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17.11.2016

13:11 Uhr

Digitalisierung war gestern

Der Brief lebt!

VonMartin Wocher

Briefe stehen vor dem Aus und werden von der E-Mail abgelöst? Mitnichten! Ein Berliner Unternehmen dreht die Uhr zurück und baut wieder mehr Frankiermaschinen. Hilfestellung kommt sogar von den Behörden.

Entgegen den Erwartungen hat sich die sichere E-Mail noch nicht durchgesetzt. Deshalb setzt Francotyp-Postalia wieder verstärkt auf den Bau von Frankiermaschinen. AP

Brief statt E-Mail

Entgegen den Erwartungen hat sich die sichere E-Mail noch nicht durchgesetzt. Deshalb setzt Francotyp-Postalia wieder verstärkt auf den Bau von Frankiermaschinen.

DüsseldorfHenkel-Chef Hans Van Bylen hat am Donnerstag den Schritt in Richtung Digitalisierung vorgestellt: Der Düsseldorfer Konzern verspricht Kunden Abo-Modelle und will zum Beispiel Apps entwickeln, um Friseurtermine zu vereinbaren. Während die meisten Unternehmen ihr Geschäftsmodell auf die Digitalisierung und die sogenannte Industrie 4.0 ausrichten, geht die Berliner Francotyp-Postalia jetzt den umgekehrten Weg: Sie konzentriert sich wieder stärker auf ihr Kerngeschäft – den Bau von Frankiermaschinen. Eine klassische Rolle rückwärts in der strategischen Ausrichtung der Firma.

Der Grund: Die Hoffnung, den klassischen Brief durch die E-Mail ablösen zu lassen, haben sich nicht erfüllt: Schon vor fünf Jahren hatte die Bundesregierung mit Partnern aus der Industrie die Idee einer sicheren E-Mail entwickelt. Ziel war es, dass Behörden aber auch Unternehmen wie Versicherungskonzerne einen Großteil ihrer Geschäftspost mit vertraulichen Mitteilungen oder Verträgen künftig nur noch elektronisch als verschlüsselte De-Mail oder E-Post-Brief übersenden und auf den klassischen Brief im Postkasten ihrer Kunden verzichten.

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Doch was in vielen anderen Ländern wie in Skandinavien schon reibungslos funktioniert, kommt in Deutschland nur schwer in Gang. Der Spezialist für Frankiermaschinen und Marktführer in Deutschland zieht jetzt daraus ihre Konsequenzen. „Unser Kerngeschäft hat mehr Wachstumspotenzial als bislang angenommen“, sagte der Vorstandschef von Francotyp-Postalia, Rüdiger Andreas Günther. „Nicht jede Digitalisierung ist disruptiv und erfolgt über Nacht.“

Fortan gilt also die Konzentration weniger der Entwicklung neuer Softwarelösungen für den elektronischen Briefversand und die digitale Postbearbeitung – sondern wieder dem Bau von Frankier- und Kuvertiermaschinen. Hier haben die Berliner einen weltweiten Marktanteil von rund zehn Prozent, den sie kräftig ausbauen wollen. Dabei konzentrieren sie sich auf den Bau kleinerer Maschinen mit einer Durchgangsgröße von 200 Briefen pro Tag. „Dieser Bereich wächst zwischen drei und vier Prozent, trotz eines leicht schrumpfenden Briefvolumens“, sagte Günther dem Handelsblatt. Zudem denkt er über den Bau einer preiswerten Maschine nach, um sich neue Märkte in Schwellenländern zu erschließen.

Checkliste Digitales für Mittelständler

Quelle

Häufig wissen Mittelständler nicht, wie sie die Digitalisierung angehen sollten. Experte Thomas Denk vom Beratungshaus Deliberate in Böblingen empfiehlt ein strukturiertes Vorgehen.

1. Situation analysieren

Vor der Gestaltung der digitalen Transformation steht die Analyse. Was passiert gerade in meiner Branche, wie stellen sich die Konkurrenten auf, wo stehen wir und welche Ideen haben wir?

2. Erwartungen der Kunden erfüllen

Digitalisierung heißt, die veränderten Bedürfnisse der Kunden zu berücksichtigen. Hilfreich dabei: eine offene Kommunikation – direkt und über soziale Medien.

3. Kulturwandel vorantreiben

Kontinuierliche Veränderung ist notwendig. Dafür muss man bereit sein, Geschäftsprozesse ständig auf den Prüfstand zu stellen.

4. Datenqualität sichern

Nicht die Menge an Daten ist entscheidend, sondern ihre Qualität und Verknüpfung. Mittelständler sollten nur Daten erheben, die sie benötigen.

5. Ressourcen bereitstellen

Digitale Transformation wird von Menschen vorangetrieben. Dafür muss ein Chef Ressourcen bereitstellen und Know-how aufbauen.

6. Kommunikation sicherstellen

Unternehmen, die in Silos strukturiert sind, werden bei der digitalen Transformation scheitern. Benötigt wird permanenter Austausch über Motive, Ansätze und Ziele.

7. Digitalisierungsstrategie verankern

Die digitale Strategie muss Bestandteil der Unternehmensstrategie sein, klar definiert und schriftlich festgehalten werden. So kann jeder Mitarbeiter nachlesen, welche Auswirkungen sie auf das Alltagsgeschäft hat.

8. Klare Verantwortlichkeit schaffen

Digitale Transformation braucht Führung. Hilfreich ist dabei ein Chief Digital Officer, der Stratege, Projektmanager, Impulsgeber und Change Manager ist.

9. Risiken im Auge behalten

Bei jeder Veränderung darf die Arbeit an betrieblichen Abläufen und internen Strukturen nicht den Blick auf den Kunden verstellen.

10. Flexibilität schaffen, Netzwerk pflegen

Digitale Geschäftsmodelle entwickeln sich oft rasant, das erschwert Planungen. Neben der Strategiearbeit ist ein gutes Netzwerk aus Kunden, Partnern und Zulieferern wichtig.

11. Reporting aufsetzen

Digitalisierung lässt sich messen. Um Chancen auszuschöpfen, ist ein Reporting für das ganze Unternehmen notwendig.

Entsprechend ambitioniert sind die Ziele, die der im Januar gestartete Chef der Traditionsfirma vorgibt. Der Umsatz von voraussichtlich 200 Millionen Euro in diesem Jahr soll 2020 auf 250 Millionen ansteigen. Drei Jahre später sollen es schon 400 Millionen sein – rechtzeitig zum 100sten Firmenjubiläum. Die Ebitda-Marge sieht Günther bei mindestens 17 Prozent.

Dass ihn die Digitalisierung des Briefverkehrs so schnell links überholen wird, glaubt er nicht mehr. Noch immer bevorzugen über 80 Prozent der Unternehmen in Deutschland den klassischen Geschäftsbrief, wenn es darum geht, sensible Informationen zu überbringen. Ging dieser Briefmarkt vor wenigen Jahren noch um drei bis vier Prozent zurück, ist dieser Schrumpfungsprozess im wichtigen Heimatmarkt fast zum Erliegen gekommen.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

17.11.2016, 14:16 Uhr

Ich schreibe zwar keine Briefe mehr, aber ein Kommentar musste sein.

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