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06.01.2017

18:47 Uhr

Dieselgate

VW darf in den USA rund 70.000 Autos umrüsten

VonAstrid Dörner

VW darf einen Teil der vom Diesel-Skandal in den USA betroffenen Autos reparieren lassen. Die US-Umweltbehörden EPA und Carb gaben grünes Licht. So muss VW nicht alle Autos zurückkaufen. Viele Fragen bleiben aber offen.

VW-Dieselskandal

Überraschende Aktion – FBI klagt erstmals VW-Manager an

VW-Dieselskandal: Überraschende Aktion – FBI klagt erstmals VW-Manager an

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DüsseldorfLange hat Volkswagen nach einer Lösung gesucht, nun endlich ein erster kleiner Erfolg: Die US-Umweltbehörden EPA und Carb erlauben dem Wolfsburger Autobauer, bestimmte Diesel-Autos umzurüsten, damit sie die vorgeschriebenen Abgas-Standards erfüllen. Das teilten die Behörden am Freitag mit.

VW hatte sich im Oktober mit den Behörden und mit den Anwälten der betroffenen Autobesitzer darauf geeinigt, die gut 500.000 Dieselfahrzeuge mit Zwei-Liter-Motoren zurückzukaufen, falls sich eine Reparatur als unmöglich erweisen sollte. Das würde den Konzern gut zehn Milliarden Dollar kosten.

VW hat nun grünes Licht bekommen, rund 70.000 Autos zu reparieren. Dabei handelt es sich um die neuesten Fahrzeuge in dieser Gruppe. Das sind die Modelle VW Golf, Beetle, Jetta und Passat, sowie der Audi A3 – alle aus dem Baujahr 2015. Diese Gruppe, Generation 3 genannt, galt als am einfachsten zu reparieren, da es die neuesten Autos sind. Vom Diesel-Skandal in den USA sind Modelle aus den Jahren 2009 bis 2015 betroffen.

Die Sparprogramme bei Volkswagen

1993: Massenentlassungen drohen

Im Jahr des Amtsantritts des späteren VW-Patriarchen Ferdinand Piëch als Vorstandschef steckt der Konzern in einer tiefen Krise. Er produziert im Vergleich mit der globalen Konkurrenz viel zu teuer, es droht die Entlassung von bis zu 30.000 Beschäftigten.

Hartz verhindert Kahlschlag

Peter Hartz, von Piëch eingestellter Personalvorstand und späterer Entwickler der Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder, kann den Kahlschlag abwenden. Er führt in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat und der IG Metall unter anderem die Vier-Tage-Woche bei Volkswagen ein - eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich. Auch der umstrittene „Kostenkiller“ und Ex-General-Motors-Manager José Ignacio López bringt den verlustreichen Konzern finanziell wieder auf Kurs.

2006: Ende der Vier-Tage-Woche

Die Hauptmarke Volkswagen-Pkw fährt chronisch niedrige Erträge ein - eine deutliche Parallele zur heutigen Lage. Nach monatelangen Verhandlungen zum neuen Haustarifvertrag bei VW einigen sich die Parteien auf eine Abkehr von der Vier-Tage-Woche. Als Gegenleistung für die wieder deutlich längeren Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich verlangt die IG Metall vom Unternehmen verbindliche Zusagen für die langfristige Zukunft der sechs westdeutschen Werke.

Nachdem Kernmarken-Chef Wolfgang Bernhard mit Stellenstreichungen und Produktionsverlagerungen gedroht hat, verlässt er den Konzern. VW kann dennoch die Kosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit steigern.

2016: Dieselskandal belastet VW

Nach Jahren satter Gewinne dümpelt die Marke mit dem VW-Emblem – gemessen an der Marge (Anteil des Gewinns am Umsatz) – im Branchenvergleich erneut vor sich hin. Zugleich muss der Gesamtkonzern die Milliardenlasten des Abgas-Skandals verdauen und sich stärker auf die Zukunftsthemen der Branche konzentrieren.

Der „Zukunftspakt“

Der „Zukunftspakt“ soll daher den Spardruck, den Umbau in Richtung E-Mobilität, Digitalisierung und Dienstleistungen sowie das Interesse der Belegschaft an sicheren Jobs und Standorten in die Balance bringen. Nach Monaten des Ringens steht fest: Dies wird nicht ohne Zugeständnisse bei den Jobs gehen. 30.000 Stellen sollen weltweit bis 2020 auslaufen, Kündigungen gibt es aber nicht.

Wie viel Geld das den Wolfsburgern sparen wird, muss sich zeigen. Die betroffenen Autofahrer können sich aussuchen, ob sie ihr Auto reparieren lassen oder ob der Händler es zurückkaufen muss. In beiden Fällen bekommen die Autobesitzer – anders als in Deutschland – zudem mehrere Tausend Dollar Entschädigung. 

Die EPA und ihre kalifornische Schwesterbehörde Carb haben sich lange mit der Genehmigung der Reparaturen Zeit gelassen. Sie wollten die Autos Langzeittests unterziehen, um sicherzugehen, dass die von VW vorgeschlagene Lösung auch auf Dauer die Abgaswerte innerhalb der vorgegebenen Grenzen halte.

Ob die restlichen Autos mit Zwei-Liter-Motoren auch repariert werden können, ist noch unklar. „Volkswagen arbeitet weiterhin eng mit EPA und Carb zusammen, um so schnell wie möglich eine Einigung für die Reparatur der weiteren betroffenen Zwei-Liter-Fahrzeuge zu erzielen“, teilte eine Sprecherin mit.

Offen ist auch die Frage, ob ein Großteil der betroffenen Diesel-Fahrzeuge mit den größeren Drei-Liter-Motoren repariert werden kann. Die Zeit drängt. Volkswagen wollte die offenen Fragen rund um den Diesel-Skandal noch unter der Obama-Regierung abschließen. Die ist noch bis zum 19. Januar im Amt. Danach übernimmt der Republikaner Donald Trump die Geschicke im Weißen Haus.

Für die zivilrechtliche Einigung, unter die auch die Reparaturen, Rückkäufe und Entschädigungszahlungen fallen, hatte Volkswagen gut 18 Milliarden Dollar gezahlt.

In der kommenden Woche könnte VW alle laufenden Verfahren beilegen, berichten US-Medien übereinstimmend. Der Autobauer muss sich mit dem Justizministerium noch über Strafzahlungen für das zivilrechtliche Verfahren einigen. Außerdem steht noch eine außergerichtliche Einigung über eine strafrechtliche Ermittlung an. Insgesamt könnte VW dafür weitere drei Milliarden Dollar zahlen müssen, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.

Sollte sich VW in der nächsten Woche nicht mit den Behörden einigen können, dann wird sich der Diesel-Skandal in den USA noch eine Weile hinziehen. Denn am Ende der kommenden Woche werden die von Obama ernannten Mitarbeiter des Justizministeriums ausgetauscht. Bis die Behörde unter Trump wieder vollständig einsatzfähig ist und sich ein eigenes Bild von der Lage gemacht hat, werden Monate vergehen.

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