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02.04.2006

19:16 Uhr

EDF-Chef Gadonneix im Interview

„Die Kernkraft akzeptieren“

VonHolger Alich , Die Fragen stellten Joachim Dorfs

Im Handelsblatt-Interview spricht der Chef des französischen Energieversorgers EDF, Pierre Gadonneix, über die Energie der Zukunft und die Märkte der Gegenwart. Dabei bezieht er eindeutig Stellung pro Kernkraft. Auch zum deutschen Energiemarkt hat er seine eigene Meinung.

EDF-Chef Pierre Gadonneix. Foto: AP

EDF-Chef Pierre Gadonneix. Foto: AP

Handelsblatt: Monsieur Gadonneix, am Montag treffen sich Bundeskanzlerin Merkel und die Spitzen der deutschen Energiewirtschaft. Dabei werden sie das Thema Kernkraft nur am Rande streifen. Was halten Sie davon?

Gadonneix: Dazu fällt mir eine Anekdote ein. Studienanfänger müssen in Frankreich eine Reihe von Späßen über sich ergehen lassen. Ich musste damals eine 50-seitige Abhandlung über Billiardkugeln verfassen. Dabei durfte ich aber weder ihre Form noch die Farbe erwähnen. In Deutschland will man offenbar nun über Energie, nicht aber über ihre Form sprechen.

Sie halten also nichts von solchen Energie-Gipfeln?

Es ist vollkommen normal, dass sich die Politik stärker mit Energiefragen befasst: Wir durchleben eine echte Ölkrise. Der Ölpreis hat sich verdreifacht, auch wenn die ökonomischen Folgen auf den ersten Blick weniger dramatisch sind als in den 70-er Jahren. Dennoch müssen heute alle Staaten Entscheidungen über die Versorgung ihrer Wirtschaft mit Energie treffen. Sicher ist: Die Zeit der billigen Energie ist ein für alle mal vorbei.

Welche Rolle wird die Kernkraft spielen?

Wir können zwei Sektoren nicht ignorieren, die langfristige Perspektiven bieten: Kohle und Kernkraft. Denn es gibt noch Kohlereserven, die zwei bis drei Jahrhunderte ausreichen werden. Bei der Kernkraft dürften wir dank der kommenden vierten Reaktor-Generation, die alle Uran-Arten verarbeiten kann, noch über Reserven von Jahrtausenden verfügen.

In Deutschland scheint die Kernkraft aber keine Zukunft zu haben.

Das ist genau der Punkt. Die Entwicklung der Kernenergie setzt zwei Dinge voraus: Zum einen müssen wir Betreiber beweisen, dass Kernenergie rentabel und sicher erzeugt werden kann. Mit 58 Atomkraftwerken, die EDF seit rund dreißig Jahren ohne Zwischenfälle betreibt, sehe ich diesen Beweis als erbracht an. Schwieriger ist die zweite Bedingung: Die Bevölkerung muss die Atomkraft akzeptieren. Diese Akzeptanz zu schaffen, ist heute die große Herausforderung der Politik: Sie muss die Bürger vom Nutzen der Kernenergie überzeugen. Und das weltweit.

Wie profitiert die französische Wirtschaft von der Atomkraft?

Der Marktpreis für Energie ist in Frankreich der gleiche wie in Deutschland, denn der europäische Energiemarkt ist eine Realität und die Strompreise hängen an der Referenzpreisen für die Hauptenergieträger Öl- und Gas. Noch sind aber 30 Prozent des französischen Marktes – der für Privatkunden – nicht geöffnet. Der Staat legt hier den Tarif fest. Dieser Preis liegt derzeit deutlich unter dem Marktpreis. EDF hat sich zudem im Vertrag über die öffentliche Grundversorgung verpflichtet, seine Strompreise für Privatkunden in fünf Jahren nicht stärker als die Inflation anzuheben. Danach könnte es schrittweise eine Anpassung der Tarife in Richtung Marktpreise geben. Sollten Öl und Gas so teuer bleiben, bin ich daher sicher, dass auch andere Länder außer Frankreich und Finnland wieder neue Reaktoren bauen werden, da Kernkraft wettbewerbsfähig ist.

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