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10.11.2011

10:45 Uhr

EADS

Der deutsche Einstieg ist heikel

VonMarkus Fasse

Deutschland wird zum Anteilseigner eines Rüstungskonzerns. Das ist bitter. Aber Berlin kann das europäische Gemeinschaftsunternehmen EADS mit tausenden Beschäftigten in Deutschland nicht dem freien Markt überlassen.

Handelsblatt-Redakteur Markus Fasse. Pablo Castagnola

Handelsblatt-Redakteur Markus Fasse.

Das ist ein bitterer Tag für die deutsche Ordnungspolitik: Die Bundesregierung steigt Mitte 2012 mit 7,5 Prozent beim Airbus-Mutterkonzern EADS ein. Berlin übernimmt damit ein Aktienpaket des Autoherstellers Daimler, der zehn Jahre nach Gründung des Luft- und Raumfahrtkonzerns seinen Anteil weiter reduziert. Monatelang hat die Politik erfolglos nach einem Käufer der EADS-Anteile in der deutschen Industrie gesucht; jetzt greift Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) zähneknirschend zu. 1,3 Milliarden Euro wird der Staatseinstieg die Kreditanstalt für Wiederaufbau kosten.

Der Schritt war abzusehen. Daimler ist es leid, bei EADS die Rolle des nationalen Statthalters zu spielen: Im Konzert der Anteilseigner sahen sich die Automanager stets dem französischen und dem spanischen Staat gegenüber. Paris und Madrid hatten bei Gründung der EADS im Jahr 2000 zugesagt, eines Tages auszusteigen. Doch diese Zusage wurde nie eingelöst. Und so spielten die Stuttgarter zehn Jahre die Rolle des Gralshüters deutscher Interessen, feilschten um Produktionsanteile bei Airbus und Rüstungsgeschäfte bei Cassidian. Effektiv war das nicht. Wiederholt schrieb EADS in den letzten fünf Jahren rote Zahlen, trotz eines gigantischen Auftragsbestandes. Es muss niemanden wundern, dass sich in Deutschland kein privater Investor für den Daimler-Anteil findet.

EADS-Aktionärsstruktur mit politischer Brisanz

European Aeronautic Defence and Space Company

EADS mit seiner Flugzeugbau-Tochter Airbus ist Europas dominierender Luft- und Raumfahrtkonzern. Die börsennotierte Aktiengesellschaft European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) umfasst die wichtigsten Flugtechnikanbieter Deutschlands, Frankreichs und Spaniens. Der Konzern entstand im Juli 2000 nach langem Tauziehen um Standorte und Produktionsanteile.

Die französische Seite

Nach einem 2007 vereinbarten Aktionärspakt darf der französische Staat nur 15 Prozent der EADS-Anteile besitzen. Zusammen mit dem Medienkonzern Lagardère kommt er auf 22,45 Prozent der EADS-Aktien, wobei die Anteile in der Gesellschaft Sogeade gebündelt sind. Der Chef der Mediengruppe, Arnaud Lagardère, will seine 7,5 Prozent der Anteile mittelfristig verkaufen, erhebt aber seinen Anspruch auf den Mitte 2012 freiwerdenden Chefposten im Verwaltungsrat des Konzerns.

Die deutsche Seite

Mit 22,45 Prozent ist auch die deutsche Seite an EADS beteiligt. Bisher hielt DaimlerChrysler 15 Prozent und ein Konsortium von Bundesländern, privaten und öffentlichen Banken 7,5 Prozent. Allerdings behielt DaimlerChrysler nach dem ausgehandelten Kompromiss 22,5 Prozent der Stimmrechte und blieb so größter stimmberechtigter EADS-Einzelaktionär. 7,5 Prozent der EADS-Anteile soll nun die Staatsbank KfW übernehmen, so dass sich der Daimler-Anteil auf 7,5 Prozent reduziert.

Die spanische Seite

Weitere 4 Prozent an EADS hält die spanische Staatsholding SEPI, der Rest der Anteile in Höhe von 49,6 Prozent liegt im Streubesitz.

Der Aktionärspakt

Die deutschen, französischen und spanischen Haupteigentümer hatten sich bei der Gründung der EADS auf einen Pakt („Contractual Partnership“) verständigt, um das Unternehmen gegen feindliche Übernahmeversuche zu sichern und um das Heft bei dem Luftfahrt- und Rüstungskonzern in der Hand zu behalten.

Die Machtzentren

Die EADS hat ihren offiziellen Sitz in Amsterdam, in Paris und München sind die beiden Hauptzentren des Konzerns. Der Hauptsitz und die Zentrale der EADS-Tochtergesellschaft Airbus sind im französischen Toulouse angesiedelt. Hamburg wiederum ist der Sitz der deutschen Airbus-Tochtergesellschaft, die für die deutschen Werke zuständig ist.

Doch Berlin kann das einzige wirkliche europäische Gemeinschaftsunternehmen mit mehreren Zehntausend Beschäftigten in Deutschland nicht dem freien Markt überlassen. Denn den gibt es in dieser Branche nicht. Wahrscheinlich würden die Anteile bei einem russischen oder arabischen Staatsfonds landen, eher aber noch bei einer französischen Staatsbank. Die weltweite Luft- und Raumfahrtindustrie ist ein subventionierter Markt, in dem Staatsinteressen weit mehr zählen als wirtschaftliche Vernunft. Man kann sich dem verschließen, dann ist man aber raus aus der Industrie. Diese Erkenntnis hat sich in Berlin zu Recht durchgesetzt. Es ist eine pragmatische Entscheidung, keine Herzensangelegenheit.

Der Bundesregierung stehen bei EADS heikle Jahre bevor. Daimler wird Berlin über kurz oder lang auch die restlichen Aktien der Airbus-Mutter andienen.

EADS ist mit ihrer Tochter Airbus Weltmarktführer für Zivilflugzeuge und wird vom Konkurrenten Boeing seit Jahren verdächtigt, wettbewerbsverzerrende Subventionen zu erhalten.

Jetzt erhalten die Protektionisten in Washington neue Munition. Auch das Rüstungsgeschäft der EADS wird Berlin noch viel Kopfschmerzen bereiten. Mit dem Eurofighter, dem Kampfhubschrauber Tiger und dem Transportflugzeug A400M ist die Airbus-Mutter mit Abstand der größte Lieferant der Bundeswehr – und damit der größte Verlierer der anstehenden Sparrunde. Der Kunde Staat wird dem künftigen Aktionär Staat in den kommenden Monaten kräftig wehtun müssen.

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