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21.02.2017

15:54 Uhr

Drive Now, Car2go, Multicity

„Ein Carsharingfahrzeug ersetzt 20 Autos“

VonNiklas Záboji

Carsharing boomt. 2016 hat die Zahl der Nutzer mit 1,7 Millionen einen Rekordwert erreicht. Zu diesem Ergebnis kommt der Branchenverband. Doch nicht jeder sieht die Entwicklung von gemeinschaftlich genutzten Autos rosig.

Der Trend geht hin zu Carsharing-Angeboten ohne festen Abhol- und Rückgabeort. Rodger Bosch; AFP; Getty Images; VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Carsharing

Der Trend geht hin zu Carsharing-Angeboten ohne festen Abhol- und Rückgabeort.

Berlin„Carsharing befreit die Straße vom ruhenden Blech“, prophezeit Willi Loose. Der Geschäftsführer des Bundesverbandes CarSharing konnte sich den Funken missionarischen Eifers nicht verkneifen, als er in Berlin die aktuellen Branchenzahlen präsentiert hat. Und die sprechen eine eindeutige Sprache: Das Geschäft mit den gemeinschaftlich genutzten Autos boomt. So waren zu Jahresbeginn 1,7 Millionen Nutzer bei Carsharing-Anbietern in Deutschland registriert. Das sind 36 Prozent mehr als im Vorjahr.

Auch die Zahl der Städte mit Carsharing-Angeboten legte um 60 auf nunmehr fast 600 Städte und Gemeinden zu. Die Fahrzeugflotte umfasst heute über 17.000 Autos, darunter etwa ein Zehntel mit Elektroantrieb. Neben Daimler (Car2go) mischen auch Autobauer wie BMW (Drive Now) oder Citroën (Multicity) kräftig mit.

Dabei geht der Trend hin zu Carsharing-Angeboten ohne festen Abhol- und Rückgabeort. Im Fachjargon heißt das „stationsunabhängiges Carsharing“ und macht zwei Drittel des Gesamtangebots aus. Zwar stieg auch die Nachfrage an Fahrzeugen mit festem Abhol- und Rückgabeort. Doch vor allem die „free floating-Systeme“, bei denen die Autos frei von Stationen per App geortet, ausgeliehen und hinterher wieder abgestellt werden, nahmen 2016 rund 430.000 Nutzer (ein Zuwachs von mehr als 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) in Anspruch.

Was hinter der blauen Diesel-Plakette steckt

Die blaue Diesel-Plakette

Das Bundesumweltministerium hat in Sachen blauer Diesel-Plakette lange der Kritik getrotzt. Doch nun will man sich doch nach einer Alternative umsehen, heißt es. Aus der blauen Plakette, die „saubere“ Diesel auszeichnet, wird vorerst nichts. Begründung: Die aufgeregte Debatte lenke vom eigentlichen Problem ab.

Worum geht es?

Die Luft in deutschen Großstädten ist schlecht – so schlecht, dass die EU über Vertragsverletzungsverfahren Druck macht, Grenzwerte endlich einzuhalten. Dabei geht es einerseits um Feinstaub, andererseits um Stickstoffdioxid (NO2). Das Gas kann unter anderem zu Atemproblemen führen und Pflanzen schädigen. Diesel-Motoren sind eine Hauptquelle für Stickoxide. Das Umweltbundesamt hat 2015 an 57 Messstationen in Deutschland eine Überschreitung des NO2-Jahresgrenzwerts gemessen. Derzeit werden Grenzwerte dem Umweltministerium zufolge in rund 80 Städten überschritten.

Was hat das Umweltministerium geplant?

Die Idee war, eine blaue Plakette für Autos mit relativ niedrigem Schadstoff-Ausstoß einzuführen. Die Plakette hätten voraussichtlich Benziner, Elektroautos und Diesel nach Euro-6-Norm bekommen. Umweltzonen einzurichten, in die nur noch Autos mit blauer Plakette fahren dürfen, wäre Sache der Kommunen gewesen - die Bundesregierung hätte ihnen lediglich die Möglichkeit dazu gegeben. Mehrere Städte hatten gegenüber der Deutschen Presse-Agentur Interesse bekundet. Es gibt in Deutschland schon 53 Umweltzonen, in denen nur Autos mit grüner Plakette fahren dürfen, zu denen verschiedene Fahrzeuggruppen gehören.

Wer hat was dagegen und warum?

Ärger gab es von vielen Seiten. Unter anderem protestierten Autoindustrie, ADAC, das Baugewerbe, das Handwerk, verschiedene Wirtschaftsverbände und nicht zuletzt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Die Rede war unter anderem vom einem Diesel-Fahrverbot in Innenstädten, das etwa Lieferanten und Baufirmen an der Arbeit hindern würde. Der Geschäftsführer der Umwelthilfe Jürgen Resch, hält dagegen: Nachrüsten sei möglich.

Warum gibt das Umweltministerium den Plan erst einmal auf?

Die Debatte um dreckige Stadtluft habe sich zu sehr auf die blaue Plakette konzentriert, sagt ein Sprecher, „als wäre sie das einzige Mittel“. Daher habe man ein Zeichen geben wollen, dass man kompromissbereit sei – damit wieder sachlich über die Verbesserung der Luftqualität diskutiert werde. Der Sprecher betonte auch, dass das Vorhaben nicht komplett vom Tisch sei.

Bleibt die Luft in der Stadt jetzt so ungesund?

Umweltschützer befürchten das: Die Förderung des Radverkehrs oder Modernisierung von Bussen müssten zusätzlich sein, nicht stattdessen, sagt etwa Jens Hilgenberg vom BUND. Allerdings drohen Deutschland Strafen, wenn EU-Grenzwerte weiter überschritten werden. Die Verkehrs- und Umweltminister der Länder sollen jetzt einen Kompromiss finden. Am 6. und 7. Oktober ist in Stuttgart die nächste Verkehrsministerkonferenz, da wird die Luftqualität sicher Thema sein.

Welche Vorschläge gibt es?

Dobrindt sagt, man solle nicht Fahrzeuge aus der Stadt verbannen, die dort nur selten fahren, sondern besser Busse, Taxen, Behördenfahrzeuge und so weiter auf alternative Antriebe umstellen. Der ADAC hält „Verkehrsverflüssigung“, Stichwort „grüne Welle“ an Ampeln“, und moderne Abgas-Technologie für gangbare Wege.

Hat das was mit dem Diesel-Skandal zu tun?

Inzwischen ist klar, dass sehr viele Diesel-Autos mehr Schadstoffe ausstoßen, als auf dem Papier angegeben. Wenn die Abgasnormen nicht funktionierten, dann könnten die Kommunen auch die Stickoxid-Werte nicht weiter senken, wenn sie den Verkehr umlenkten, sagt ein Sprecher des Umweltministeriums. BUND-Experte Hilgenberg zufolge gibt es das Problem mit den Grenzwerten gar nicht, wenn die Normen Euro 5 und Euro 6 im Stadtverkehr tatsächlich eingehalten würden.

„In innenstadtnahen Wohngebieten ersetzt ein Carsharingfahrzeug heute bis zu 20 Autos“, betonte Loose und verwies auf eine interne Studie, wonach in Köln und elf weiteren Städten die Zahl der Pkw-Eigentümer stark geschrumpft sei. Demnach bejahten 78 Prozent der Nutzer, nur dank Carsharing auf ein eigenes Auto zu verzichten.

Starken Rückhalt erhält die Branche vom Bundesumweltministerium. Staatssekretär Jochen Flasbarth zufolge symbolisiere Carsharing die „Abkehr vom selbstgenutzten Auto im Eigentum“.  Es leiste einen wichtigen „Beitrag, den Verkehr umwelt- und stadtverträglicher zu machen“, obwohl man noch am Anfang einer Entwicklung stehe. In der Diskussion stünden unter anderem reservierte Parkplätze für Carsharing-Autos und Maßnahmen zur Förderung von Elektromobilität.

Kritik an den Carsharing-Anbietern übte derweil die Deutsche Umwelthilfe. „Die Erfahrungen, die wir sehen, sind kontraproduktiv“, sagte deren Geschäftsführer Jürgen Resch der dpa. Durch Carsharing würden Busse, Bahnen und Taxen weniger genutzt, stattdessen drängten weiter Autos in die Innenstädte. „Das ist eine Verkaufsförderung für die Autoindustrie“, resümierte Resch.

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