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22.09.2015

03:58 Uhr

Dobrindt greift in VW-Abgasaffäre ein

Verkehrsminister will Diesel-Modelle überprüfen lassen

VW hat Abgastests in den USA manipuliert: Das US-Justizministerium ermittelt inzwischen. Hierzulande will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt strenge Nachprüfungen deutscher VW-Dieselmodelle veranlassen.

Abgaswerte manipuliert

Gabriel zum VW-Skandal: „Das ist ein schlimmer Vorfall“

Abgaswerte manipuliert: Gabriel zum VW-Skandal: „Das ist ein schlimmer Vorfall“

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Berlin/Wolfsburg/WashingtonDie Affäre zieht immer weitere Kreise: Angesichts des Abgas-Skandals in den USA kommt das mächtige Präsidium des VW-Aufsichtsrats nach dpa-Informationen am Mittwoch zu einer Krisensitzung zusammen. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Montag aus Konzernkreisen. Demnach wird der Führungszirkel über die Folgen der manipulierten Abgastests bei VW-Dieselwagen in den USA beraten.

Zu dem Gremium gehören unter anderem der amtierende VW-Aufsichtsratschef Berthold Huber, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche. Der VW-Aufsichtsrat kommt am Freitag anschließend zu einer regulären Sitzung zusammen.

In den USA hat das Justizministerium einem Agenturbericht zufolge inzwischen strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Das berichtete am Montag die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen in den USA.

In der Folge der Entwicklungen hat am Dienstag auch Südkorea angekündigt, den Schadstoffausstoß von Diesel-Fahrzeugen der Marken VW und Audi zu untersuchen. Betroffen seien 3000 bis 4000 Autos der VW-Modelle Jetta und Golf sowie des Audi A3, die zwischen 2009 und 2015 produziert worden seien. „Sollten die südkoreanischen Behörden Probleme in den VW-Diesel-Wagen finden, könnte die Untersuchung auf alle deutschen Diesel-Wagen ausgeweitet werden“, sagte ein Ministeriumsvertreter.

Die Abgas-Tests in Deutschland und Europa

Die Vorgaben in Deutschland

Neue Modelle werden in Deutschland und der EU nach dem Modifizierten Neuen Fahrzyklus (MNEFZ) getestet. Die Tests laufen unter Laborbedingungen, das heißt auf einem Prüfstand mit Rollen. Dies soll die Ergebnisse vergleichbar machen. Der Test dauert etwa 20 Minuten und simuliert verschiedene Fahrsituationen wie Kaltstart, Beschleunigung oder Autobahn-Geschwindigkeiten.

Wer testet?

Getestet wird von Organisationen wie dem TÜV oder der DEKRA unter Beteiligung des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA). Dieses untersteht wiederum dem Verkehrsministerium.

Kritik an Prüfung

Die Prüfungen der neuen Modelle werden von ADAC und Umweltverbänden seit längerem als unrealistisch kritisiert. So kann etwa die Batterie beim Test entladen werden und muss nicht - mit entsprechendem Sprit-Verbrauch - wieder auf alten Stand gebracht werden. Der Reifendruck kann erhöht und die Spureinstellungen der Räder verändert werden. Vermutet wird, dass etwa der Spritverbrauch im Alltag so häufig um rund ein Fünftel höher ist als im Test.

Weitere Prüfungen

Neben den Tests für neue Modelle gibt es laut ADAC zwei weitere Prüfvorgänge, die allerdings weitgehend in der Hand der Unternehmen selbst sind. So werde nach einigen Jahren der Test bei den Modellen wiederholt, um zu sehen, ob die Fahrzeuge noch so montiert werden, dass sie den bisherigen Angaben entsprechen, sagte ADAC-Experte Axel Knöfel. Zudem machten die Unternehmen auch Prüfungen von Gebrauchtwagen, sogenannte In-Use-Compliance. Die Tests liefen wieder unter den genannten Laborbedingungen. Die Ergebnisse würdem dann dem KBA mitgeteilt. Zur Kontrolle hatte dies der ADAC bei Autos bis 2012 auch selbst noch im Auftrag des Umweltbundesamtes gemacht, bis das Projekt eingestellt wurde. In Europa würden lediglich in Schweden von staatlicher Seite noch Gebrauchtwagen geprüft, sagte Knöfel.

Geplante neue Prüfmethode

Die EU hat auf die Kritik am bisherigen Verfahren reagiert und will ab 2017 ein neues, realistischeres Prüfszenario etablieren. Damit sollen auch wirklicher Verbrauch und Schadstoffausstoß gemessen werden ("Real Driving Emissions" - RDE). Strittig ist, inwiefern dafür die bisherigen Abgas-Höchstwerte angehoben werden, die sich noch auf den Rollen-Prüfstand beziehen.

Zuvor hatte sich in Deutschland die Politik massiv in die Affäre eingeschaltet. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt wolle sämtliche Diesel-Modelle des Autobauers auf dem deutschen Markt überprüfen. Der CSU-Politiker sagte der „Bild“ laut Vorabbericht am Montag: „Unabhängige Kontrollen finden immer wieder statt. Allerdings habe ich das Kraftfahrtbundesamt angewiesen, bei den VW-Dieselmodellen jetzt umgehend strenge spezifische Nachprüfungen durch unabhängige Gutachter zu veranlassen.“

Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Kontrolleur Weil kritisierte den Konzern scharf. „Eine Manipulation von Emissionstests ist völlig inakzeptabel und durch nichts zu rechtfertigen“, sagte der SPD-Politiker, der als amtierender Regierungschef in Niedersachsen Mitglied im Präsidium des Aufsichtsrates von VW ist, am Montag in Hannover. „Es muss selbstverständlicher Anspruch des VW-Konzerns sein, die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten.“

Vermintes Gelände – Volkswagen und die USA

Schwieriges Geschäft

In China, dem wichtigsten Automarkt der Welt, stampft VW ein Werk nach dem anderen aus dem Boden. In den USA zählt Europas Branchenprimus erst eines, vieles läuft dort noch nicht rund. Eine Chronologie.

13. Januar 2013

VW-Chef Martin Winterkorn spricht zur Automesse in Detroit erstmals von einem neuen SUV-Modell speziell für die USA.

2. Mai 2013

Nach 31 Monaten auf steilem Expansionskurs muss Volkswagens Kernmarke für den April 2013 erstmals wieder rückläufige Verkäufe melden. Seitdem finden die Wolfsburger nicht in die Spur.

18. Juni 2013

Im schwelenden Streit um einen Betriebsrat für das einzige US-Werk von Volkswagen in Chattanooga droht der mächtige Konzernbetriebsrat damit, weiteres Wachstum dort zu blockieren.

12. Dezember 2013

Michael Horn löst Jonathan Browning als Chef von Volkswagens US-Sparte ab. Medien spekulieren, Browning müsse wegen der Verkaufszahlen gehen. Volkswagen nennt „persönliche Gründe“.

12. Januar 2014

Winterkorn kündigt das neue SUV-Modell für 2016 an. „Amerika ist der weltweit härteste Automarkt“, räumt er ein. Als mögliche Produktionsorte gehen Chattanooga und Mexiko ins Rennen.

14. Februar 2014

Die VW-Mitarbeiter in Chattanooga votieren gegen den Vorschlag, sich von der US-Autogewerkschaft UAW vertreten zu lassen. Damit kann VW zumindest vorerst nicht die vom Betriebsrat geforderte Arbeitnehmervertretung nach deutschem Vorbild aufbauen.

19. Februar 2014

Betriebsratschef Bernd Osterloh meldet sich zu Wort. Er könne sich „durchaus vorstellen“, dass ein weiterer Standort in den USA „nicht unbedingt wieder in den Süden gehen muss“.

14. Juli 2014

VW teilt mit: Der Cross Blue geht nach Chattanooga.

10. Januar 2015

VW zeigt auf der Messe in Detroit neben dem bereits bekannten großen Geländewagen Cross Blue eine Coupé-Variante. Martin Winterkorn verspricht, in den USA wieder in den Angriffsmodus zurückkehren zu wollen.

18. September 2015

Die Verkäufe gerade der Marke VW fallen nach den beiden schlechten Jahren 2013 und 2014 in den USA noch einmal schlechter aus. Von Januar bis August verkaufte in den USA 238.100 Autos und damit 2,8 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Quelle: dpa, scc

VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hat vor Vorverurteilungen gewarnt. „Wir gucken uns in den nächsten Tagen an, was passiert ist, wer die Verantwortung trägt“, sagte Osterloh am Montag auf der IAA in Frankfurt. Dass es dabei nicht um einen Sachbearbeiter gehe, sei klar. Aber jetzt schon den Abschied von Volkswagen-Chef Martin Winterkorn zu fordern, sei ein Unding.

„Ich stehe zu Herrn Dr. Winterkorn“, sagte Osterloh. Winterkorn stehe an der Spitze und müsse das Thema aufklären. Wenn herauskommen sollte, dass Winterkorn an dem Skandal beteiligt ist, werde er von alleine zurücktreten. Klar sei aber, dass sich Volkswagen einen solchen Imageschaden nicht leisten könne. Das VW-Präsidium werde bald zusammenkommen, am Freitag tagt der Aufsichtsrat.
Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) sagte: „Dass das ein schlimmer Vorfall ist, ist, glaube ich, klar“, so der SPD-Chef in Berlin. „Dass wir Sorgen haben, dass der berechtigte, exzellente Ruf der deutschen Automobilindustrie und insbesondere Volkswagens darunter leidet, das können Sie sicherlich verstehen.“

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt vor gravierenden Folgen für die deutsche Wirtschaft und vor Arbeitsplatzverlusten. „Der Imageschaden wird VW nicht nur in den USA, sondern auch global teuer zu stehen kommen“, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher der „Bild“-Zeitung (Dienstagausgabe) laut Vorabbericht. „Damit werden auch Jobs bei VW und vielen Zulieferern in Deutschland gefährdet sein.“ Die möglichen Strafzahlungen für VW seien „noch das geringste der Probleme“. Fratzscher zufolge könnten auch andere deutsche Exporteure Schaden nehmen. „Denn VW war bisher ein Aushängeschild für Produkte 'Made in Germany'.“ Der Ökonom forderte, es müsse nun dringend um Schadensbegrenzung für VW und für die deutsche Exportwirtschaft gehen.

Der auf diesem Gebiet führende Zulieferer Bosch sieht grundsätzlich die Autobauer in der Pflicht. Bosch liefere Komponenten an verschiedene Hersteller, erklärte ein Firmensprecher am Montag. „Die Integration ist Sache des Herstellers.“ Über Umprogrammierungen habe Bosch keine Kenntnis. Der Konzern machte keine Angaben dazu, ob Bosch Teile für die betroffenen VW-Modelle geliefert habe, ist bei der Abgastechnik aber Lieferant des Wolfsburger Konzerns.

Das Bundesumweltministerium fordert Aufklärung: „Wir stehen vor einem Fall von eklatanter Verbrauchertäuschung und Umweltschädigung“, sagte Staatssekretär Jochen Flasbarth. „Ich erwarte, dass VW lückenlos offenlegt, wie und in welchem Ausmaß diese Manipulationen stattgefunden haben.“

Kommentare (36)

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Herr Marc Otto

21.09.2015, 17:30 Uhr


Wenn es dem Konzern nicht gelingt, diese "Personen" zu feuern, wird Volkswagen bald zum Übernahme-Kandidat.

- VW-Aufsichtsratschef Berthold Huber,
- Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD),
- VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh und -
- VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche.

Genau dieses Gremium ist dafür verantwortlich, dass Wiko überhaupt noch im Amt ist. Ich weiß nur eins, bei Herrn Dr. Piech wäre das nicht passiert.

Herr Walter Schimpf

21.09.2015, 17:32 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich

Herr go rilla

21.09.2015, 17:37 Uhr

- Bis zu 16 Mrd. Euro Bußgeld an die US-Administration - zzgl.
- die Reparaturkosten für alle um die 500.000 Kfz allein in USA - zzgl.
- Schadenersatz wegen Betrug an die Käufer in USA, um die 500.000.- zzgl.
- Schadenersatz an die Aktionäre wegen Verletzung der Veröffentlichungspflichten - zzgl.
- alle entsprechenden Kosten im Rest der Welt für vergleichsweise Vergehen
sollten um die 20 Mrd. Euro Schaden für VW ergeben. Das sollte für den sofortigen Rücktritt Winterkorns reichen. Wäre er bei Piechs Verlangen zurück getreten, hätte er Ehre und Abfindung noch retten können. Jetzt nicht mehr. Nun gibt es nur Schimpf und Schande obendrauf.

Zahlen am Ende werden alle künftigen Kunden der VW-Gruppe.

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