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06.04.2012

15:04 Uhr

Engpässe

Netzbetreiber unter Strom

VonJürgen Flauger

Die Energiewende bringt die deutschen Leitungen an ihre Belastungsgrenze. Der Versorgungsengpass vor wenigen Tagen war bereits der dritte innerhalb kurzer Zeit. Die Beteiligten versuchen den Vorfall herunterzuspielen.

Die Sonne geht hinter einer Hochspannungsleitung unter. dpa

Die Sonne geht hinter einer Hochspannungsleitung unter.

DüsseldorfEs war eine unglückliche Verkettung zufälliger Ereignisse, die das deutsche Stromnetz wieder einmal an seine Belastungsgrenze brachte. Von Nordosten drängte das Tiefdruckgebiet „Ellen“ am vergangenen Mittwoch nach Deutschland und löste das Hoch „Harry“ ab. Der Wind wurde stärker und stärker, und in den Abendstunden verdreifachte sich in Ostdeutschland die Menge an Windenergie. Das Unternehmen 50-Hertz, das für das Höchstspannungsnetz im Osten verantwortlich ist, musste plötzlich Windstrom mit einer Stärke von 8000 Megawatt aufnehmen, das entspricht der Leistung von sechs bis acht Kernkraftwerken. Das war zu viel Strom für die ostdeutschen Haushalte allein. 50-Hertz musste Strom in das Netz von Tennet im Westen abtransportieren.

Um 21 Uhr kam es im Umspannwerk im niedersächsischen Helmstedt im Tennet-Netz aber zu einer technischen Panne. Deshalb musste Tennet die Höchstspannungsleitung zwischen Niedersachen und Sachsen-Anhalt abschalten. Damit fiel eine von drei Leitungen aus, die die beiden Netzgebiete verbinden. Der Engpass war perfekt. 50-Hertz konnte den Windstrom nicht mehr abtransportieren – und musste Notmaßnahmen ergreifen: Kraftwerke und Windräder im großen Stil abklemmen. Die Ampel des „Real-time Awareness and Alarm Systems“ der europäischen Netzbetreiber wurde von Grün auf die Warnstufe Gelb gestellt.
Die Situation sei angespannt gewesen, aber unter Kontrolle, sagte ein Sprecher von 50-Hertz gestern und bestätigte einen Bericht der Zeitung „Die Welt“. Die beiden Netzbetreiber hatten die richtigen Maßnahmen ergriffen. Einen Stromausfall hat es nicht gegeben. Am Donnerstag früh war die Leitung bei Helmstedt wieder im Betrieb, und die Warn-Ampel sprang wieder auf Grün.

Der Vorfall zeigt aber, vor welche Schwierigkeiten die Energiewende die Unternehmen stellt. Der Schwenk von der Atomenergie zu natürlichen Energien ist ein Stresstest für die Netze. Acht der 17 deutschen Atomkraftwerke sind bereits abgeschaltet, und die Produktion von Wind- und Solarstrom, die laut Gesetz vorrangig aufgenommen werden müssen, schwankt je nach Witterung stark. Für die Unternehmen 50-Hertz, Tennet, Amprion und TransnetBW, die jeweils für eine Region des überregionalen Stromnetzes verantwortlich sind, wird es immer schwieriger, Angebot und Nachfrage im Einklang und so die Spannung konstant zu halten.

Der Vorfall war bereits die dritte ernste Situation innerhalb weniger Monate. Anfang Dezember musste Tennet erstmals auf die Notreserve zurückgreifen, die nach der Energiewende von der Bundesnetzagentur eingerichtet wurde. Wegen eines Sturmtiefs liefen die Windräder im Norden auf Hochtouren, weswegen Kohle- und Gaskraftwerke in Nord- und Mitteldeutschland gedrosselt wurden. Gleichzeitig fiel ein Reaktor im bayerischen Gundremmingen aus. Um Stromausfälle in Süddeutschland zu vermeiden, forderte Tennet Kapazitäten aus zwei Gaskraftwerken und einem Ölkraftwerk in Österreich an.

Kommentare (14)

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vandale

06.04.2012, 18:22 Uhr

Die Stromnetze sind für eine moderne Energieerzeugung aus umeltfreundlichen Kernkraftwerken, Kohle und Erdgas ausgelegt. Diese Kraftwerke haben einen bedarfsgerechten Strom erzeugt, die Kernkraftwerke in der Grundlast, Kohle Grund- und Mittellast und Erdgas für die Spitzenlast.

Die Umstellung auf ein Konzept dass (öko)religiösen Visionen geschuldet ist, denen sich Technik und Wirtschaft anpassen müssen, ist naturgemäss sehr herausfordernd.

Die Windstromeinspeisung schwankt in Deutschland zwischen nahe 0 und 22000MW. Manche Nachbarländer wie Polen schützen sich mittlerweile mit einer kleinen Phasenverschiebung davor den umweltschädlichen Oekostrom ins Netz gedrückt zu bekommen.
Solarstrom fällt gleichfalls den Launen des Wetters geschuldet an. Dies kann künftig zur Mittagszeit an Wochenenden zu Netzproblemen führen.

Insgesamt wird die zunehmende Oekostromerzeugung neben den hohen Kosten für wertlosen Zufallsstrom zu einer grossen Herausforderung für die Netze führen.

Vandale

Nachwuchs

06.04.2012, 18:47 Uhr

Welcher Politiker gibt seine absichtlichen Fehler zu? Frau Merkel nie! Sie wird weiter nach Belastungen für Deutsche suchen! Wann werden Staatsfeinde Nr. 1 per Gesetz automatisch vor Gericht gestellt?

Kattskralle

06.04.2012, 20:12 Uhr

Das Problem ist nun mal daß unsere bestehende zentralistische "planwirtschaftliche" Infrastruktur nicht mit einem freien System harmoniert das "einen freien Markt" voraussetzt.

Was wir brauchen ist ein inttelligentes Netz in dem Preisunterschiede unmittelbar durchgereicht werden. Dazu elektrische Verbraucher die selbständig "Nidrigpreis=Überangebotphasen" erkennen und diese nutzen - bzw. auch "Hochpreis=Mangelphasen" entsprechend meiden.

Alle reden hier ja sonst von Marktwirtschaft und besingen (zu Recht!) den Markt - und dann sind diese Leute nicht in der Lage zu begreifen daß Produktion und Distribution von Strom derzeit strukturell die tiefste "dunkelrote-Planwirtschaftskiste" darstellt?
Angebot/Nachfrage steuert man über den Preis!

Beispiel: Der Wind weht und es kommt (zu)viel Strom ins Netz. Der Preis für Strom geht zunehmend gegen Null. Wer clever ist programmiert flexibel einsetzbare Verbraucher wie Waschmaschine/Wäschetrockner/Speicherheizung/Geschirrspüler... usw. so daß diese erst unter einem bestimmten "Maximalpreis" anschalten. Schließlich ist es ja bei vielen elektrischen Verbrauchern egal wann sie ihre Arbeit innerhalb eines zu definierenden Zeitfensters erledigen. So werden Spitzen genommen und damit die Versorgung abgesichert.


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