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30.08.2012

13:50 Uhr

Energiewende

Kosten steigen wegen ermäßigter Ökostrom-Umlage

Immer mehr Unternehmen wollen offenbar von den Kosten der Energiewende entlastet werden. Mehr als doppelt so viele Unternehmen wie noch 2011 haben laut Medienberichten die ermäßigte Ökostrom-Umlage beantragt.

Durch die Ökostrom-Umlage könnte die Energiewende noch teurer werden. dpa

Durch die Ökostrom-Umlage könnte die Energiewende noch teurer werden.

BerlinImmer mehr Unternehmen machen von Ausnahmen bei der Förderung erneuerbarer Energien Gebrauch und steigern dadurch die Strompreise der übrigen Verbraucher. Bis Ende Juni stellten bereits 2023 Unternehmen einen Antrag für Rabatte bei der Ökostrom-Umlage. Ein Jahr zuvor waren es nur 813 Anträge gewesen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Zunächst hatte die „Süddeutsche Zeitung“ darüber berichtet.

Ein Durchschnittshaushalt zahlt derzeit 125 Euro Ökostrom-Umlage pro Jahr über den Strompreis, rund 30 Euro machen dabei die Ausnahmen für bestimmte Branchen aus, die viel Energie verbrauchen. Hinzu kommen noch Ausnahmen bei den Netznutzungskosten - sie sorgen zusätzlich für höhere Netzentgelte, die ebenfalls Teil des Strompreises sind.

Das System der Rabatte war bereits zu rot-grünen Zeiten eingeführt worden. Seit diesem Jahr können nach einer Reform der Bundesregierung aber weit mehr Unternehmen von geringeren Förderzahlungen profitieren als bisher. Union und FDP wollen so bestimmte Branchen vor zu hohen Belastungen durch die Energiewende schützen.

Die Begünstigungen für Unternehmen bei der Ökoenergie-Umlage belaufen sich in diesem Jahr auf 2,5 Milliarden Euro, 2013 dürften sie nun deutlich steigen. Beim für die bürokratische Abwicklung der Ausnahmeregelungen zuständigen Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle wurden extra 50 neue Planstellen geschaffen, 20 davon „mit Überhangpersonal aus dem Geschäftsbereich des Bundesverteidigungsministeriums“. Kostenpunkt für die neuen Stellen: 3,8 Millionen Euro.

Wie Netzagentur und Betreiber den Netzausbau stemmen

Ausbau ist zentrales Thema

Der Ausbau der Stromnetze ist ein zentrales Thema der Energiewende. In Zukunft muss verstärkt Strom transportiert werden, etwa von den Windkraftanlagen an der Nordsee zu den Verbrauchern in Süddeutschland. Die Planung des Stromnetzes der Zukunft ist ein komplizierter Prozess, an dem die Bundesnetzagentur und die vier großen Übertragungsnetzbetreiber beteiligt sind.

Am Dienstag informierte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über den Stand des Ausbaus der Stromnetze.

Netzplanung

Die Planungen zum Netzausbau konzentrieren sich derzeit auf bestehende und künftig notwendige Stromautobahnen, die nötig sind, um Energie durchs Land zu transportieren. Dabei handelt es sich um das sogenannte Höchstspannungsnetz. Die vier Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Tennet, Amprion und TransnetBW haben den Bedarf an Leitungen für die nächsten zehn Jahre ermittelt.

Sie überreichten der Kanzlerin nun den Entwurf eines "nationalen Netzentwicklungsplans", mit dem das Netz für die Zukunft gerüstet werden soll. Der Plan soll am Mittwoch vorgestellt und danach öffentlich diskutiert werden.

Transporttrassen

Ist die grobe Planung des künftigen Netzes fertig, schlagen die Netzbetreiber dann im Detail vor, wo und wie das Netz verstärkt oder ausgebaut werden soll. Die Firmen müssen Korridore festlegen, in denen sie Stromtrassen verlegen wollen, und Alternativen vorstellen. Auch die erwartbaren Folgen für Mensch und Umwelt müssen aufgezeigt werden.

Die Netzbetreiber verfeinern dann immer weiter ihre Pläne - etwa bis auf die Ebene der Standorte einzelner Strommasten -, stellen diese öffentlich zur Diskussion und müssen sie zudem von der Bundesnetzagentur genehmigen lassen.

Stromleitungen

Bislang bestehen die Höchstspannungsnetze nach Angaben der Bundesnetzagentur ausschließlich aus Überlandleitungen. Diese sind vergleichsweise kostengünstig und einfach zu warten. Nachteil ist allerdings, dass sie das Landschaftsbild durch ihre Größe beeinträchtigen und Tiere verschrecken können.

Zudem sind sie witterungsanfällig. Derzeit wird auch die Verlegung unterirdischer Erdkabel erprobt. Diese sind zwar wetterunempfindlich und stören nicht in der Landschaft. Dafür ist das Verlegen aufwändig, Reparaturen kompliziert sowie die Kosten deutlich höher.

So kommen nun auch Unternehmen mit einer jährlichen Stromabnahme zwischen einer und 10 Gigawattstunden in den Genuss von Nachlässen, ebenso, wenn die Stromkosten einen Anteil von mindestens 14 Prozent an der Bruttowertschöpfung haben. Zugleich profitieren viele Firmen derzeit von dank mehr Ökostrom gesunkenen Einkaufspreisen für Strom.

Laut der Liste begünstigter Unternehmen, die der dpa vorliegt, kommen auch viele Firmen in den Genuss von Rabatten bei der Ökoenergie-Förderung, die nicht im internationalen Wettbewerb stehen. So profitieren zum Beispiel Straßenbahnen in München, Nürnberg, Augsburg, Braunschweig, Kassel oder Potsdam, aber auch Molkereien, Tierfutterhersteller, Brauereien und sogar Solarhersteller, die indirekt von den Milliardeneinnahmen durch die Förderung profitieren.

Vertreter einzelner Branchen berichten, dass einige Unternehmen nun sogar auf Stromeinsparungen verzichten oder gerade Ende des Jahres die Maschinen noch einmal voll durchlaufen lassen könnten, um einen so hohen Stromanteil zu erreichen, der ihnen Rabatte bei der Umlage sichert. Drei Unternehmen der Textilbranche, die viel in Energieeffizienz investiert haben und die volle Umlage zahlen müssen, klagen nun gegen das bestehende System der Förderung erneuerbarer Energien.

Insgesamt gibt es für 2013 Befreiungsanträge für eine Strommenge von 107 140 Gigawattstunden (GWh). Der Löwenanteil entfällt mit 58 720 GWh auf besonders energieintensive Unternehmen mit einem Verbrauch von mehr als 100 GWh pro Jahr. Sie müssen nur 0,05 Cent Erneuerbare-Energien-Umlage je Kilowattstunde zahlen. Der normale Bürger zahlt derzeit mit 3,59 Cent das 71-fache. Steigt die Umlage für den Verbraucher wegen des starken Zubaus bei Wind- und Solarparks im kommenden Jahr auf rund 5 Cent, hätte der Bürger das 100-fache dessen zu zahlen, was ein energieintensiver Betrieb zu zahlen hat.

Der Grünen-Energiepolitiker Hans-Josef Fell kritisierte, dass die Bürger zu stark belastet würden: „Die ausufernde Befreiung vieler Unternehmen von der EEG-Umlage ist aus wettbewerblicher Sicht kaum noch nachzuvollziehen und für die Haushaltsstromkunden eine zunehmende gravierende Belastung“, sagte Fell. „Die Zeche zahlen vor allem die einkommensschwachen Haushalte sowie kleine und mittlere Unternehmen.“


Von

dpa

Kommentare (4)

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vandale

30.08.2012, 13:20 Uhr

Gem. ökoreligiöser Visionen nach denen man die Deutsche Stromerzeugung auszurichten beabsichtigt ist eine Stromerzeugung nur mittels in der vorindustriellen Zeit bekannter Energiequellen, Wind, Verbrennung von Lebensmitteln, Sonne, religiös korrekt. Die Kosten betragen ein Vielfaches einer modernen Stromerzeugung. Der erzeugte Strom ist als Zufallsstrom nahezu wertlos. Die Kosten wachsen mit jeder neuen Anlage an. Die Gefahr von Netzzusammenbrüchen wächst.

Die weitgehende Ausnahme der Industrie von den Kosten ökoreliigös korrekt erzeugten Stroms ist offentsichtlich massiv unter Druck.

Die EU prüft diesen Sachverhalt unter dem Aspekt der Beihilfe. Innerhalb des politischen Spektrums gerät diese Massnahme der Restvernunft unter Druck. Die Medien haben, s. Artikel, eine massive Kampagne gestartet. Ich vermute das die Befreiung der Industrieunternehmen früher, oder später zu Fall gebracht wird.

In diesem Sinne hat Thyssen-Krupp bereits die Edelstahlsparte verkauft. Die meisten betroffenen Betriebe, Salzgitter, Thyssen Krupp, BASF.. werden Massnahmen erörtern. Sehr wahrscheinlich wird man dann stromintensive Betriebe zu verkaufen suchen, schliessen, oder ins Ausland verlegen.

Der Industriestandort Deutschland wird mit dem Fall dieser Ausnahmeregelung sehr kurzfristig mehrere Industriebranchen verlieren. Ich nehme an, dass man den Fall dieser Ausnahmeregelung auf die Zeit nach der BT Wahl zu verschieben sucht.

Vandale

blosseinbuerger

30.08.2012, 13:36 Uhr

Als abgeockter Verbraucher frage ich mich, warum die Betreiber der Anlagen nicht zur Kasse gebeten werden. Hier scheint es eine Allianz zwischen Politk und Interessensverbänden der Ökoindustrie zu geben, die darauf abzielt die Supergewinne der Ökoindustrie zu schützen. Mir fällt kein Grund ein, warum Renditen von über zwanzig Prozent in einem Subventionsmarkt akzeptabel sind - zum Vergleich die Netzbetreiber werden auf 9% gedeckelt und tragen zudem noch das wirtschaftliche Risiko. Natürlich ist es schön, über zwanzig Jahre risikolos richtig viel Geld zu verdienen, aber warum soll ich als Verbraucher das akzeptieren. Warum wird in diesem Bereich so viel mit Halbwahrheiten agiert? Doch nur um die eigenen Gewinne zu schützen! Es ist an der Zeit die unangemessenen Gewinne der Ökoindustrie zu begrenzen. Warum werden die Ökoindustriellen nicht zur Finanzierung des Netzausbaus herangezogen? Warum sind Presse, Funk und Fernsehen so unkritisch, wenn es um die Gewinne der Ökoindustrie geht?

vandale

30.08.2012, 14:40 Uhr

Hi, die Hersteller von Solarmodulen arbeiten seit einiger Zeit fast alle mit Verlust und gehen reihenweise pleite. Die Hersteller von Windmühlen erzielen bestenfalls minimale Margen. Den potentiellen Anteilseignern von Windmühlen werden grosse Renditen versprochen die häufig, analog anderer geschlossener Fonds, nicht realisiert werden. Die Betreiber von Solaranlagen erzielen häufig weniger Gewinn denn gedacht. Den Hauseigentümern werden auch vorab nicht immer alle Kosten offenbart.

Die Problematik ist das Wind und Sonne sehr unregelmässig wehen/scheinen und die Energiedichte grundsätzlich unzureichend ist.

Die hohen Kosten ökoreligiös erzeugten Stroms sind weniger sozialistischen Profitneidphantasien geschuldet, denn der einfachen Tatsache, die ausserhalb des Energiebereichs auf geschloissene Ohren trifft, dass Windmühlen und Solarzellen extrem suboptimal sind. Das war auch der Grund dass man Segelschiffe und Windmühlen vor 100 Jahren ausgemustert hat.

Vandale

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