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16.01.2016

10:30 Uhr

Ende der Iran-Sanktionen

Deutsche Autobauer halten sich noch zurück

Nach rund zehn Jahren sollen die Sanktionen des Westens gegen den Iran fallen. Deutsche Unternehmen wollen davon profitieren, Wirtschaftsminister Gabriel war schon zu Gesprächen da. Doch hiesige Autobauer zögern noch.

Die großen Absatzmöglichkeiten für Fahrzeuge locken Autofirmen in den Iran – auch, wenn deutsche Konzerne sich vorerst zurückhalten. ap

Stau in Teheran

Die großen Absatzmöglichkeiten für Fahrzeuge locken Autofirmen in den Iran – auch, wenn deutsche Konzerne sich vorerst zurückhalten.

Berlin/TeheranDer große Absatzmarkt Iran lockt auch deutsche Autobauer – doch vor dem nahenden Ende der westlichen Sanktionen halten sich die Hersteller noch zurück. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. So teilte Europas größter Autokonzern VW mit: „Wir verfolgen die aktuelle Entwicklung und prüfen mögliche Optionen. Es gibt jedoch noch keine Entscheidungen oder Beschlüsse.“ Bis 2009 hatte Volkswagen im Iran Fahrzeuge des Typs Gol produziert.

Aus Unternehmenskreisen war zu hören, dass die Wolfsburger durchaus mit von der Partie sein wollen, wenn westliche Hersteller ihre Autos wieder im Iran verkaufen dürfen. Als Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) im Juli 2015 als einer der ersten westlichen Spitzenpolitiker nach Teheran reiste, wurde er von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitet, darunter Manager von VW und Daimler. Der Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA) hatte das Land in der Vergangenheit als interessanten Markt bezeichnet.

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Die VW-Tochter Audi sieht in dem islamischen Schwellenland sogar „wachsendes Potenzial für Premiummarken“. Allerdings betonte eine Sprecherin, man habe bisher weder einen autorisierten Importeur noch ein Händlernetz im Iran und übe daher noch keine Geschäftstätigkeit aus. Audi beobachte die politische Entwicklung. Ähnliche Töne kamen vom Sportwagenbauer Porsche. Die VW-Marke warte zunächst ab, wie sich die Lage entwickle, sagte ein Sprecher. Auch BMW betonte: „Ein zukünftiger Einstieg in den iranischen Markt hängt sowohl von den politischen als auch von den wirtschaftlichen Entwicklungen ab.“

Indes plant Daimler, wieder im Iran aktiv zu werden – „natürlich unter Berücksichtigung aller möglicher exportrechtlicher Regelungen“. Vor diesem Hintergrund tätige Daimler derzeit einzelne Geschäfte, sagte eine Sprecherin. Die Stuttgarter wollen im Falle der Sanktionsaufhebung ein Vertriebsbüro für ihr Nutzfahrzeuggeschäft im Iran errichten, das vom Regionalzentrum in Dubai aus gesteuert wird.

Die größte Hürde gebe es bislang noch für Finanztransaktionen. „Wegen der Sanktionen können wir zum Beispiel noch keine Räume mieten und keine Leute einstellen, weil wir keine Löhne zahlen können“, erklärte die Daimler-Sprecherin. Das Nachrichtenmagazin „Focus“ berichtete am Samstag unter Berufung auf Unternehmensberater, Volkswagen, Audi, Skoda, BMW und Daimler führten im Iran aber bereits Gespräche über Vertriebsfirmen und teils über mögliche eigene Produktionslinien. Die Vorgaben in dem Land seien allerdings strikt – etwa mit Blick auf die Schaffung neuer Jobs oder die Übertragung technischen Wissens.

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Was erwartet die deutsche Wirtschaft?

„Deutschland wird zusammen mit Frankreich und Italien zu den Ländern gehören, die mehr von der Einigung profitieren als andere“, sagt Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Deutsche Wirtschaftsverbände halten mittelfristig eine Vervierfachung des Exportvolumens von heute knapp 2,5 Milliarden auf über 10 Milliarden für möglich. „Das Land hat einen Riesennachholbedarf“, sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier, der am Dienstag in diesem historischen Moment passenderweise in Teheran ist, der Deutsche Presse-Agentur. Derzeit seien im Iran 80 deutsche Firmen mit eigenem Geschäft tätig, dazu kämen etwa 1000 Repräsentanten und Vertriebsleute.

Sind jetzt alle Probleme gelöst?

Nein, denn die Sanktionen sollen schrittweise abgebaut werden. „Das Embargorecht für das Irangeschäft weiterhin bleibt damit relevant. Das kann im Detail viele Hemmnisse bedeuten“, erklärt der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Hinzu kommt: Auch wenn das Abkommen in den USA angenommen wird, muss US-Präsident Barack Obama dem Kongress alle 90 Tage bescheinigen, dass der Iran keine Terrororganisationen unterstützt. Andernfalls dürfte der Kongress schnell neue Sanktionen erlassen. „Der US-Kongress wird versuchen, die Unsicherheit zu bewahren“, sagt Perthes.

Welche Rolle spielen deutsche Banken?

Wie teuer Ärger mit den USA werden kann, erlebte jüngst die Commerzbank. Das Institut musste für einen Vergleich mit US-Behörden insgesamt 1,45 Milliarden Dollar hinblättern, um ein Verfahren wegen Geldwäsche und Geschäften mit „Schurkenstaaten“ wie dem Iran beizulegen. Wirtschaftsverbände wie der VDMA fordern nach dem Durchbruch von Wien, dass die Banken jetzt rasch reagieren: „Wenn die Finanzinstitute trotz des klaren Politikwechsels ihre eigene Geschäftspolitik weiterhin nicht anpassen, lassen sie die produzierende Industrie im Regen stehen“, warnt VDMA-Exportchef Ulrich Ackermann.

Wie stark sind die Wettbewerber in dem Land?

Insbesondere die Konkurrenz aus China profitierte von den Sanktionen, die die USA und die EU verhängt hatten. Gerade einmal 6,3 Prozent der Importe stammen derzeit noch aus Deutschland, Chinas Anteil liegt nach Angaben des Kreditversicherers Euler Hermes mit 15 Prozent etwa doppelt so hoch. Aber: „Iraner haben chinesische Produkte nicht gekauft, weil sie das wollten, sondern weil Alternativen fehlten“, sagt Perthes.

Welche Branchen könnte besonders von der Einigung profitieren?

„Die Modernisierung der Ölindustrie und anderer Branchen ist ein spannender Markt vor allem für den Maschinenbau“, sagt Hubertus Bardt vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Gefragt sind nach Einschätzung Perthes vor allem Turbinen, Kraftwerke, Lastwagen und Technologien zur Ölexploration „Made in Germany“. Nach Berechnungen von Euler-Hermes-Chefvolkswirt Ludovic Subran fehlen Iran von 2011 bis heute Importe in Höhe von 30 Milliarden Euro. „Ausländische Waren wie zum Beispiel Haushaltswaren sind derzeit sehr schwer zu bekommen, ganz zu schweigen von Autos oder Maschinen“, sagt Subran.

Wie stark ist die Konkurrenz inzwischen in dem Land?

Deutlich haben sich zum Beispiel die Verhältnisse im Maschinen- und Anlagenbau verschoben. Einst lag die deutsche Schlüsselindustrie mit einem Marktanteil von 30 Prozent auf Rang eins. Inzwischen dominieren chinesische Exportunternehmen. Maschinen im Wert von gut 5 Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr in den Iran exportiert. Davon entfielen 630 Millionen Euro auf Deutschland und 2,3 Milliarden Euro auf China. „Selbst im Optimalfall wird der chinesische Maschinenbau bei mehr als 10 Prozent Marktanteil bleiben, Korea wird seine neu gewonnenen Prozente hart verteidigen, und nicht zu vergessen - die USA sind wieder im Spiel“, sagt VDMA-Experte Klaus Friedrich. Ein Marktanteil von 15 bis 20 Prozent für den deutschen Maschinenbau wäre daher ein großer Erfolg.

Quelle: dpa

Der US-Autoriese General Motors (GM) mit seiner europäischen Tochter Opel-Vauxhall will sich hingegen vorerst nicht in die Karten schauen lassen. In Detroit verwies man auf die nach wie vor bestehenden US-Sanktionen gegen den Iran. Entsprechend habe man keine Geschäftspläne in dem Land.

Es wird damit gerechnet, dass an diesem Wochenende der rund 13 Jahre lange Atomstreit zwischen Iran und dem Westen beendet wird. Dann würden die internationalen Wirtschafts- und Handelssanktionen gegen das Land aufgehoben. Die Automobilindustrie ist eine der wichtigsten Branchen im Land. Die französischen Hersteller Renault und Peugeot haben bereits angekündigt, groß im Iran aktiv zu werden. Zudem hatten Unternehmen etwa aus China versucht, die Lücke zu füllen, die westliche Konzerne wegen der Sanktionen hinterlassen hatten.

Von

dpa

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