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10.12.2016

10:40 Uhr

Elring-Klinger-Chef Wolf

„Wir brauchen für Elektromobilität einen langen Atem“

Noch sind die Umsätze mit Elektroautos klein. Autozulieferer müssen sich aber schon jetzt umstellen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Denn die Hersteller haben große Pläne. Sorgen macht die Personalplanung.

Der Autozulieferer stellt sich schon jetzt auf eine Zukunft mit E-Autos ein. dpa

Elring Klinger

Der Autozulieferer stellt sich schon jetzt auf eine Zukunft mit E-Autos ein.

Dettingen/ErmsDer Chef des Autozulieferers Elring Klinger rechnet mit einer langsamen Umstellung der Zulieferindustrie durch die Elektromobilität. „Wir brauchen für Elektromobilität einen langen Atem“, sagte Firmenchef Stefan Wolf der Deutschen Presse-Agentur. „Für die nächsten drei Jahre erwarte ich noch keinen massiven Hochlauf der Elektromobilität, weil die Fahrzeuge derzeit erst entwickelt werden.“ Der gesellschaftliche Druck sei zwar immens, so Wolf. Jedoch: „Das Ziel der Grünen, den Verbrennungsmotor ab 2030 zu verbieten, halte ich für unrealistisch.“

Elring Klinger hat längst begonnen, sich ein Standbein in der Elektromobilität aufzubauen. Der Bereich macht bislang aber nur zwei Prozent der Umsätze aus und wirft keinen Gewinn ab. „Dass unser Segment „E-Mobility“ so klein ist, liegt an den Stückzahlen“, sagte Wolf. „Wir erwarten keine bedeutenden Gewinne in den nächsten drei Jahren, aber wir müssen weiter dabei bleiben, um unsere Kompetenz in diesem Bereich zu zeigen.“ Zuletzt hatte Wolf deshalb die Übernahme eines Spezialisten für Elektro-Antriebsstränge verkündet.

Sollte die Nachfrage anziehen, sei es kein Problem, die Produktionskapazitäten anzupassen, so Wolf. Elring Klinger verfüge über relativ viele Universalmaschinen. „Da spielt es keine Rolle, ob wir darauf Zylinderkopfdichtungen, Spezialdichtungen oder Abschirmteile fertigen.“

Die Zulieferindustrie in Deutschland und Niedersachsen

Wichtiger Arbeitgeber

Die Automobilzulieferindustrie gehört in Deutschland zu einem der wichtigsten Arbeitgeber. Knapp 305.000 Menschen arbeiteten im September laut Zahlen des Verbandes der Automobilindustrie in der Branche. Das waren rund 1400 Menschen mehr als im Vorjahresmonat. Auch der Umsatz der Zulieferer blieb mit 57,3 Milliarden Euro in den ersten neun Monaten dieses Jahres trotz der Krise bei Europas größtem Autobauer VW stabil.

VW als zentraler Auftraggeber

Rund ein Drittel der Beschäftigten in der Industrie arbeitet nach Angaben des Arbeitgeberverbands Niedersachsenmetall in Niedersachsen. Für viele der Unternehmen ist VW der wichtigste Auftraggeber. Große Konzerne wie Continental, BASF, Wabco, Bosch und Johnson Controls entwickeln und produzieren Produkte für den Wolfsburger Konzern. Geliefert wird fast alles: Anbauteile, Innenausstattung, Getriebe und natürlich die immer wichtiger werdende Software.

Treiber von Entwicklung und Innovation

„Die Zulieferer stellen nicht nur die Teile her. Sie sind selbst wesentliche Treiber von Entwicklung und Innovationen“, sagte Christian Budde vom Arbeitgeberverband Niedersachsenmetall. Die Unruhe bei den Zulieferern ist nach der Ankündigung eines Strategiewechsels bei Volkswagen deshalb nachvollziehbar. „Dieser Umbauprozess wird die nächsten Jahre beherrschen und bringt auch für die niedersächsischen Zulieferer gravierende Veränderungen mit sich“, teilte Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) vor einem Gipfeltreffen am Dienstag in Hannover mit.

In der Branche gilt es als gesetzt, dass durch den Wandel zur Elektromobilität Arbeitsplätze verloren gehen: „Der Verbrennungsmotor besteht derzeit vielleicht aus 1700 bis 2400 Teilen. In einer Lithium-Ionen-Batterie sind vielleicht 150 bis 200 Teile enthalten.“ Außerdem sei die gesamte Batteriefertigung hochautomatisiert. „Das ist ein kompletter Technologiewandel“, sagte der Elring-Klinger-Chef.

„In 15 Jahren könnten wir mindestens den doppelten Umsatz bei maximal gleicher Mitarbeiterzahl sehen“, sagt Wolf. 95 Prozent der Arbeitsplätze hängen vom Verbrennungsmotor ab. Das seien 8000 von 8500 Mitarbeitern. „Wir machen uns vor diesem Hintergrund langfristig Gedanken über Personalplanung.“ Der demografische Wandel sei ein unterstützender Faktor, aber es brauche intelligente Personalplanung.

Vom Aufbau einer Zellfertigung, den einige Arbeitnehmervertreter gefordert haben, um Arbeitsplätze in Deutschland zu halten, hält Wolf indes nichts. „Eine Zellfertigung in Deutschland aufbauen zu wollen, ist aus meiner Sicht unreflektiert und unrealistisch“, sagte er mit Blick auf die Konkurrenz aus Asien und Überkapazitäten am Markt.

Die Hersteller müssten stattdessen ein Batteriemodul entwerfen, das sich absetzt - zum Beispiel, indem es eine Reichweite von 700 Kilometern habe. „Sie differenzieren sich derzeit auch über den Motor“, so Wolf. „Wenn sie dieses Merkmal verlieren, ist das Auto schnell beliebig.“

Elring Klinger hat eine Kooperation mit einem Zellhersteller aus China geschlossen. „Unser Beitrag wäre es, die Komponenten zu liefern, während unser Partner die Zellchemie einbringt“, sagte Wolf. „Mit der Entwicklung eines eigenen Batteriesystems wollen wir aber zeigen, dass wir hier Systemkompetenz besitzen.“

Aufhalten lässt sich der Wandel hin zur Elektromobilität nach Einschätzung von Wolf nicht mehr. „Die Hersteller haben nun einen ziemlich geordneten Blick, nachdem anfangs eine hohe Dynamik vorhanden war“, sagte er. „Sie haben nun klare Strategien in Bezug auf Elektrofahrzeuge, wann welche in den Markt kommen sollen.“

Das Problem wäre es, wenn die Autokäufer verunsichert würden. „Wenn sie 2017 einen Diesel kaufen, den sie fünf Jahre fahren, wissen sie angesichts der Restwertunsicherheit nicht, zu welchem Preis sie ihn dann verkaufen können“, so Wolf. „Denn für die Zeit ab 2021 oder 2022 haben die Hersteller ein Feuerwerk an Elektrofahrzeugen angekündigt. Wenn das nicht eintritt, sind die Käufer erst recht verunsichert.“

Von

dpa

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