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27.07.2013

22:17 Uhr

Entscheidung gefallen

Siemens-Chef Löscher muss gehen

Das Schicksal von Peter Löscher ist besiegelt. Siemens teilte am Samstagabend nach Krisensitzungen des Aufsichtsratspräsidiums mit, dass er den Chefsessel räumen muss. Der Nachfolger steht angeblich bereits fest.

Siemens-Chef Peter Löscher: Der Manager muss seinen Posten räumen.

Siemens-Chef Peter Löscher: Der Manager muss seinen Posten räumen.

MünchenNach dem Wirbel um die neuerliche Gewinnwarnung bei Siemens muss Konzernchef Peter Löscher gehen. Der Siemens-Aufsichtsrat werde in seiner Sitzung am 31. Juli 2013 das vorzeitige Ausscheiden des Vorstandsvorsitzenden beschließen und über seine Nachfolger entscheiden, teilte das Unternehmen am Samstagabend in einer spärlichen Pressemitteilung in München mit. Einen Namen nannte das Unternehmen nicht. Doch die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf Informationen aus mit dem Vorgang vertrauten Personen, dass sich eine Mehrheit des Aufsichtsgremiums für den amtierenden Finanzchef Joe Kaeser als Nachfolger Löschers ausgesprochen hat.

Schon vor der Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums waren Löscher nur noch geringe Chancen auf einen Verbleib im Amt zugebilligt worden. „Es müsste ein Wunder geschehen, damit er im Amt bleibt“, sagte ein Siemens-Manager gegenüber Handelsblatt Online. Das Unternehmen brauche nun vor allem Ruhe, die aber habe es mit Löscher nicht mehr gegeben. Auch deshalb werde es erst einmal eine interne Lösung geben.

Auch, wenn manche Kaesers offene Art als Illoyalität werteten, fùhrte an dem mächtigen Finanzvorstand kaum ein Weg vorbei. „Ohne Kaeser bricht der Laden zusammen“, sagte ein intimer Siemens-Kenner.

Löscher hatte am Donnerstag überraschend seine Rendite-Prognose für 2014 gekippt und sich damit den Zorn des Kapitalmarkts zugezogen. Der Spitzenmanager stand steht wegen der jüngsten Gewinnwarnung und einer Reihe von vorangegangenen Misserfolgen unter wachsendem Druck. Zuletzt hatte sich Löscher noch kampflustig gegeben. „Mir bläst jetzt der Wind ins Gesicht, aber es war noch nie meine Art aufzugeben oder schnell die Segel zu streichen“, hatte er noch in einem am Samstagmorgen in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichten Interview gesagt. „Ich habe einen Vertrag bis 2017, und gerade jetzt ist der Kapitän bei Siemens mehr gefragt denn je.“

Siemens-Geschäftsfelder und ihre Zukunft

Energietechnik

Der Sektor hat dem Vorstand im vergangenen Jahr wohl den meisten Kummer bereitet. Siemens verpatzte den rechtzeitigen Anschluss von Windparks in der Nordsee und musste eine halbe Milliarde Euro Strafe zahlen. Zudem drückt verstärkt asiatische Konkurrenz auf den Markt für Transformatoren. Siemens reagierte auf den wachsenden Preisdruck mit dem Abbau Tausender Stellen.

Sortieranlagen

Nach Löschers Ansicht wirft das Geschäft mit Sortieranlagen für Postzentren und Flughäfen mit einer Rendite um die fünf Prozent bei Jahresumsätzen von 900 Millionen Euro zu wenig ab. Der Konzern sucht nun nach einem Käufer für das Segment, rund 3600 Mitarbeiter sind betroffen.

Wasseraufbereitung

Ein ähnliches Schicksal wie die Sortieranlagen-Sparte trifft auch die Wasseraufbereitungstechnik. Als Ausrüster von Wasserwerken setzt Siemens zwar rund eine Milliarde Euro um, unter dem Strich bleibt allerdings nur ein einstelliger Millionenbetrag hängen. Die Einheit soll verkauft werden.

Solarenergie-Technik

Der Ausflug in die Solarenergie-Technik erwies sich für die Münchner als teurer Flop. Mit dem Kauf der israelischen Solel für 418 Millionen Dollar und dem Erwerb von Anteilen an der italienischen Archimede wollte Siemens bei der solarthermischen Stromerzeugung mitmischen. Der Markt etablierte sich nie, Solel machte mehr Verlust als Umsatz. Die Anteile an Archimede hat Siemens bereits zurückgegeben, für Solel wurde ein Abnehmer gesucht.

Industriesoftware

Das Geschäft mit Computerprogrammen für die Industrie hat Siemens in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Für die Übernahme der belgischen LMS etwa zahlte der Konzern 680 Millionen Euro. Insgesamt elf solcher Softwareschmieden hat Siemens für zusammen mehr als vier Milliarden Euro gekauft.

Osram

Siemens verschenkt die große Mehrheit seiner Leuchtmittel-Tochter an die eigenen Aktionäre. Gut 80 Prozent sollen die Eigentümer behalten, der Rest bleibt bei der Mutter und deren Pensionsfonds. Siemens will in das Lampengeschäft nicht mehr investieren, Pläne für einen IPO waren gescheitert. Osram steckt selbst in der Sanierung, zunächst soll es keine Dividende geben. Zwischen 7300 und 8000 Stellen sollen weltweit abgebaut werden, einige Standorte geschlossen werden. Die Börsennotierung erfolgte Anfang Juli. Osram macht einen Jahresumsatz von gut fünf Milliarden Euro und erwartet für das laufende Geschäftsjahr wegen der Sanierungskosten Verlust.

Nokia Siemens Networks

Problem gelöst: Seinen Anteil an Nokia Siemens Networks hat der Münchner Konzern im Juli 2013 komplett an den finnischen Partner abgegeben.

Sein Stern sank allerdings rapide. Die Gewinnwarnung vom Donnerstag markierte einen weiteren Tiefpunkt in einer langen Reihe von Misserfolgen in Löschers Amtszeit. Sie begann mit dem überteuerten Einkauf des Labordiagnostikgeschäfts, führte über die überhastete und letztendlich teure Trennung vom französischen Atom-Partner Areva und mündete jüngst in einer Reihe von technischen Pannen, die Siemens wieder und wieder die Bilanz verhagelten. Anschlüsse von Windparks in der Nordsee bekamen die Münchner nicht hin. Den von Löscher hoch und heilig versprochenen Liefertermin für neue ICE-Züge an die Deutsche Bahn verfehlt der Konzern um mehr als ein Jahr. In den USA brachen Windturbinen auseinander, die Reparatur schlägt allein mit gut 100 Millionen Euro zu Buche. Selbst mit Übernahmen hatte Löscher wenig Glück. Das zusammengekaufte Solargeschäft erwies sich nach nur wenigen Jahren als Totalausfall, der verlustreiche Zweig wurde geschlossen.

Kommentare (7)

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Account gelöscht!

27.07.2013, 22:10 Uhr

Sehr, sehr spät hat sich Siemens von dieser Katastrophe Löscher getrennt. Branchenfremder BWLer mit Pseudo-Ami-Manieren aus der dritten Reihe in die erste gespült, dank Hr. Cromme.

Managment by walking around, daß war Löscher.

Siemens geht es von nun an sicher besser und die Aktionäre werden das am Montag sofort bestens quittieren.

Account gelöscht!

27.07.2013, 22:15 Uhr

Ich wäre da vorsichtiger. Der Große Wertvernichter Erster Klasse am Bande, Herr Cromme, scheint an Bord zu bleiben.

Der ist viel gefährlicher als der eher harmlos-trottelig daherkommende Österreicher, der so gar keine Ahnung vom Geschäft hatte.

Prof_MH

27.07.2013, 22:18 Uhr

Exakter kann man's nicht formulieren.

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