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09.09.2012

12:35 Uhr

Dreamliner-Probleme

Schlaflos in Seattle

VonThomas Jahn

Boeing will seine 787 schneller produzieren. Doch selbst wenn der Flugzeughersteller die Produktion verdreifacht, schreibt der Dreamliner erst 2022 schwarze Zahlen. Ein riskantes Rennen mit Airbus bahnt sich an.

Montage der Boeing 787. Die Produktion soll deutlich gesteigert werden. dapd

Montage der Boeing 787. Die Produktion soll deutlich gesteigert werden.

New YorkDas Wort Fließband trifft es nicht so ganz. So nennt Boeing in Seattle und North Carolina seine Fertigungsstätten für den Dreamliner 787. Allerdings fließt nicht viel. Die Flugzeuge stehen die meiste Zeit. Es dauert lange, bis eine 787 zusammengebaut ist. Das Tempo der Fließbänder: Derzeit 3,5 Stück im Monat.

Ein Jahr nach der Markteinführung des spritsparenden Fliegers lieferte das Unternehmen bislang nur 17 Stück aus. Jetzt führt Boeing eine dritte Produktionslinie in Everett in der Nähe von Seattle ein, die bis Jahresende das Produktionstempo auf fünf 787 pro Monat steigern wird. Boeing will "seine aggressiven Pläne einer hohen Produktionsrate erreichen", heißt es von dem Unternehmen.

Boeings Dreamliner: Bestseller mit Verspätung

Erzrivale liefert 2013 aus

Der lang erwartete „Dreamliner“ von Boeing soll das Reisen über den Wolken revolutionieren: Mit mehr als drei Jahren Verspätung liefert der US-Flugzeugbauer die erste 787 aus. Die japanische All Nippon Airways (ANA) übernahm 2011 den ersten der Langstreckenjets. Damit soll eine neue Ära in der Luftfahrt beginnen. Erzrivale Airbus wird sein Konkurrenzmodell A350 voraussichtlich erst ab Ende 2013 ausliefern.

Gute Luft und wenig Sprit

Der „Dreamliner“ wartet nach Boeing-Angaben mit größeren Fenstern, einer angenehmeren Luft und einem geringeren Spritverbrauch auf als bisherige Typen. Möglich macht das die großflächige Verwendung der leichten und stabilen Karbonfasern statt des üblichen Aluminiums.

Ärger mit der Technik

Das neue Kunststoff-Material bescherte den Amerikanern jedoch auch jede Menge Ärger, weil die Ingenieure die Technik erst erlernen mussten. Es kam zu wiederholten Verzögerungen und jeder Menge Misstönen. Eigentlich hätte der erste „Dreamliner“ schon im Mai 2008 ausgeliefert werden sollen. Von der Bestellungen her ist die 787 aber schon ein Bestseller.

Air Berlin wird deutscher Erstkunde

Boeing liegen insgesamt 799 Orders (Stand: Januar 2012) vor. Deutscher Erstkunde soll 2014 Air Berlin werden. „Jetzt, da das Flugzeug fertig zur Auslieferung ist, kann das ganze Team feiern“, sagte „Dreamliner“-Programmchef Scott Fancher nach der Unterzeichnung der Verträge mit All Nippon Airways.

Mehrkosten in Milliardenhöhe

Die Verzögerungen kosteten die Mitarbeiter nicht nur Nerven und die Kunden viel Geduld. Es entstanden auch milliardenschwere Mehrkosten. Noch ist unklar, ab welcher Stückzahl der Airbus-Rivale mit dem Flugzeug überhaupt Geld verdient.

Bis zu 290 Passagiere

Da der „Dreamliner“ laut Hersteller 20 Prozent weniger Sprit als bisherige Typen verbraucht, lohnt es sich, bislang uninteressante Langstrecken-Routen direkt zu fliegen. In der kleineren Variante des „Dreamliner“, der 787-8, finden 210 bis 250 Passagiere Platz, in der verlängerten 787-9 bis zu 290.

Eine gewagte Entscheidung: Manche Analysten warnen vor dem Schritt. Nach der Meinung von Adam Pilarski von der Branchenberatung Avitas sollte der Flugzeugbauer erst die Flugeigenschaften der 787 im Alltagsgebrauch testen und dann die Produktion ausweiten. "Die Lernkurve am Anfang ist sehr steil", sagt der Branchenveteran und empfiehlt, bei zwei Produktionsstraßen zu bleiben.

Allerdings steht Boeing unter großem Druck. Aufgrund von technischen Problemen verschob sich die Markteinführung der 787 schon um viele Jahre. Die Kunden wollen nicht mehr warten. Beispielsweise bestellte die australische Line Qantas 2005 115 Stück in der Hoffnung, 2011 28 in Betrieb nehmen zu können.

Bislang erhielt man noch keinen einzigen Traumflieger. Jetzt kämpft Qantas mit hohen Kosten und verlor vor wenigen Tagen die Geduld: Die Airline strich von ihrer Bestellung 35 Dreamliner im Wert von 8,5 Milliarden Dollar.

Für Boeing ein Weckruf. Denn den Hersteller drückt eine gewaltige Finanzlast. Schätzungen zu den gesamten Entwicklungskosten für die 787 schwanken zwischen 14 und 32 Milliarden Dollar. Je später die 787 ausgeliefert wird, desto mehr Entschädigungen und Preisnachlässe muss Boeing zahlen. So steckt Boeing in der Klemme.

Nach Angaben des Konzerns schreibt man erst schwarze Zahlen, wenn 1100 Stück ausgeliefert sind. Nach derzeitigem Produktionstempo würde das jedoch noch ein Vierteljahrhundert dauern. Selbst wenn Boeing die Produktion bis Ende 2013 auf den Bau von monatlich zehn 787 erhöht, wird die Marke erst 2022 erreicht sein.

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