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20.02.2012

10:44 Uhr

Druck auf BMW

Kampfansage gegen Zeitarbeit

VonMarkus Fasse

ExklusivIm Aufschwung setzen die Autobauer vermehrt auf Leiharbeiter und schlechter bezahlte Werkverträge. Nun bläst die IG Metall zur Attacke auf BMW, um die Zeitarbeit zu begrenzen. Doch in München traut man dem Boom nicht.

„Beim Thema Leiharbeit hat BMW maßlos überzogen“, kritisiert die IG Metall. dpa

„Beim Thema Leiharbeit hat BMW maßlos überzogen“, kritisiert die IG Metall.

MünchenDer nasse Schnee klatscht den Marschierenden frontal ins Gesicht, aber trotz des widrigen Wetters hat die IG Metall 3000 Menschen auf die Straße gebracht. Die Forderungen für die neue Tarifrunde sind bekannt: 6,5 Prozent mehr Lohn, Übernahme der Auszubildenden. Richtig zum Kochen bringt die IG Metall aber ein anderer Punkt: die massive Zunahme von Leiharbeit und Werkverträgen in der Metallindustrie. „Wir wollen, dass in den Betrieben eine Belegschaft arbeitet“, sagt Jürgen Wechsler, Chef der IG Metall in Bayern. Werde dieser Punkt nicht gelöst, „werden wir nicht vom Verhandlungstisch aufstehen“.

Die Kampfansage vor den tollen Tagen gilt vor allem einem Unternehmen: BMW. Denn das Aufsichtsratsmitglied Wechsler und die IG Metall wollen den Autohersteller auf Linie bringen. Es geht um eine Begrenzung der Zeitarbeit. „Beim Thema Leiharbeit hat BMW maßlos überzogen“, sagt Horst Lischka, der ebenfalls für die Metallgewerkschaft im Aufsichtsrat des Autobauers sitzt.

Der Konflikt zeichnet sich seit Monaten ab: Statt in der Produktion zusätzliches Personal fest einzustellen, setzen die Autohersteller im Aufschwung vermehrt auf Leiharbeiter und Werkverträge. Nach Angaben der IG Metall in Bayern kommen bei BMW in den deutschen Werken auf gut 70.000 Beschäftigte 11.000 Leiharbeiter und zusätzlich 3000 bis 5000 Werkverträge, die befristet und schlechter bezahlt sind. Konkurrent Audi setzt laut eigenen Aussagen hingegen nur 2500 Leiharbeiter ein und hat nach Schätzungen der Gewerkschaft ebenfalls 3000 bis 5000 Werkverträge.

In welchen Branchen Zeitarbeiter arbeiten

Zahl der Zeitarbeitnehmer

Insgesamt hat sich die Zahl der Zeitarbeitnehmer in den vergangenen neun Jahren nahezu verdreifacht. 2002 waren lediglich circa 300.000 Zeitarbeiter beschäftigt, 2011 werden es Schätzungen zufolge 900.000 sein.

Automobilindustrie

In der Automobilindustrie arbeiteten im Jahr 2010 15,8 Prozent aller Zeitarbeiter. Damit ist die konjunkturabhängige Sparte der größte Arbeitgeber der Top-10-Zeitarbeitsfirmen.

Energie, Verkehr, Logistik

Rund 10,6 Prozent der Zeitarbeiter entfielen auf die Sparten Energie, Verkehr und Logistik.

Maschinenbau

Läuft die Wirtschaft auf Hochtouren, ist der Bedarf an Zeitarbeitern im Maschinenbau hoch. Im Jahr 2010 waren 9,6 Prozent der Zeitarbeiter hier beschäftigt.

Baunebengewerbe

Im Baunebengewerbe waren ebenfalls 9,6 Prozent der von den Zeitarbeitsfirmen vermittelten Arbeiter angestellt.

Elektrotechnik

Lediglich 8,3 Prozent vermittelten die zehn größten Zeitarbeitsfirmen an die Elektrotechnik.

Konsumgüterindustrie

In der Konsumgüterindustrie waren 2010 7,2 Prozent der Zeitarbeiter beschäftigt.

IT & Telekommunikation

6,5 Prozent der Zeitarbeiter vermittelten die Personaldienstleister an Kundenfirmen aus der IT/Telekommunikationsbranche.

Luft- und Raumfahrt

Auch die Luft- und Raumfahrt benötigt Zeitarbeiter. Hier waren im vergangenen Jahr 5,9 Prozent der Zeitarbeiter angestellt.

Chemie und Pharma

Immerhin 5,6 Prozent der Zeitarbeiter kamen in der Chemie- und Pharmabranche unter.

BMW will auf Anfrage nicht beziffern, wie viele Leiharbeiter derzeit beschäftigt sind. „Zeitarbeit ist ein wichtiges Instrument, um uns die Flexibilität zu erhalten“, sagt ein Firmensprecher. So sei es mit Hilfe der Zeitarbeit gelungen, „in der Krise die Stammbelegschaft zu schützen und neue Arbeit zu schaffen“. Bezahlt werden die Leiharbeiter nach dem Grundtarif der Elektroindustrie, der allerdings meist die unterste Lohnstufe darstellt. Zusatzentgelte, Bonuszahlungen oder hausinterne Sozialleistungen bekommen die Leiharbeiter in der Regel nicht.

Zeit und Ort für die Attacke beim Thema Leiharbeit sind gut gewählt: Nirgendwo sonst in Deutschland ist die IG Metall in einer so guten Verhandlungsposition wie in Bayern. Die Arbeitslosigkeit ist gering, die bayerischen Autowerke laufen gut. BMW und Audi haben das Jahr 2011 mit Rekordzahlen abgeschlossen und laufen weiter unter Volldampf. Mit Umsatzrenditen jenseits der zehn Prozent verdienen die beiden Premiumhersteller so gut wie noch nie.

Kommentare (18)

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Holla1957

20.02.2012, 11:00 Uhr

Notwendig ist der gleiche Lohn, sonst ändert sich nie etwas. Die Gesellschaft ist gefordert

Insider

20.02.2012, 12:02 Uhr

Gleicher Lohn erfordert oft einen höheren Preis für den Entleihbetrieb!

Schindler

20.02.2012, 12:08 Uhr

Warum gehen die Gewerkschaftler nicht daher und schreiben BMW vor, wieviel ein Leiharbeitnehmer Kosten darf?! Durch eine Preisvorgabe an BMW, die ja durchaus 20% höher liegen könnte, ist der Lieferant - die Zeitarbeitsfirma - nicht gezwungen die Mann mit dem niedrigsten möglichen Lohn einzusetzen, sondern den besten Mann den man dann für das von BMW gezahlte Geld bekommen kann.
BMW wäre dann auch immer gezwungen abzuwegen, ob nicht doch ein eigener Mann eingestellt werden sollte.

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