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24.09.2012

14:00 Uhr

EADS und BAE

Durch die Hintertür ins Pentagon

VonNils Rüdel, Markus Fasse, Holger Alich

Mit der geplanten Fusion mit BAE greift EADS seinen Erzkonkurrenten Boeing zu Hause an. Doch der US-Konzern gibt sich angesichts des entstehenden Rüstungsgiganten gelassen. Und dann ist ja auch noch Wahlkampf.

EADS-Chef Tom Enders möchte den Einfluss des Rüstungskonzerns in den USA stärken. dpa

EADS-Chef Tom Enders möchte den Einfluss des Rüstungskonzerns in den USA stärken.

New York/Paris/MünchenZumindest nach außen hat Jim McNerney noch gute Laune. Sollten sich die europäischen Luftfahrt- und Rüstungskonzerne EADS und BAE Systems tatsächlich zusammenschließen, „würden sie ein bisschen mehr wie wir aussehen“, sagte der Chef des EADS-Erzkonkurrenten Boeing in Washington. Auch die nackten Zahlen scheinen den Manager nicht zu schrecken. Die Europäer würden durch die Fusion zum Rüstungsgiganten heranwachsen, mit einem Umsatz von knapp 100 Milliarden Dollar – und den bisherigen Platzhirschen aus Chicago mit rund 70 Milliarden Dollar auf den zweiten Rang verweisen. „Ich glaube nicht, dass uns das fundamental bedroht“, sagte McNerney. „Ich habe einen ziemlich tiefen und beständigen Glauben in die Stärke unseres Unternehmen“.

Seit Dienstagabend ist die Branche elektrisiert: Der Plan für einen neuen Rüstungsgiganten, verschmolzen aus dem deutsch-französischen EADS-Konzern und BAE Systems. Die Briten sollen helfen, jene strategischen Schwachstellen der EADS zu beseitigen, die das Management um Thomas Enders schon lange identifiziert hat.

Gegen wen EADS und BAE antreten

Umkämpfter Markt

Die Politik spielt immer eine große Rolle bei Rüstungsfirmen, schließlich ist sie nicht zuletzt der wichtigste Kunde. Das spiegelt sich auch in der Konkurrenzsituation der Konzerne wieder. Ein Überblick.

Boeing

Der Erzrivale von EADS und dessen Tochterfirma Airbus, momentan vor allem bei Verkehrsflugzeugen mit über 100 Sitzplätzen. Die beiden Konzerne sind führend auf dem Weltmarkt. Verkaufsschlager sind die Mittelstreckenflieger der Baureihen A320 und B737. Airbus hatte in den vergangenen Jahren die Nase vorn, doch Boeing konnte den Konkurrenten im ersten Halbjahr bei den Auslieferungen überholen.

Boeing

Boeing liefert gleichzeitig so etwas wie die Blaupause für die geplante Fusion der Europäer. Der Konzern hatte 1997 den heimischen Wettbewerber McDonnell-Douglas übernommen und damit sein militärisches Standbein ausgebaut. Im ersten Halbjahr steuerte das Rüstungs- und Sicherheitsgeschäft zusammen mit der Raumfahrt knapp die Hälfte zum Gesamtumsatz bei. Zu den Produkten gehören Kampfhubschrauber (AH-64 Apache), Kampfjets (F/A-18), Transportflugzeuge (C-17 Globemaster III) sowie unbemannte Drohen und Aufklärungsmaschinen (E-3 Awacs).

Boeing

Vor allem nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erwies sich die Rüstungssparte als wertvoll. Boeing profitierte von den steigenden Militärausgaben der USA und konnte damit die Bestelleinbrüche bei den Passagiermaschinen abfedern. Momentan sind Verkehrsjets die Renner, während das Rüstungs-Standbein mit Einschnitten in den Militärbudgets vieler Staaten klarkommen muss.

Lockheed Martin

Amerikas größter Rüstungskonzern. Das Unternehmen stellt die Kampfjets F-16, F-22 und F-35 her sowie die Transportflieger C-130J Super Hercules und die riesige C-5 Galaxy. Daneben baut Lockheed-Martin unter anderem gepanzerte Fahrzeuge, Raketen, Hubschrauber und Radaranlagen. Weitere Standbeine sind die Raumfahrt- sowie Informationstechnik.

Northrop Grumman

Hersteller von unbemannten Drohnen wie dem Global Hawk, von Radaranlagen, Steuersystemen oder Raketen. Bekanntestes Produkt ist der futuristisch aussehende Tarnkappenbomber B-2.

General Dynamics

Der Konzern baut unter anderem Kriegsschiffe und U-Boote, stellt Artilleriesystem und Munition her und steckt hinter dem US-Kampfpanzer Abrams. Ziviles Standbein sind die Gulfstream-Geschäftsflugzeuge.

Denn die Airbus-Mutter hängt viel zu stark an den schrumpfenden europäischen Rüstungsbudgets. Sie braucht eine bessere Absicherung gegen den Dollar und vor allem eine Perspektive für den Bau von Drohnen, der unbemannten Version von Kampfflugzeugen.

Da soll nun der Weg in die USA über den Umweg BAE helfen. BAE könnte den Europäern Türen im Pentagon öffnen, die bisher verschlossen sind. Von dicken US-Rüstungsaufträgen träumt die EADS seit ihrer Gründung. Denn mit den Milliarden der US-Militärs könnte das Risiko des zivilen Flugzeugbaus von Airbus besser ausbalanciert werden.

Was EADS und BAE alles herstellen

EADS - Airbus

Der weltgrößte Hersteller von Passagierflugzeugen bietet eine breite Palette an: vom 100 Sitze zählenden A318 bis hin zum Superjumbo A380, in dem 500 Menschen Platz finden. Insgesamt gibt es 14 Modelle. Mehr als 6000 Airbus-Flugzeuge sind weltweit unterwegs. Airbus stellt aber auch Militärflugzeuge her, darunter den Transporter A400M. Airbus kam 2011 auf einen Umsatz von 33,1 Milliarden Euro, davon 2,5 Milliarden Euro aus dem Rüstungsgeschäft.

Astrium

Dahinter verbirgt sich das europäische Raumfahrtgeschäft von EADS. Hergestellt werden beispielsweise Satellitensysteme. Bekanntestes Produkt sind die Ariane-Raketen, mit denen Satelliten ins Weltall transportiert werden. Astrium kam 2011 auf einen Umsatz von fünf Milliarden Euro.

Cassidian

Diese Sparte produziert beispielsweise Drohnen. Über Cassidian ist EADS auch am Eurofighter-Konsortium beteiligt und Anteilseigner beim Raketensystemanbieter MBDA. Dieser Geschäftsbereich machte 2011 rund 5,8 Milliarden Euro Umsatz.

Eurocopter

Der Hersteller von Zivil- und Militärhubschraubern kommt auf einen weltweiten Marktanteil von rund 30 Prozent. Zu den bekanntesten Produkten gehören der militärisch genutzt Tiger und der zivile EC225 Super Puma. Diese Sparte erlöste 2011 rund 5,4 Milliarden Euro.

BAE - Electronic Systems

Dieser Unternehmensteil ist auf Elektronik zur Flug- und Motorsteuerung spezialisiert, stellt aber auch Kriegsgeräte und Nachtsichtsysteme her. Er kam 2011 auf einen Umsatz von 5,4 Milliarden Pfund.

Cyber and Intelligence

Ein Teil dieses Geschäftsbereiches von BAE ist in den USA angesiedelt. Geliefert werden beispielsweise Nachrichten und Informationen in Echtzeit an Regierungen und Truppen. Auch Sicherheits-Soft- und Hardware bietet das Unternehmen an. Der Umsatz betrug 2011 etwa 1,4 Milliarden Pfund.

U.S. Platforms & Services

Kriegsgeräte, aber auch Schiffsreparaturen werden unter diesem Namen angeboten. Aktiv ist diese BAE-Sparte in den USA, Großbritannien, Schweden und Südafrika. Einnahmen 2011: 5,3 Milliarden Pfund.

International Platforms & Services

Diese Sparte ist in Saudi-Arabien, Indien, Australien und dem Oman vertreten. Sie hält auch einen Anteil von 35 Prozent am Raketen-Hersteller MDBA.

Doch die Airbus-Mutter EADS hat in den USA bislang stets ihre Grenzen aufgezeigt bekommen. Im Februar 2011 entzog das Pentagon der Tochter Airbus Military den sicher geglaubten Auftrag zum Bau von Tankflugzeugen und bevorzugte Erzrivalen Boeing.

Solche Probleme hat BAE nicht. Die Briten sind seit Jahren fest in der US-Rüstungsbranche integriert. So kaufte BAE-Chef Ian King ein halbes Dutzend Töchter von Boeing und Lockheed Martin – und ist damit ein kaum verzichtbarer Lieferant von elektronischen Komponenten. Zudem sind die Briten maßgeblich an der Entwicklung des „Joint Strike Fighters“ beteiligt, des kommenden Standardjägers der US Air Force und US Navy.

Kommentare (1)

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Ben

14.09.2012, 09:47 Uhr

Die USA haben in den nächsten Jahre kein Geld für neue Rüstungsprogramme, das ganze Geld fressen die zu teuren Altprogramme (F-35, GlobalHawk, V-22 etc.) auf. Da wird EADS/BAE keinen Blumentopf gewinnen. EADS/BAE wird weiterhin von den Europäischen und da insbesondere von den Deutschen Steuergeldern am Leben gehalten. Nur die Mitsprachrechte der Länder sollen sinken. Damit Enders & Co. noch ungestörter Partys feiern können.

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