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06.11.2014

07:05 Uhr

Elektroauto-Spezialist

Tesla ist eine Glaubensfrage

VonAxel Postinett

Diese Firma entzieht sich jeder vernünftigen Bewertung: Elektroauto-Spezialist Tesla verschiebt den Start des Model X und kappt die Prognose – und die Aktie legt zu. Denn Mitgründer Elon Musk malt eine rosige Zukunft.

Die Zukunft des Autos? Tesla geht mit seinen Elektroautos eine große Wette ein. PR

Die Zukunft des Autos? Tesla geht mit seinen Elektroautos eine große Wette ein.

San FranciscoDas passiert selten. Die Wachstumsraten gehen zurück, die Vorhersagen für die verkauften Fahrzeuge im Gesamtjahr werden gekürzt, die Nettoverluste sind höher als in jedem Quartal zuvor, das neue Auto-Modell kommt später als angekündigt, Daimler und Toyota verkaufen fast alle Tesla-Anteile – und der Aktienkurs steigt. Fast sieben Prozent ging es nachbörslich aufwärts.

Die Vorlage der Quartalszahlen des Elektroauto-Spezialisten zeigt einmal mehr: Der Autobauer aus Kalifornien entzieht sich jeder vernünftigen Bewertung. Ein Investment hier ist eine Glaubensfrage, keine rationale Entscheidung. Und wenn man dem charismatischen Mitgründer Elon Musk folgt, dann ist die Zukunft rosig.

Die Ergebnisse des abgelaufenen dritten Quartals lagen im Rahmen der Erwartungen oder leicht darüber. Dagegen stand eine Herabsetzung des Verkaufsziels für das Gesamtjahr um 2.000 Einheiten des Modells S auf 33.000 Stück. Im dritten Quartal wurden 7.785 Teslas ausgeliefert, kaum mehr als im zweiten Quartal mit 7.579. Das wiederum, so Tesla-Chef Musk, sei nur ein temporäres Problem. Die Fabrik in Kalifornien musste umgebaut werden, um künftig mehr produzieren zu können.

Für das kommende Jahr „und darüber hinaus ein paar Jahre“ verkündete er Wachstumsziele von 50 Prozent pro Jahr, was „außergewöhnlich“ sei in dieser Industrie. Für 2015 bestätigte er im Analystengespräch ein Ziel von 50.000 verkauften Model S, der Limousine von 70.000 bis 100.000 Dollar. Die Aktie, die im Börsenhandel noch 3,3 Prozent gefallen war zog nachbörslich um fast sieben Prozent auf 246 Dollar an.

Zumindest in einem Punkt ist der junge Konzern aus Fremont schon in der Normalität angekommen, in der seine großen Konkurrenten aus Detroit schon lange sind. Verfehlte Produktionszahlen und nicht eingehaltene Zeitpläne für Neuvorstellungen kennt man seit langem von den „großen Drei“ Ford, Chrysler und General Motors. So wird nun bei Tesla der Start des neuen SUV, das Model X, erneut verschoben, diesmal auf das dritte Quartal 2015.

Die Tesla-Chronik von 2003 bis 2013

2003, der Beginn

Zwei Teams um den US-Ingenieur Martin Eberhard und den Milliardär Elon Musk entwerfen die Vision eines Elektrofahrzeugs, das mit Akkus angetrieben wird. Auf der Basis des Prototyps T-Zero. Neben Musk stecken auch die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page und der eBay-Gründer Jeff Skoll Geld in das Projekt.

2006, Premiere des Roadster

Drei Jahre arbeitet Tesla am ersten Modell, im Juli 2006 stellt das Unternehmen den Roadster vor. Der zweisitzige Sportwagen auf der Basis des britischen Leichtgewicht-Roadster Lotus Elise verfügt über einen 215 kW (292 PS) starken Elektromotor, der seine Energie aus 6.831 Lithium-Ionen-Notebook-Akkus bezieht.  

2007, Eberhard geht

Im August 2007 tritt der damalige CEO Martin Eberhard zurück, im Dezember 2007 verlässt er das Unternehmen komplett. Am Ende landet der Streit der Gründer fast vor Gericht – bis eine außergerichtliche Einigung erzielt werden kann.

Mai 2009, Einstieg der Konzerne

Musks finanzielle Mittel alleine reichen zum Wachstum nicht mehr aus. Mit Daimler und Toyota steigen zwei große Autokonzerne bei Tesla ein. Trotzdem schreibt das Unternehmen weiterhin Millionenverluste.

September 2009, Premiere Model S

Lange war der Bau einer eigenen Limousine unter dem Codenamen „WhiteStar“ geplant. Auf der IAA in Frankfurt feiert das Model S, eine 5-sitzige Limousine die Premiere. Anfangs übernimmt Lotus die Fertigung. Ab 2011 wird das Modell in einer ehemaligen Toyota-Fabrik in Freemont gebaut. Pro Jahr werden zunächst 10.000 Modelle gefertigt.

Januar 2010, Geldspritze vom Staat

Tesla erhält vom US-Energieministerium einen Kredit über 450 Millionen Dollar. Das Geld investiert das Unternehmen in den Aufbau einer eigenen Fertigung.

Juni 2010, IPO

Musk wagt den Börsengang. Mit einem Ausgabepreis von 17 Dollar geht der Elektrohersteller in den Handel – und macht den Gründer wieder reich. Über Nacht erreicht erreichen die Anteile von Musk einen Wert von 650 Millionen Dollar, obwohl das Unternehmen bis zu diesem Zeitpunkt noch nie Gewinne gemacht hat.

2012, SUV-Pläne

Tesla veröffentlicht Pläne einen eigenen SUV an den Start zu bringen. Das Model X soll im Sommer 2015 erstmals ausgeliefert werden und die Modellpalette von Tesla erweitern.

2013, erstmals profitabel

Endlich schreibt Tesla schwarze Zahlen. Auch den Millionenkredit des Staats zahlt das Unternehmen neun Jahre früher als es nötig gewesen wäre. Mit der Ausgabe neuer Aktien und Anleihen nimmt das Unternehmen rund eine Milliarde Dollar ein. Der Aktienkurs des Unternehmens beläuft sich mittlerweile auf 147 Dollar. Damit ist das Unternehmen an der Börse mehr wert als Fiat.

Doch bei Elon Musk sind Analysten und Anleger nicht verschnupft wie bei einem „normalen“ Unternehmen. Der Auto- und Weltraum-Unternehmer, der bei seinen Fans schon den Ruf hat, über Wasser gehen zu können, kann es sich sogar leisten, im Aktionärsbrief mit den Schwächen zu kokettieren und sie in Vorteile umzudeuten. „Dass es unser Unvermögen ist die Produktion hochzufahren und nicht etwa mangelnde Nachfrage, ist eine faire Kritik“, heißt es da. Will sagen: Die Kunden stehen Schlange.

Die erneute Verschiebung des Marktstarts für das Model X wird ebenfalls als Zeichen der Stärke gefeiert. „Es kann ebenfalls kritisiert werden, dass wir lieber auf Umsatz verzichten als ein Produkt herauszubringen, welches die Kunden nicht begeistert“, schreibt Musk. Und er fügt an, wem es nicht passe, der kann ja gehen: „Es gibt jede Menge andere Unternehmen“, so der Rat an die Hasenfüße unter den Anlegern, „die dieser Philosophie nicht folgen und ein besseres Zuhause für angelegtes Kapital sind. Wir werden uns jedenfalls nicht ändern.“ Starke Worte. Immerhin war das Model X einmal für Ende 2013 vorgesehen. Und das Model S, der einzige Umsatzbringer, geht als 2013er Modell jetzt praktisch unverändert in den Jahrgang 2015. Lediglich ein Vierrad-Antrieb ist dazugekommen.

Vor einer Woche kündigte Tesla neue Leasingpreise für den US-Markt an, was vom „Wall Street Journal“ als Ausfluss eines Absatzproblems interpretiert wurde. Musk persönlich wies den Bericht per Twitter daraufhin als unrichtig zurück.

Trotzdem bleiben Zweifel. „Ich glaube, Tesla ist massiv überbewertet“, gibt sich John Thompson, Chef von Vilas Capital Management, pessimistisch auf CNBC im „Closing Bell“-Marktbericht. Das sei „ein Unternehmen, das 33.000 Autos verkauft und halb so viel wert ist wie Ford.“ Thompson hält 100 Dollar für einen fairen Aktienkurs. Da gibt es allerdings auch andere Stimmen, die einen Kurs von Tesla von bis zu 400 Dollar für gerechtfertigt halten. Alleine an dieser Spanne ist abzulesen, wie groß die Unsicherheit hinsichtlich der Bewertung des ersten neuen Autoherstellers seit den 50er Jahren in den USA ist.

Kommentare (1)

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Herr Torsten Petersen

06.11.2014, 09:57 Uhr

Habe heute Nacht die Berichterstattung Tesla zu Q3 verfolgt. Das ist einfach eine klare gute Story. Die sind ausverkauft, investieren wie verrückt in F&A, sind kreativ, unverbraucht und haben mit dem Tesla S ein Super Auto am Start.Wer das einmal gefahren hat mag in unsere traditionellen Stinker gar nicht mehr einsteigen. Tesla ist die Zukunft, trotz Wahnsinnsbewertung und operativen Anfängerfehlern.Habe meine Meinung geändert und sehe da nach oben beim Aktienkurs viel Potential.
Daimler hat richtig Kasse gemacht und ist gut beraten weiter mit Tesla zu kooperieren. Irgendwie blamabel die Klimmzüge unserer hiesigen Autobauer im E-Bereich. Ich denke die wollen gar nicht richtig in diese Richtung und machen so einen grossen strategischen Fehler. Gut für Tesla.

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