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28.02.2013

20:32 Uhr

Durchsuchungen

Thyssen-Krupp in neues Stahlkartell verwickelt

Nächster Nackenschlag für Konzernchef Heinrich Hiesinger: Thyssen-Krupp ist in ein neues Stahlkartell verwickelt. Es geht um Lieferungen für die Autoindustrie. Auch bei zwei Konkurrenten gab es Durchsuchungen.

Der Hauptsitz von Thyssen-Krupp in Essen. Das Bundeskartellamt durchsuchte Geschäftsräume des Konzerns in Duisburg. AFP

Der Hauptsitz von Thyssen-Krupp in Essen. Das Bundeskartellamt durchsuchte Geschäftsräume des Konzerns in Duisburg.

Düsseldorf/DuisburgDer von Milliardenverlusten und Kartellverstößen erschütterte Thyssen-Krupp-Konzern ist erneut in das Visier der Wettbewerbshüter geraten. Das Bundeskartellamt habe am Donnerstag die Geschäftsräume von Thyssen-Krupp Steel Europe in Duisburg durchsucht, teilte das Unternehmen mit.

„Laut Durchsuchungsbeschluss geht es um den Vorwurf von wettbewerbsbeschränkenden Absprachen zwischen Marktteilnehmern im Bereich bestimmter Stahllieferungen für die Automobilindustrie in Deutschland.“ Nähere Details wollte der Konzern wegen der laufenden Ermittlungen nicht nennen.

Die Baustellen von Thyssen-Krupp

Schwere Krise

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Stahlwerke in Übersee

Was der Aufstieg zum weltumspannenden Stahlkonzern werden sollte, endete als Investitionsruine. Fehlplanungen ließen die Kosten explodieren. Schließlich belief sich die Gesamtrechnung auf rund zwölf Milliarden Euro für die riesigen Anlagen in Brasilien und im US-Bundesstaat Alabama. Thyssen-Krupp sieht inzwischen keine Chance mehr, die Anlagen unter dem eigenen Dach profitabel zu machen. Geplant auf dem Höhepunkt des Stahlbooms Mitte des vergangenen Jahrzehnts passen die Annahmen heute nicht mehr. Im Mai vergangenen Jahres stellte Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger die Werke zum Verkauf.

Schelte von den Aktionären

Auf der Jahreshauptversammlung Mitte Januar musste sich die Thyssen-Krupp-Führungsriege heftige Schelte von den Aktionären gefallen lassen. Trotz aller Anstrengungen in der Vergangenheit sei es nicht gelungen, Fehlentwicklungen zu verhindern, räumte Aufsichtsratschef Gerhard Cromme ein. „Rechtlich korrekte Entscheidungen bedeuten nicht zwangsläufig auch gute unternehmerische Entscheidungen.“ Konzernchef Hiesinger zeigte sich zuversichtlich, den geplanten Verkauf der Stahlwerke des Konzerns in Brasilien und den USA bis zum Herbst abschließen zu können. Der Verkauf gehe voran. Bei den Stahlwerken handele es sich um die „größte Baustelle“ des Konzerns.

Schulden

Durch den Bau der neuen Stahlwerke sind die Schulden auf mehr als 5 Milliarden Euro gestiegen. Seit Jahren verbrennt der Konzern Geld. Dadurch sind auch Investitionen in Wachstumsfelder schwierig.

Dubiose Geschäfte

In der Vergangenheit war der Konzern in zahlreiche Kartelle verstrickt - nach unerlaubten Absprachen im Edelstahlsektor und bei Rolltreppen machte zuletzt ein Schienenkartell Schlagzeilen. Thyssen-Krupp wurde jeweils zu hohen Strafen verdonnert und muss sich auf Schadensersatzansprüche einstellen. Hinzu kommen Vorwürfe, dass Mitarbeiter mit zweifelhaften Zahlungen Geschäfte im Ausland angestoßen haben sollen. Cromme betonte auf der Hauptversammlung, dass derartige Verstöße vom Aufsichtsrat „mit Nachdruck“ verurteilt würden.

Das Bundeskartellamt berichtete von Durchsuchungen bei drei Unternehmen in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern. Neben Thyssen-Krupp sind Arcelor-Mittal und Voestalpine betroffen. Die Konzerne bestätigten die Durchsuchungen auf Anfrage. In verschiedenen Konstellationen hatten sie in der Vergangenheit schon Mengen und Preise bei einigen Stahlprodukten illegal zu Lasten ihrer Kunden abgesprochen.

Die Unternehmen würden verdächtigt, beim Vertrieb von Bandstahl und Halbzeugen wettbewerbsbeschränkende Absprachen getroffen zu haben, sagte ein Sprecher des Bundeskartellamts. Vier Standorte seien mit 19 Mitarbeitern des Kartellamts und Kräften der Kriminalpolizei überprüft worden.

Kartellverstöße würden in keiner Weise geduldet, erklärte der Thyssen-Krupp. „Bei Thyssen-Krupp gilt das Prinzip 'Null Toleranz'. Sollten die veranlassten Untersuchungen ergeben, dass sich die Vorwürfe erhärten, werden wir hart durchgreifen“, kündigte Vorstandschef Heinrich Hiesinger an. Thyssen-Krupp unterstütze die Behörden bei den Ermittlungen. „Wir arbeiten mit den zuständigen Behörden zusammen“, sagte auch ein Arcelor-Mittal-Sprecher am Donnerstagabend.

Die Kartellvorwürfe bezögen sich auf einen Zeitraum von mehreren Jahren, sagte Hiesinger bei einer Veranstaltung am Donnerstagabend in Düsseldorf. Der Fall sei durch eine anonyme Anzeige ins Rollen gekommen. Weitere Einzelheiten etwa zum finanziellen Umfang seien derzeit noch nicht bekannt. „Das ist alles völlig neu“, sagte Hiesinger.

Kommentare (22)

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Account gelöscht!

28.02.2013, 19:51 Uhr

Damit wäre die Frage geklärt, warum deutsche Autos hier 30% teuerer verkauft werden, als beispielsweise in USA. Den Letzten, ähh Verbraucher, beißen die Hunde...

schtaal_alles_iwie_schtaal

28.02.2013, 20:20 Uhr

Son Schtahlkartell hat was: alles zahln und das Schtahlkartell liefert Scheiße ab: deswegen wars aufgeflogen.
Na Schaiße aba auch.

FritzTh-und-AlfriedKr

28.02.2013, 20:43 Uhr

@ Ric

Sie scheinen in Ihrer Beurteilung auf den Holzweg zu sein.
Bei den "Autoblechen" handelt es sich um Feinbleche die in der Automobilindustrie zu Karosserien verarbeitet werden.
Der Golf hat circa 500kg Blechanteil. Und nun wollen wir mal den Adam Riese bemühen. Bei einem Tonnenpreis von 700 Euro liegt der Anteil bei 350 Euro je Auto. Nun kommt der kartellrechtswidrige "Zuschlag", sagen wir mal 100 Euro pro Tonne, heißt also 50 Euro für einen Golf, den Sie für knapp 20000 Euros beim Händler abholen können. Adam Riese rechnet also 50 Euro von 20000 Euro = 0,25 Prozent. Die von Ihnen genannten 30 Prozent (in einzelnen Regionen festzustellen) werden durch die höheren Inlandsverkaufspreise von deutschen Käufern subventioniert; bzw. sind unterschiedliche Verkaufspreise auf die verschiedenen Produktionsstandorte zurückzuführen.
Ich spreche nicht für Kartelle, das muß konsequent verfolgt werden; aber die Stahlpreise sind sicher nicht der Grund für die Auto-Preise.
Übrigens, der AR-Vorsitzende von ThyssenKrupp, Herr Cromme ist bzw. war der Vorsitzende der Kommission, die die Regeln eben gegen solche Absprachen aufgestellt hat. Offenbar gilt das nicht für seinen Konzern, oder nehmen ihn die Mitarbeiter nicht ernst? Das Schienenkartell, das Aufzugskartell usw. usw. lassen grüßen.

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