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07.07.2017

12:24 Uhr

Elektroautos

Volkswagen will Tesla stoppen

Vondpa

Zu wenig Reichweite und zu teuer - diese Einschätzung hat den Durchbruch der Elektroautos lange behindert. Schafft Tesla mit seinem Model 3 jetzt den Einstieg in den Massenmarkt? Auch VW will in dem Segment Gas geben.

Volkswagen möchte den Markt für Elektroautos nicht kampflos Tesla überlassen. dpa

Elektromobilität

Volkswagen möchte den Markt für Elektroautos nicht kampflos Tesla überlassen.

Wolfsburg/BerlinEuropas größter Autobauer Volkswagen will dem Elektroauto-Pionier Tesla bei den günstigeren Stromern den Rang ablaufen. „Da werden wir ihn stoppen, an der Linie von 30.000 Euro“, sagte der Chef der Volkswagen-Kernmarke VW, Herbert Diess, der Deutschen Presse-Agentur. Er betonte, dass entscheidend sei, ob der Elektroautobauer es schaffen werde, in den Massenmarkt vorzudringen. Am Freitag begann die Serienproduktion des ersten günstigeren Wagens von Tesla.

Das Model 3 mit einem US-Preis ab 35.000 Dollar (knapp 30 800 Euro) soll Tesla und die Elektromobilität stärker in den Massenmarkt bringen - und dabei nachhaltig profitabel werden. Geplant ist eine drastische Aufstockung der Produktion: 2016 baute Tesla rund 84 000 Autos, 2018 sollen es bereits 500 000 sein und für 2020 wird die Millionen-Marke angepeilt. Die Firma steckte Milliarden in den Ausbau und nimmt dafür eine Durststrecke mit roten Zahlen in Kauf.

Die wichtigsten juristischen Baustellen für VW

Aktionärsklagen

Zahlreiche Anleger verlangen von Volkswagen Schadenersatz, weil sie nach dem Bekanntwerden von „Dieselgate“ im September 2015 zunächst hohe Wertverluste bei Aktien und Anleihen hinnehmen mussten. Diese solle ihnen VW erstatten. Ihr Argument: Das Management hätte den Kapitalmarkt deutlich früher über die Probleme informieren müssen, die Ad-hoc-Mitteilung dazu sei zu spät gekommen.

Entsprechende Vorwürfe der Marktmanipulation haben nun auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart auf den Plan gerufen, sie ermittelt gegen VW-Konzernchef Matthias Müller. Dabei geht es um dessen Amt im Vorstand der Porsche SE, dem Haupteigner von Volkswagen. Auch Müllers Vorgänger Martin Winterkorn sowie der Ex-VW-Finanzvorstand und heutige VW-Chefaufseher Hans Dieter Pötsch sind im Visier. Zuvor hatten schon die Braunschweiger Strafverfolger solche Untersuchungen gestartet – dort außerdem gegen den VW-Kernmarken-Chef Herbert Diess. Volkswagen ist der Überzeugung, alle Regeln eingehalten zu haben.

Das Volumen der bisherigen Anlegerklagen geht bereits in die Milliarden. Am Landgericht Braunschweig soll hierzu ein sogenanntes Kapitalanleger-Musterverfahren laufen, in dem ähnliche Ansprüche aus inzwischen gut 1500 Einzelklagen stellvertretend gebündelt verhandelt werden können. Die Sparkassen-Fondstochter Deka Investment wird dabei Musterklägerin. Das Verfahren könnte sich über Jahre hinziehen.

Zivilklagen

Auch viele Autobesitzer wollen Entschädigung. In den USA erreichte der Konzern für Hunderttausende betroffene Dieselautos einen Vergleich - allein für die 2,0-Liter-Wagen kostet VW das 14,7 Milliarden Dollar. Händler und US-Bundesstaaten klagten ebenfalls. Zum Vergleich für die größeren 3,0-Liter-Motoren (1,2 Milliarden Dollar) kündigte der zuständige US-Richter seine Zustimmung an.

In Deutschland entschieden verschiedene Gerichte: Die Manipulationen bedeuten keine Pflicht zur Kaufpreis-Erstattung. Doch es gibt auch andere Urteile. Hintergrund ist die Frage, ob die Fälschungs-Software ein so großer Mangel ist, dass Kunden vom Kauf zurücktreten können. Berichten zufolge gibt es landesweit weit über 1000 Einzelklagen.

In zahlreichen Fällen kann es laut Verbraucherschützern problematisch werden, einen konkreten Schaden zu beziffern und ihn zu beweisen. Unabhängig davon gibt es Forderungen, dass VW den Kunden auch in Europa stärker entgegenkommen müsse, etwa aus der EU-Kommission.

Weitere Ermittlungen

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt außerdem wegen des Verdachts auf Betrug, allein hier geht es - einschließlich eines Verfahrens gegen Winterkorn - um 37 Beschuldigte. Gegen 6 weitere laufen Untersuchungen im Zusammenhang mit falschen CO2-Angaben. Hinzu kommen Ermittlungen gegen einen Mitarbeiter, der zum Löschen von Daten aufgerufen haben soll. Anklagen gibt es bisher nicht.

In den USA bot ein vom FBI erarbeitetes „statement of facts“ im Januar die Grundlage für einen 4,3 Milliarden Dollar schweren Vergleich in strafrechtlichen Fragen. Unabhängig davon geht es dort aber weiter auch um die Schuld oder Unschuld einzelner Personen. Ein VW-Manager sitzt in Haft, ein langjähriger Ingenieur hat sich in einem Verfahren schuldig bekannt, fünf weitere Mitarbeiter sind angeklagt - darunter der Ex-Entwicklungschef der Marke VW, Heinz-Jakob Neußer. Auch in anderen Ländern laufen Untersuchungen.

Ebenfalls ab 2020 sieht der VW-Markenchef den Durchbruch für die Elektromobilität voraus - mit dem Start des VW-Hoffnungsträgers ID. Das Design des ID sei fertig und verabschiedet, jetzt gehe es darum, das Fahrzeug wettbewerbsfähig zu machen: Der sogenannte Modulare Elektrobaukasten (MEB) werde die Herstellung des Modells deutlich günstiger machen: „Wir kriegen dann ein Fahrzeug mit den Außenabmessungen des Golf, dem Interieur eines Passat und den Fähigkeiten eines Tesla zum Preis eines Diesels.“ Die Reichweite soll bei bis zu 600 Kilometern liegen.

Diess bekräftigte zudem das Ziel, dass VW ab 2025 rund eine Million E-Autos jährlich verkaufen wolle - und betonte, Tesla ernst zu nehmen: „Diesen neuen Wettbewerber muss man sehr ernst nehmen, auch die Konzepte, die von uns deutschen Ingenieuren zunächst vielleicht etwas belächelt wurden.“ Ohnehin wächst der Druck, bei der Wende zur Elektromobilität voranzukommen: Der schwedische Autobauer Volvo gab als erste der etablierten Automarken bekannt, ab 2019 keine neuen Modelle ohne Elektromotor mehr einzuführen. Allerdings wird es Hybride mit Verbrennungs- und Elektromotoren geben.

Volkswagen will die Entwicklung alternativer Antriebsmodelle in den kommenden Jahren mit Investitionen von neun Milliarden Euro forcieren. Gleichzeitig sollen früheren Angaben zufolge zehn Milliarden Euro in die Entwicklung des Verbrennungsmotors investiert werden. Der Konzern plant bis zu 30 neue E-Modelle - darunter der elektrische Geländewagen ID Crozz sowie unter anderem auch der Elektro-Bulli ID Buzz.

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