Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.06.2017

15:35 Uhr

Diskussion um Fahrverbote

Bannmeilen für den Diesel

VonChristian Schnell, Christoph Kapalschinski

München plant das bisher schärfste Fahrverbot für Dieselfahrzeuge. Noch gibt es starken Widerstand in Deutschland, doch Städte wie Hamburg haben ähnliche Pläne – obwohl dort Autos der Umweltbehörde ausgebremst würden.

Der Oberbürgermeister denkt öffentlich über ein Fahrverbot für Diesel nach. Imago

Berufsverkehr in München

Der Oberbürgermeister denkt öffentlich über ein Fahrverbot für Diesel nach.

München, HamburgObwohl derzeit viele Münchener die Stadt wegen der Pfingstferien verlassen haben, gibt es Straßen in der bayrischen Landeshauptstadt, auf denen der Verkehr stillsteht. Auf dem mittleren Ring, dem Georg-Brauchle-Ring und dem Petuel-Ring gehört der Stau zum Alltag. Der Blick des Autofahrers kann sich dann beispielsweise am imposanten Vierzylinder-Hochhaus des Autobauers BMW erfreuen – doch einatmen sollte man lieber nicht.

Was viele beim bloßen Anblick des alltäglichen Dauerstaus bereits erahnt haben, ist jetzt von einer neuen Erhebung belegt. Die Belastungen durch Abgase sind viel zu hoch, vor allem die krebserregenden Stickoxide (NOx) liegen an vielen Stellen der Stadt deutlich über den gesetzlichen Grenzwerten. Teilweise sind es über 60 Mikrogramm je Kubikmeter. Erlaubt ist von der Europäischen Union ein Mittelwert von 40 Mikrogramm über das Jahr verteilt. Am Pranger steht wieder einmal der Diesel, der als Hauptverursacher von Stickoxiden gilt.

Fahrverbote, Abgasnorm, Restwertverlust: Was Dieselfahrer jetzt wissen sollten

Fahrverbote, Abgasnorm, Restwertverlust

Was Dieselfahrer jetzt wissen sollten

Diesel-Fahrer müssen sich derzeit mit unangenehmen Fragen beschäftigen. Das Handelsblatt liefert Antworten.

Es hat deshalb durchaus etwas Revolutionäres, wenn der Münchener Oberbürgermeister Dieter Reiter von der SPD nun über ein generelles Diesel-Fahrverbot in der Stadt nachdenkt. „Die neuen Daten haben mir zu denken gegeben“, gibt er unumwunden zu. Bisher war er davon ausgegangen, dass lediglich der Innenstadtkern betroffen sei. Die neuesten Daten zeigen jedoch, dass auch etliche Gebiete außerhalb unter den Abgasen leiden.

Käme Reiter mit seinen Plänen durch, dann könnte das je nach Auslegung des Fahrverbots auf unterschiedliche Schadstoffklassen das Aus für 130.000 bis 170.000 Autos im Stadtgebiet bedeuten. Im Moment sind in München rund 720.000 Autos zugelassen, 295.000 davon Diesel. Noch nicht mitgezählt sind dabei die zahlreichen Pendler, die aus dem Münchener Umland jeden Tag in die Stadt kommen. Reiter will jedoch die bislang beste Schadstoffklasse, die Euro-6-Norm, von dem Verbot ausnehmen.

Diesel-Fahrverbote

Wer sagt, die Luft ist zu dick?

In der Europäischen Union gelten seit 2010 für Feinstaub und Schadstoffe wie Stickstoffdioxid (No2) Grenzwerte zur Luftreinhaltung. Wegen hoher Luftverschmutzung kommt es laut EU-Kommission in Europa jährlich zu 400.000 vorzeitigen Todesfällen, wegen Stickoxiden seien 2003 rund 70.000 Menschen gestorben. In Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien wird das Limit von 40 Mikrogramm je Kubikmeter wiederholt überschritten. Deshalb droht die EU-Kommission den Ländern mit Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof. Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat auf Basis dieser Vorschriften gegen die Luftreinhaltepläne von 16 Städten vor Verwaltungsgerichten geklagt.

Wo ist die Luft zu dick?

Die EU-Kommission listete 28 Gebiete mit Grenzwertüberschreitungen auf. Darunter sind die Ballungsräume Berlin, München, Stuttgart und Hamburg. Auch in Köln, Düsseldorf und fast allen größeren Städten in Nordrhein-Westfalen besteht das Problem. Das Umweltbundesamt hat im vergangenen Jahr in fast 50 Städten zu hohe Belastungen gemessen, häufig nur an einzelnen Plätzen und Straßen. Stuttgart ist mit seiner Kessellage besonders betroffen und plant ab 2018 Fahrverbote an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung auf bestimmten Straßen. Für Lieferverkehr, Taxis oder Handwerker soll es Ausnahmen geben.

Warum sind Diesel-Autos im Visier?

Nach Angaben der EU entfallen auf den Straßenverkehr 40 Prozent der Stickoxidemissionen. Rund 80 Prozent davon stoßen wiederum Dieselautos aus. Laut Umweltbundesamt sind Diesel-Pkw in Deutschland für 13 Prozent der Emissionen verantwortlich. Betroffen von Fahrverboten wären nach den Plänen in Stuttgart und München alle Dieselfahrzeuge ab Euro-5 abwärts. Das wären vier von fünf Diesel-Pkw.

Aber auch bei den neuesten Pkw mit Euro-6-Standard ergaben Messungen des Umweltbundesamtes im Realbetrieb viel zu hohe Ausstöße von Stickoxid. Die Autoindustrie hält dagegen, das werde mit den nun auf den Markt kommenden Dieselmotoren gelöst. Ab 2019 dürfen die Selbstzünder auf der Straße den vorgeschriebenen Grenzwert nur noch um das Doppelte übertreffen, zwei Jahre später um das Anderthalbfache. Der Spielraum wird eingeräumt, weil wegen Beladung, Tempo oder Steigungen eine konstante Einhaltung der Laborwerte technisch nicht möglich ist. Bis die neue Diesel-Flotte aber die Luft spürbar verbessert, dauert es nach Schätzungen des Umweltbundesamt bis etwa 2025.

Wie wären Fahrverbote zu vermeiden?

Die Städte betrachten ein Fahrverbot als größten Hebel neben vielen anderen Maßnahmen der Verkehrssteuerung oder Anreizen für Bürger, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Baden-Württemberg verhandelt deshalb mit der Autoindustrie über eine Nachrüstung von Euro-5-Motoren, die rund 40 Prozent der Diesel-Fahrzeuge ausmachen. Sollte der Stickoxid-Ausstoß dadurch genauso viel wie durch Fahrverbote sinken, könnte auf die drastische Maßnahme verzichtet werden. Doch es ist unklar, wie hoch die Kosten sind und wer sie übernimmt - die Autohersteller oder auch die Verbraucher oder der Staat? Ob Dieselfahrverbote rechtlich zulässig sind, muss das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig erst entscheiden. Einen Termin dafür gibt es noch nicht.

Was macht die Bundesregierung?

Die Länder dringen auf eine bundesweite Klärung. In der Diskussion war die Blaue Plakette, mit der Städte allen Diesel-Autos beispielsweise unterhalb der Euro-6-Norm die Einfahrt verbieten könnten. Doch Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), die die Plakette selbst vorgeschlagen hatte, ist davon inzwischen abgerückt, da auch die Euro-6-Fahrzeuge zuviel ausstießen. Sie setzt auf Nachrüstungen durch die Industrie. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist gegen Fahrverbote, sieht die Verantwortung aber bei Städten und Ländern. Er argumentiert, wenn Busse, Taxen und Behördenfahrzeuge elektrisch oder mit alternativen Antrieben ausgerüstet würden, könne das Problem für Privatfahrer entschärft werden.

Quelle: Reuters

Mit seinem Vorschlag geht der Münchener OB, der seit 2014 im Amt ist, sogar weiter als sein Stuttgarter Kollege Fritz Kuhn (Grüne). In Baden-Württembergs Hauptstadt, die wegen ihrer Kessellage schon lange unter hohen Abgaswerten leidet, soll ab dem kommenden Jahr ein temporäres Fahrverbot für Dieselfahrzeuge gelten, die eine schlechtere Schadstoffklasse als die Euro-Norm 6 erreichen. Die gilt für Dieselautos seit 2015, viele Hersteller haben sie aber schon in den Baujahren davor erfüllt.

In Köln, das verkehrstechnisch ebenfalls berüchtigt ist, stehen die Spitzenwerte bei der Stickoxidbelastung denen in München in nichts nach. Von den rund 460.000 Autos, die in der Stadt zugelassen sind, hat jedes Dritte einen Dieselantrieb. Maßnahmen wie eine City-Maut, aber auch ein Diesel-Fahrverbot sind im Gespräch. Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) gilt indes eher als Bremserin. „Bei Diesel-Fahrverboten habe ich große Bedenken hinsichtlich der Praktikabilität und der Verhältnismäßigkeit“, sagte sie kürzlich.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Holger Narrog

15.06.2017, 08:41 Uhr

Ich fürchte die Menschen in Deutschland werden sich auch das gefallen lassen.

Für den Menschen ist Wohlstand schlimmer als Not. Hierzulande hat sich als Antwort auf den industriellen Wohlstand die Ökoreligion etabliert. Diese Religion strebt eine mittelalterlich verarmte, feudalistische Gesellschaft mit vielen Verboten und Geboten an.

Zunächst bekämpfte man lediglich moderne Zukunftstechniken wie die Kernenergie, oder die Gentechnik. Dies hatte keine Auswirkungen auf das reale Leben der Menschen. Da die Menschen dies mittrugen weitete man die Schikanen auf das Alltagsleben, Bsp: Ökokult der Mülltrennung, aus. Jetzt trauen sich die Grünen Gotteskrieger an des Deutschen liebstes Kind das Auto.

Sachlich gesehen sind die Autoabgase zweifellos nicht gesundheitsförderlich. Andererseits hindern sie die Menschen nicht daran hierzulande immer gesünder und älter zu werden. Offensichtlich ist unser heutiges Leben inklusive Autoabgase durchaus geeignet uns Menschen durchschnittlich 80 Jahre lang leben zu lassen.

Meines Erachtens ist ein Leben mit privatem Auto eine sehr sinnvolle Balance zwischen Gesundheit und Lebensfreude. Die Anhänger der Ökoreligion mögen ihr Leben gem. ihrer Regeln analog der Amish Poeple in den USA leben, aber den Rest der Menschen nicht mit ihrem Glauben behelligen.

Herr Alex Müller

15.06.2017, 09:07 Uhr

@Holger Narrog

Mülltrennung ist ein gutes Stichwort. Ich probier das mal zu sortieren, was Sie da so alles zusammengeworfen haben:

Die Luft an einigen Hamburger Straßen ist unerträglich. Letztes Jahr bin ich durch München gefahren, besagten Petuel-Ring, gleiche Situation. Wir haben ein Problem in den Städten und wir müssen etwas tun. Das sage ich als betroffener Diesel Fahrer und nicht als 'grüner Ökoprophet'. Die Wahrheit, das wir zu anderen Mobilitätskonzepten kommen müssen, liegt auf der Straße; und man muss reichlich borniert sein, um das nicht wahrhaben zu wollen. Diese Borniertheit wird übrigens ein Problem für unsere Industrie werden...

Dabei sagt niemand, dass zukünftige Mobilitätskonzepte nicht sogar eine bessere Balance zwischen Bequemlichkeit, Gesundheit und Lebensfreude zu finden. Wir müssen uns halt trauen, nach 70 Jahren oder nennenswerte Weiterentwicklung mal neue Wege einzuschlagen.

Die statistische Lebenserwartung hat übrigens vor allem etwas damit zu tun, dass die Bereitschaft in der Medizin für Veränderungen vorhanden war. Die Verkehrstoten sind zwar signifikant gesunken, spielten aber in der Statistik der Lebenserwartung kaum eine Rolle.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×