir bald etwas zu den möglichen Lösungen sagen können“, versichert er. „Die werden wir in den kommenden Tagen mit den Behörden besprechen.“ Doch er kann seine Anspannung nicht überdecken.

Auf dem Volkswagenstand der Automesse in Los Angeles stehen die Besucher dicht gedrängt. Journalisten, Automanager der Konkurrenz, Händler, Analysten – alle sind gekommen, um zu hören, was Horn zum Dieselskandal zu sagen hat.

Die Geheimtricks bei Abgastests

Der Vorwurf

Dieser Vorwurf der US-Behörden wiegt schwer: Volkswagen soll auch bei aktuellen Motoren in den USA illegale Software einsetzen. Der Konzern halte Angaben zu den Programmen gezielt zurück, sagen die US-Abgaswächter. Die US-Umweltschutzbehörde EPA wirft dem VW-Konzern vor, auch bei Sechszylinder-Dieselmotoren mit 3,0 Litern Hubraum eine verbotene Software einzusetzen. Sollte der neue Vorwurf zutreffen, würde das den Abgas-Skandal zuspitzen. Denn dann käme die Abgas-Affäre in der Gegenwart bei aktuellen Motoren an. Auch die VW-Renditeperle Porsche geriete in den Strudel. Doch VW dementiert. Die Fragen und Antworten:

Wer ist die EPA und was macht sie?

Autobauer müssen bei der US-Umweltschutzbehörde EPA (United States Environmental Protection Agency) ihre Modelle testen lassen, um eine Genehmigung für den Verkauf zu erhalten. Die EPA hatte den Skandal um millionenfach manipulierte Diesel aus dem VW-Konzern losgetreten, als sie im September auf eine versteckte Software beim Vierzylinder-Motor EA 189 hinwies. Das Programm erkennt, dass die Autos für Abgastests auf dem Prüfstand sind und aktiviert einen Sparmodus, bei dem weitaus weniger Stickoxid ausgestoßen wird. Für das Gas gelten in den USA besonders strikte Grenzwerte. Volkswagen räumte die Vorwürfe ein.

Welche Dimension hat der jüngste Vorwurf?

Anfangs hatte die EPA in den USA nur den Vierzylinder-Motor EA 189 mit 2,0 Liter Hubraum im Visier und es ging um die Modelljahre 2009 bis 2015. Inzwischen wirft die US-Behörde dem Autobauer auch vor, bei Sechszylinder-Dieseln mit 3,0 Liter Hubraum zu tricksen – und es geht auch um das aktuellste Modelljahr, also um frisch gebaute Wagen.

Welche Modelle sind unter der EPA-Lupe?

Die Geländelimousinen VW-Touareg, Porsche Cayenne und Audi Q5 sowie die Limousinen Audi A6 Quattro, Audi A7 Quattro, Audi A8 und dessen Langversion. Rund 10 000 Wagen sind seit dem Modelljahr 2014 laut EPA verkauft worden, hinzu komme eine „unklare Zahl“ aktueller Modelle.

Was hält die EPA bisher in der Hand?

Die Behörde hat laut eigenen Angaben am 25. September – also eine Woche nach dem ersten Vorwurf gegen VW – alle Autobauer informiert, dass sie flächendeckend nach ähnlichen verbotenen Softwareprogrammen suche. Die EPA schreibt dazu: „Diese Tests haben erhebliche Bedenken ausgelöst über das Vorhandensein illegaler Abschalteinrichtungen in zusätzlichen Fahrzeugen von VW-Pkw, Audi und Porsche. (...) Es handelt sich um ein sehr ernsthaftes Thema für das Gesundheitswesen.“

Was sagt der VW-Konzern zu dem Vorwurf?

Der Autobauer teilte noch am Montagabend mit, dass nichts Illegales in den Fahrzeugen stecke: „Die Volkswagen AG betont, dass keine Software bei den 3-Liter-V6-Diesel-Aggregaten installiert wurde, um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern.“ Volkswagen werde mit der EPA „vollumfänglich kooperieren“, um alles aufzuklären.

Was ist der Kern des Problems, bei dem Aussage gegen Aussage steht?

Es geht um das komplexe Management für Motor, Getriebe und Abgase. Dabei greifen Softwarelösungen andauernd ein, nicht nur bei VW. Ein Motor muss etwa wissen, in welcher Höhe er unterwegs ist, weil das die Sauerstoffsättigung ändert. Für bestimmte Auslastungsbereiche führt die Steuerung auch Abgase zurück und verbrennt sie erneut.

Warum das geschieht?

Zum Beispiel wegen des Temperaturmanagements oder um gezielt Stickoxide zu reduzieren – ist hoch kompliziert und für Laien nicht zu beurteilen. Die Wolfsburger jedenfalls betonen in Reaktion auf den EPA-Vorwurf, es sei nichts geschehen, „um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern“. Bei dem kleineren Dieselmotor mit 2,0 Liter Hubraum räumte VW die Vorwürfe dagegen ein und gab zu, ein „defeat device“ zu nutzen, als ein Instrument für eine gezielte Veränderungen in der Testsituation. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) spricht dabei von einer „unzulässigen Abschalteinrichtung“.

Wie belegt die EPA, dass es sich um ein „defeat device“ handelt?

Die Behörde sagt, sie habe ihre Testmethoden daraufhin verfeinert, mögliche „defeat devices“ aufzuspüren. Und sie wirft VW vor, die verbotene Software ganz gezielt so ausgelegt zu haben, dass sie die Testprozedur in den USA erkennt und dann eingreift. Und die EPA behauptet, VW habe an der fraglichen Stelle Transparenz vermieden und Informationen zurückgehalten: „Die Software in diesen Fahrzeugen beinhaltet ein oder mehrere Zusatz-Instrumente zur Abgas-Kontrolle, die der Konzern bei der Zulassung der Modelle nicht offengelegt, beschrieben und begründet hat.“ VW fasst im Konjunktiv zusammen, dass „eine Software-Funktion vorhanden sei, die im Genehmigungsprozess nicht hinreichend beschrieben worden sei“. Zu dem konkreten Vorwurf der angeblich vorenthaltenen Informationen sagt VW bisher nichts.

Es ist genau zwei Monate her, dass das US-Umweltministerium EPA und die kalifornische Luftreinhaltungsbehörde Carb die Manipulation von Stickstoffwerten im VW-Konzern öffentlich gemacht haben. Seitdem ist nichts mehr so, wie es einmal war. „Für mich ist nichts wichtiger, als die Zufriedenheit unserer Kunden und die Dinge wieder geradezurücken”, bekräftigt Horn. Er spricht leise, stockt, immer wieder setzt er Sätze neu an. Sein Blick ist fixiert auf den Teleprompter.

Dieselgate: VW-Management wusste viel früher Bescheid

Dieselgate

Premium VW-Management wusste viel früher Bescheid

Der Abgasskandal ist für die VW-Führung weniger überraschend gekommen als bislang angenommen. Schon Mitte August räumte der Konzern gegenüber den US-Behörden Tricksereien ein. Der Aufsichtsrat wurde im Unklaren gelassen.

Vor anderthalb Wochen hatte das Unternehmen Briefe an die geschädigten Kunden verschickt und Gutscheine als „eine Geste des guten Willens“ angeboten. Horn präsentiert auf der Autoshow erste Ergebnisse von VWs „Goodwill Package“. Das Paket soll verstimmte Kunden beruhigen. Es besteht aus einer Geldkarte im Wert von 500 Dollar. Zudem können weitere 500 Dollar für beispielsweise Reifen, Ölwechsel und Pannenhilfe bei den Händlern ausgegeben werden. 120.000 Kunden hätten das Angebot bereits angenommen – gut ein Viertel. Das helfe dem Konzern auch, für die anstehenden Rückrufe die Verbindung zu den Kunden zu halten.

Der gesamte VW-Konzern setzt auf dieser Messe ein Zeichen: Zuerst wird über den Dieselskandal gesprochen, dann über alles andere. Nicht nur die Kernmarke VW ist von dem Manipulationsskandal betroffen. Auch die Töchter Audi und Porsche verhandeln mit den Regulierern über eine Lösung für bestimmte Dieselmodelle.

„Im Moment untersuchen wir die Vorwürfe von EPA und Carb, die den Cayenne-Diesel betreffen“, sagt Detlef von Platen auf Porsches Pressekonferenz. Der langjährige Porsche-Manager hat bis vor kurzem selbst noch das Amerikageschäft geleitet, ist jedoch nach dem Wechsel von Matthias Müller an die Spitze von VW in die Konzernzentrale nach Stuttgart nachgerückt. Nun ist er im Vorstand für Vertrieb und Marketing verantwortlich.

Scott Keogh, Audis Amerikachef, gibt sich unterdes zuversichtlich. Der Emissions-Skandal sei „eine Herausforderung, die wir meistern wollen“, sagt er.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

19.11.2015, 12:21 Uhr

In ein paar Jahren kräht danach kein Hahn mehr. Schon jetzt wird diese Story doch lediglich von den Medien am Leben gehalten. Alle meine Kontakte in den Konzern hinein, signalisieren mir aber Gegenteiliges.

Weder bei Lamborghini, Bentley oder Porsche gibt es Absatzprobleme. Ganz im Gegenteil, die Premiumtöchter brummen. Und auch beim Mutterkonzern gibt es keine gravierenden Einschnitte.

Herr Ralf Rath

19.11.2015, 13:00 Uhr

Seit elend langen Wochen bleibt die Volkswagen AG der Allgemeinheit eine Antwort darauf schuldig, wodurch sie den im Zuge ihres eigenen Fehlverhaltens universal in Gang gesetzten Mechanismus, der dem daran unbeteiligten Einzelnen den sozialen Tod eintreten lässt, dem dessen körperlicher unabweisbar auf dem Fuß folgt (Sofsky, 1993: 38), stoppen will. Die jüngst angekündigte "schonungslose Aufklärung" gerät dadurch zu leerem Gerede und vertieft in der Konsequenz selbstverschuldet die Krise, in welcher der Konzern ohnehin bereits steckt.

Lothar dM

19.11.2015, 13:38 Uhr

Kein VW Käufer interessiert sich in Wirklichkeit für die Details von Abgasen. Was interssiert ist Preis, Motorisierung/ Ausstattung und Verbrauch.

Insb. die sehr strengen Diesel-Abgaswerte sind in Wahrheit EIngriffsinstrumente zum Schutz der US Autohersteller, die die Diesel Technologie nur rudimentär verstehen.

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