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24.09.2012

20:48 Uhr

EADS und BAE

Mega-Fusion unter Beschuss

VonLukas Bay, Thomas Hanke

Der Widerstand gegen die Fusion der europäischen Rüstungskonzerne EADS und BAE wächst. Auch Großaktionär Daimler wird langsam nervös. EADS-Chef Tom Enders will seine Pläne im Bundestag erläutern.

In Turbulenzen: Die Fusion von EADS und BAE muss mit Gegenwind rechnen.

In Turbulenzen: Die Fusion von EADS und BAE muss mit Gegenwind rechnen.

DüsseldorfDie Fusion des deutsch-französischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS mit der britischen BAE steht auf der Kippe, denn die Vorbehalte der Politik und Großaktionäre wachsen. Es ist ein Kampf um die Machtbalance und den Einfluss beim neuen Rüstungsriesen, die das Projekt insgesamt gefährden. Öffentlich demonstrierten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident François Hollande bei einem gemeinsamen Mittagessen am Samstag zwar noch Einigkeit, doch die Vorbehalte auf beiden Seiten sind groß. Während die Franzosen ihren Einfluss nicht aufgeben wollen, fürchtet Deutschland um die Machtbalance im neuen Konzern.

Derzeit halten Frankreich und die französische Bankengruppe Lagardère zusammen 22,5 Prozent an EADS. Der deutsche Daimler-Konzern und eine deutsch-dominierte Bankengruppe namens Dedalus kommen gemeinsam ebenfalls auf 22,5 Prozent. Doch diese Machtbalance ist in Gefahr. Der Daimler-Konzern möchte seinen direkten Anteil in Höhe von 15 Prozent halbieren und an den Bund beziehungsweise an die Staatsbank KfW veräußern. Frankreich möchte an seinen Anteilen von 15 Prozent festhalten. Damit kämen Deutschland und Frankreich auf einen Anteil am neuen Gesamtkonzern von über zehn Prozent. Ein Umstand, der insbesondere in Großbritannien äußerst kritisch gesehen wird. Die britische Regierung will die Staatsanteile der Nachbarländer möglichst gering halten.

Doch Pläne von EADS-Chef Tom Enders, die Staatsanteile in eine „Goldene Aktie“ umzuwandeln, lehnen die Franzosen ab. Die Zeit drängt: Damit die Fusion ordnungsgemäß über die Bühne gehen kann, muss die britische Börsenaufsicht bis zum 10. Oktober informiert werden. Am Mittwoch will Enders nach Informationen der Zeitung "Die Welt" im Bundestag für die Fusion werben. Enders werde in den Wirtschaftsausschuss des Parlaments kommen, berichtet die Zeitung. Er solle den Abgeordneten eine Stunde lang für Fragen zu dem geplanten Zusammenschluss zur Verfügung stehen.

Der politische Streit um Standorte, Arbeitsplätze, aber auch Mitspracherechte hat erst begonnen. Nicht nur in Europa, auch in den USA sind die Bedenken gegen den neuen Rüstungsriesen groß. Die USA fürchten, dass der Einfluss der Europäer auf sensible Rüstungsdeals zu groß werden könnte.

Das "Wall Street Journal" berichtet, dass die Fusion die guten Beziehungen von BAE zum Pentagon gefährden könnte. BAE unterhält in den USA Verbindungen zu zahlreichen wichtigen Firmen wie Boeing oder Lockheed Martin. Dies ist möglich, weil das US-Verteidigungsministerium BAE eine Sondergenehmigung - eine sogenannte SSA - erteilt und damit Zugang zu brisanten Informationen ermöglicht hat. EADS operiert in den USA dagegen mit deutlich strengeren Vorgaben des Pentagons.

Wer die Welt mit Waffen ausrüstet

Das Ranking

Einmal jährlich erstellt das Magazin „Defense News“ ein Ranking der größten Rüstungskonzerne der Welt. Die Liste ist dominiert durch US-Konzerne, allerdings werden chinesische Rüstungsriesen wie China South Industries, China State Shipbuilding und China Aerospace Science wegen unsicherer Datenlage nicht im Ranking aufgeführt. Handelsblatt Online zeigt, welche zehn Unternehmen 2011 zu den größten Waffenproduzenten der Welt gehörten.

Platz 10

United Technologies (USA) - 11,0 Milliarden Dollar Umsatz in der Militärsparte

Der US-Mischkonzern gehört zu den größten Unternehmen der Welt und mischt auch im Rüstungsgeschäft kräftig mit. Zum Portfolio der US-Amerikaner gehören Hubschrauber für die zivile und militärische Luftfahrt, Raketenantriebe, aber auch Klimaanlagen. Die Militärsparte macht knapp 20 Prozent des Umsatzes aus.

Platz 9

L-3 Communications (USA) - 12,52 Milliarden Dollar

Die US-Firma aus New York erlangte zuletzt als einer der Marktführer für Körperscanner einige Bekanntheit. Vor allem aber stellt L-3 Kommunikationslösungen sowie Navigationssysteme und -geräte für militärische Zwecke her. Das macht den Konzern laut „News Defense“ zum weltweit neuntgrößten Hersteller von Kriegsgerät - mit einem Umsatz in diesem Sektor von 12,52 Mrd. Dollar im Jahr 2011. Kriegsgerät macht fast 83 Prozent am Gesamtumsatz aus.

Platz 8

Finmeccanica (Italien) - 14,58 Milliarden Dollar

Auch der italienische Finmeccanica-Konzern gehört zu fast einem Drittel dem Staat. Im zivilen Bereich baut das Unternehmen unter anderem U-Bahnen, Lokomotiven und Verkehrsleitsysteme. Im militärischen Bereich gehören Hubschrauber, Lenkwaffen und Panzer zum Portfolio. Im Jahr 2011 setzte Finmeccanica 14,58 Mrd. Dollar mit Kriegsgerät um (knapp 61 Prozent Gesamtanteil).

Platz 7

EADS (Westeuropa) - 16,10 Milliarden Dollar

Auf Platz sieben der Top 10 landet der von Deutschland und Frankreich kontrollierte Luft- und Raumfahrtkonzern EADS. Er bietet neben zivilen Verkehrsflugzeugen (Airbus-Reihe) sowie Trägerraketen (Ariane) und Satelliten Militärflugzeuge (zum Beispiel Eurofighter, im Bild) und Sicherheitslösungen an. Mit militärischen Produkten erwirtschaftete EADS 2011 laut „Defence News“ knapp 16,10 Mrd. Dollar. Das entspricht knapp 24 Prozent Anteil am Gesamtumsatz.

Platz 6

Northrop Grumman (USA) - 21,4 Milliarden Dollar

Schlagzeilen machte Northrop Grumman als US-Partner von EADS bei der Bewerbung um einen Milliardenauftrag zum Bau von Tankflugzeugen für das US-Militär. Der Konzern mit seinen mehr als 75.000 Mitarbeitern erzielte in seinem militärischen Segment 2011 einen Umsatz von 21,4 Mrd. Dollar und ist damit der sechstgrößte Rüstungskonzern der Welt. Rüstung macht an seinem Umsatz 81 Prozent aus. Zu den bekanntesten Produkten zählt der Tarnkappenbomber B-2 (im Bild) oder die Atom-U-Boote.

Platz 5

Raytheon (USA) - 23,06 Milliarden Dollar

Der US-Konzern Raytheon stellt hauptsächlich Raketen und optische Militärsysteme her: Den Marschflugkörper „Tomahawk“ etwa, die Luft-Luft-Rakete „Sidewinder“ oder das Flugabwehrsystem „Patriot“. Das Unternehmen mit seinen mehr als 71.000 Mitarbeitern hat 2011 mit militärischen Gütern einen Umsatz von 23,06 Mrd. Dollar (93 Prozent Anteil am Umsatz) erzielt.

Platz 4

General Dynamics (USA) - 25,51 Milliarden Dollar

Der US-Konzern, der unter anderem schwere Militärfahrzeuge herstellt, setzte 2011 mit militärischen Gütern 25,51 Mrd. Dollar um und landet damit auf dem 4. Rang. Zu den Produkten gehören unter anderem Kriegsschiffe und U-Boote, Kampfflugzeuge sowie Lenkflugkörper und IT-Lösungen. 78 Prozent des Gesamtumsatzes machen die Kriegsgüter aus.

Platz 3

BAE Systems (Großbritannien) - 29,13 Milliarden Dollar

Platz drei nehmen die Briten ein: BAE Systems erzielte mit seinen 88.000 Mitarbeitern 2011 einen Umsatz im Rüstungsgeschäft von 29,13 Mrd. Dollar. Der größte Rüstungskonzern Europas (der in seinem zivilen Segment vor allem in der Luft- und Raumfahrt aktiv ist) stellt eine bunte Palette militärischen Geräts her: Von Kriegsschiffen über Raketensystemen bis zu Kampfflugzeugen. Hierbei kooperiert BAE zum Teil mit anderen Rüstungskonzernen, wie etwa mit Lockheed Martin bei der F-22 oder mit EADS beim Eurofighter. BAE hängt mit knapp 95 Prozent Kriegsanteil am Gesamtumsatz fast vollständig von Rüstungsaufträgen ab.

Platz 2

Boeing (USA) - 30,7 Milliarden Dollar

Der drittgrößte Rüstungskonzern ist Boeing - mit einem Umsatz laut „Defense News“ von 30,7 Mrd. Dollar im Rüstungsgeschäft, was knapp knapp 45 Prozent der Gesamtumsätze entspricht. Im zivilen Bereich konkurriert der 170.000 Mitarbeiter starke US-Konzern seit Jahren mit EADS/Airbus um die Vorherrschaft. Im Rüstungsgeschäft hat Boeing eine breite Palette an Flugzeugen und Lenkwaffen im Angebot: von der Transportmaschine C-17 über den Bomber B-52 Flying Fortress bis zum Tankflugzeug KC-767.

Platz 1

Lockheed Martin (USA) - 43,98 Milliarden Dollar

An der Spitze der Rüstungskonzerne steht Lockheed Martin. Der US-Konzern erwirtschaftete 2011 aus seiner Rüstungssparte 43,98 Mrd. Dollar. Knapp 95 Prozent der Umsätze erwirtschaftet das Unternehmen mit Kriegsgerät: Lockheed Martin stellt einerseits Kampfflugzeuge und -bomber her, darunter die F-16 und die neue, milliardenteure F-22A Raptor. Daneben produziert der Konzern Aufklärungsmaschinen wie die auch von der Bundeswehr genutzte P-3 sowie Luftschiffe. Rein deutsche Hersteller sind im Ranking der größten Rüstungskonzerne nicht in der Top-10.

BAE ist in den USA unter anderem am 1,5-Billionen-Dollar Rüstungsprogramm F-35 Joint Strike Fighter beteiligt. In den USA kommt der Konzern auf einen Umsatz von 14 Milliarden Dollar und beschäftigt rund 40.000 Mitarbeiter. Das US-Geschäft von EADS ist mit einem Umsatz von 1,4 Milliarden Dollar und 3.000 Mitarbeitern nur ein Zehntel so hoch.

Die Briten wollen ihre lukrativen Verbindungen in den USA nicht für eine Fusion opfern. Um strengere Auflagen für einen gemeinsamen Konzern zu vermeiden, sollen BAE und EADS dem US-Verteidigungsministerium die Gründung eines zweckgebundenen Rüstungsunternehmen in den USA vorgeschlagen haben, hatte die „Sunday Times“ ohne Angaben von Quellen berichtet. Geführt werden soll die Firma von US-Managern. Einige Analysten rechnen außerdem damit, dass BAE Systems einen Teil seines Geschäfts in den USA veräußern muss, um die Zustimmung der US-Behörden zu bekommen.

Kommentare (3)

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24.09.2012, 14:13 Uhr

Stoppt diese Schnapsidee!
Da Frankreich die Sitze fast aller Töchter (Airbus, Astrium, Eurocopter) hat, sollte das Panzergeschäft Deutschlands und Frankreichs in Cassidian aufgehen und von München (von KMW) zentral gesteuert werden. Auch die maritimen Tätigkeiten DE&FR könnte man elegant unter Cassidian zusammenbringen, um somit auf die von Enders gewollte, kritische Größe zu kommen.
Der Zusammenschluss mit BEA ist eine Schnapsidee und bringt nur Risiken in die Gruppe rein.

Account gelöscht!

24.09.2012, 17:33 Uhr

Der Titel Mega-Fusion unter Beschuß müsste heißen Mega-Fusion und der Beschiß!

Oh Michel schon wieder lässt Du Dich über den Tisch ziehen von der EX-FDJ-Sekretärin Merkel, dem französischen Hollander, den Angelsachsen und denjenigen die die Angelsachsen schon seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden zionisierten.

Hans

24.09.2012, 21:32 Uhr

Das mit der Fusion gibt noch ein langes Gewürge. Der Daimler Mann Enders dürfte Daimler damit viel Geld gekostet haben. Bis Ende des Jahres wird Daimler die EADS Aktien nicht mehr los. Ob der EADS Aktienkurs nächstes Jahr auch noch so hoch stehen, weiß keiner. Eher früher als später wird die Schuldenkrise und Konjunkturabkühlung sich auch in den Zahlen von EADS bemerkbar machen.

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