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26.10.2016

10:43 Uhr

Entwicklungszentrum Digital Lab

Silicon Volkswagen in Berlin

VonStefan Menzel

Volkswagen hat in Berlin ein neues Zentrum für die Software-Entwicklung eingerichtet. Das sogenannte Digital Lab soll den Konzern mit frischer Software versorgen – und so die Digitalisierung von Volkswagen vorantreiben.

Mehr als 100 Mitarbeiter sollen in Berlin künftig die Digitalisierung des VW-Konzerns vorantreiben. dpa

VW-Chef Müller im Digital Lab

Mehr als 100 Mitarbeiter sollen in Berlin künftig die Digitalisierung des VW-Konzerns vorantreiben.

BerlinDas Friedrichshainer Spree-Ufer gehört sicherlich zu den besseren Adressen im früheren Ost-Berlin. In einem der alten Speichergebäude am Osthafen hat der Volkswagen-Konzern eine für einen Automobilhersteller ganz besondere Abteilung untergebracht. Dort residiert die jüngste konzerneigene Software-Schmiede des Wolfsburger Konzerns, das sogenannte Digital Lab.

Die gesamte Automobilindustrie steht vor einem umfassenden Umbau: Digitalisierung, Autonomes Fahren, der Wandel zum Mobilitätsanbieter – überall wächst der Bedarf an zusätzlichem IT- und Software-Wissen. Volkswagen gründet deshalb überall auf der Welt neue, hoch spezialisierte Stützpunkte, die sogenannten Labs. Berlin bekommt das Zentrum für die Software-Entwicklung. Aktuell arbeiten dort gut 50 Fachkräfte, bis Ende kommenden Jahres sollen es mehr als 100 werden.

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Konzerne stecken so viel Geld wie nie zuvor in Forschung und Entwicklung, vor allem in den USA. Das zeigt eine neue Studie. Insgesamt ist eine Verschiebung der Budgets weg von produktbasierter Forschung zu beobachten.

Zur Eröffnung des neuen Digital Labs am Dienstagabend kam der Vorstandsvorsitzende nach Berlin. Für VW-Chef Matthias Müller sind die Labs des Konzerns unverzichtbar für die Neuausrichtung von Volkswagen geworden. „Wir sind auf einem guten Weg, das Riesen-Unternehmen Volkswagen zu transformieren“, betonte er.

Ein Lab wie in Berlin trage dazu bei, die Arbeitsweisen im Unternehmen einer neuen digitalisierten Welt anzupassen. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis die neuen Produkte wie etwa bei Mobilitätsdiensten tatsächlich „in Serie gehen“. Neuentwicklungen wie etwa aus Berlin trügen auch dazu bei, dass Volkswagen seine Kunden besser verstehen lernt.

Die Kosten des Dieselskandals für Volkswagen

Teure Folgen

Für die jüngste Einigung mit US-Klägern in Sachen Dieselskandal muss der Volkswagen -Konzern eine weitere milliardenschwere Last schultern. Mindestens 1,2 Milliarden Dollar (umgerechnet 1,1 Milliarden Euro) muss der Konzern rund 80.000 Besitzern großer Dieselautos in den USA mit umweltbelastenden Drei-Liter-Motoren an Schadenersatz und für den Rückkauf eines Teils der Fahrzeuge bezahlen. Die Kosten könnten nach Gerichtsangaben auf umgerechnet bis zu 3,7 Milliarden Euro steigen, sollten die US-Umweltbehörden die Reparatur eines Großteils der Wagen nicht abnehmen. VW selbst geht davon aus, dass die Reparaturen genehmigt werden.

Knapp vier Milliarden Euro müssen die Wolfsburger bereits für Strafen und Bußen in den USA hinblättern. VW hat mitgeteilt, dass dies die bisherigen Rückstellungen übersteigt und die Ergebnisse 2016 belasten könne. Bisher hat der Konzern 18,2 Milliarden Euro für den Skandal um weltweit millionenfach manipulierte Abgaswerte bei Dieselautos zur Seite gelegt. Doch abschließend sind die Kosten noch nicht zu beurteilen. Analysten schätzen, dass der Skandal am Ende zwischen 25 und 35 Milliarden Euro kosten könnte. Die größte Unsicherheit geht von den vielen Anlegern aus, die VW vorwerfen, sie zu spät über Dieselgate informiert zu haben und deshalb Schadenersatz fordern.

Vergleich mit US-Kunden zu größeren Motoren

Kurz vor Weihnachten klopfte VW mit den US-Umweltbehörden einen Kompromiss über die Schadenersatzansprüche für etwa 80.000 Diesel-Wagen mit 3,0-Liter-Motoren fest. Ein Viertel der Geländewagen von Audi, VW und Porsche soll zurückgekauft und weitere knapp 60.000 umgerüstet werden, sobald die Behörden die Freigabe für die technische Lösung erteilen. Die Höhe der Kosten bezifferte Volkswagen nun mit etwa 1,2 Milliarden Dollar. Zuvor waren sie auf eine Milliarde Dollar geschätzt worden. Schultern muss die Kosten die Tochter Audi, weil sie die 3-Liter-Motoren entwickelt hat. Der nächste Gerichtstermin zur vorläufigen Genehmigung ist für den 14. Februar angesetzt.

Strafzahlung in den USA

Mit dem US-Justizministerium einigte sich Volkswagen Anfang Januar auf eine Strafzahlung von 4,3 Milliarden Dollar. Das ist deutlich mehr, als andere Autobauer für Verfehlungen in den USA hinlegen mussten, und auch mehr, als Analysten erwartet hatten.

Vergleich mit US-Kunden zu kleineren Motoren

Im Oktober einigte sich VW mit Hunderten Sammelklägern, Behörden und US-Bundesstaaten über die Höhe der Entschädigung für Käufer von Autos mit den kleineren 2,0-Liter-Dieselmotoren. Das kostet den Konzern bis zu 15,3 Milliarden Dollar (14,5 Milliarden Euro). Der größte Teil entfällt auf den Rückkauf der bis zu 475.000 Fahrzeuge, für den gut zehn Milliarden Dollar reserviert sind. Die tatsächlichen Kosten hängen aber davon ab, wie viele Dieselbesitzer ihre Wagen zurückgeben. Bis vor Weihnachten hatten 104.000 Besitzer in den Rückkauf eingewilligt. Eine Alternative ist die Reparatur der Fahrzeuge. Bisher hat VW die Genehmigung für die Umrüstung von rund 70.000 Autos mit 2,0-Liter-Motor.

Zahlreiche US-Bundesstaaten wollen zudem zivilrechtlich versuchen, einen höheren Schadensersatz durchzusetzen, weil sie mit dem Vergleich nicht zufrieden sind. Dabei geht es um Hunderte Millionen Dollar.

Entschädigung für US-Händler

Seinen rund 650 US-Händlern zahlt VW insgesamt 1,21 Milliarden Dollar Entschädigung, weil sie seit fast einem Jahr keine Dieselautos mehr verkaufen durften. Der Vereinbarung zufolge kauft VW unverkäufliche Diesel-Autos von den Händlern zurück, hält an Bonuszahlungen fest und verzichtet für zwei Jahre auf geforderte Umbauten.

Rückrufe in Europa

Ein großer Brocken ist auch die Umrüstung der rund 8,5 Millionen Dieselautos in Europa. Kostenschätzungen reichen von gut einer bis drei Milliarden Euro.

Entschädigung auch in Europa?

Bundesweit klagen Autobesitzer vor mehreren Gerichten wegen überhöhter Stickoxidwerte auf Rückabwicklung des Kaufs oder Schadensersatz. Allein vor dem Landgericht Braunschweig sind knapp 226 solcher Klagen anhängig. Die auf Verbraucherschutzverfahren spezialisierte Onlineplattform MyRight, die mit der US-Kanzlei Hausfeld zusammenarbeitet, reichte zu Jahresbeginn die erste Musterklage ein. Eine finanzielle Entschädigung der Kunden in Europa lehnt VW ab, obwohl sich Forderungen nach einem ähnlichen Vergleich wie in den USA mehren. Sollten diese dennoch fällig werden, könnte das Volkswagen wegen der viel größeren Zahl betroffener Kunden im Vergleich zu den USA finanziell ruinieren, fürchten Experten. Der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler geht von einem Wertverlust in einer Größenordnung von 500 Euro je Fahrzeug aus.

Vergleich in Kanada

Kanadischen Kunden zahlt VW 2,1 Milliarden kanadische Dollar an Schadenersatz für Dieselautos mit manipulierter Abgasreinigung

Aktionärsklagen

Weltweit sieht sich Volkswagen zudem mit milliardenschweren Schadensersatzklagen von Investoren und Kleinaktionären konfrontiert. Die Inhaber von Aktien und Anleihen werfen Volkswagen vor, zu spät über das Ausmaß des Abgasskandals informiert zu haben und wollen einen Ausgleich für Kursverluste durchsetzen. Zu den Klägern gehören große US-Pensionsfonds, der Norwegische Staatsfonds, aber auch der Versicherungskonzern Allianz und die Dekabank. Auch die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen klagen wegen Kursverlusten von Pensionsfonds. Beim Landgericht Braunschweig liegen mehr als 1500 Klagen über insgesamt 8,8 Milliarden Euro vor. Dazu soll es ein Musterverfahren vor dem OLG Braunschweig geben. Anlegerklagen muss sich VW auch in den USA stellen.

Teure Anwälte

Die Scharen an Anwälten, die Volkswagen weltweit wegen des Dieselskandals beschäftigt, kosten ebenfalls viel Geld. Der Autoexperte Pieper geht von bis zu einer Milliarde Euro aus, sein Kollege Ellinghorst schätzt die Anwaltskosten auf mehrere hundert Millionen. Auch gegnerische Anwälte muss VW bezahlen – zum Beispiel 175 Millionen Dollar an Juristen, die in den USA die 475.000 Auto-Besitzer mit manipulierten 2,0-Liter-Motoren vertreten hatten.

Quelle: Reuters

Das Lab vom Berliner Spree-Ufer soll den gesamten Volkswagen-Konzern mit neuen Ideen aus der Software-Entwicklung versorgen. Am Ende können mit Hilfe von selbst lernenden Algorithmen Produkte herauskommen, die etwa Staus vermeiden helfen und für einen besseren Verkehrsfluss sorgen. Software-Produkte zur Unfallvermeidung sind ein anderes Beispiel, für das sich die Berliner Spezialisten von Volkswagen interessieren.

In Spanien bereitet das Unternehmen einen ersten groß angelegten Feldversuch mit der Stadtverwaltung von Barcelona vor, wo genau solche Produkte ausprobiert werden sollen. Der VW-Konzern nutzt dabei den Vorteil, dass seine spanische Tochtermarke Seat ihren Hauptsitz in der Nähe von Barcelona hat.

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