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22.07.2012

12:41 Uhr

Ermittlungen in Japan

Tepco-Führungspersonal ließ Messgeräte manipulieren

Das umstrittene Energieunternehmen Tepco, in dessen Kernkraftwerk es im März 2011 zur Atomkatastrophe kam, steht erneut in den Schlagzeilen. Die japanische Regierung hat nun Ermittlungen in Auftrag gegeben.

Arbeiter des havarierten Atromkraftwerks Fukushima. dapd

Arbeiter des havarierten Atromkraftwerks Fukushima.

TokioJapanische Behörden haben Ermittlungen wegen des Verdachts auf Vertuschung über die Höhe der Strahlenwerte bei den Aufräumarbeiten in Fukushima Daiichi eingeleitet. Medien hatten berichtet, dass Arbeiter angehalten worden seien, ihre Strahlenmessgeräte zu manipulieren, damit sie länger in dem havarierten Atomkraftwerk bleiben konnten.

Der Präsident eines Subunternehmers der Betreibergesellschaft Tepco, Build-Up, der mit den Aufbauarbeiten beauftragt wurde, räumte am Wochenende ein, dass ein Vorgesetzter Ende vergangenen Jahres seine neun Arbeiter angewiesen habe, die Geräte mit Bleiplatten abzudecken, damit eine geringere Strahlung angezeigt werde.

"Wir hätten das niemals tun sollen", sagte Takashi Wada dem Sender TBS. Das Täuschungsmanöver soll nur eines von vielen sein, mit denen die Öffentlichkeit seit dem Erdbeben und anschließenden Tsunami im März vergangenen Jahres über den Reaktorunfall getäuscht wurde. Dennoch sind die am Wochenende eingeleiteten Ermittlungen die ersten der Regierung in diesem Fall.

Das Ablesen von Dosimetern ist unerlässlich für Arbeiter in Kernkraftwerken, um deren Strahlenexposition festzustellen. Ein Behördenvertreter erklärte, Mitarbeiter des Arbeitsministeriums hätten die Strahlenmessgeräte und andere Aufzeichnungen vor Ort überprüft.

Die japanische Regierung hatte die Obergrenze für eine Strahlenexposition bei Notfällen nach dem Unfall vorübergehend mehr als verdoppelt, im Dezember aber wieder auf das ursprüngliche Niveau gesenkt. In den japanischen Strahlenschutzregelungen ist nunmehr ein oberer Grenzwert von 50 Millisievert pro Jahr oder 100 Millisievert über einen Zeitraum von fünf Jahren festgelegt.

Das Gesundheits- und Arbeitsministerium hatte Tepco während der ersten Monate nach der Reaktorkatastrophe wiederholt wegen der laschen Kontrolle der zulässigen Strahlenexposition für Arbeiter in Kernkraftwerken verwarnt. Demzufolge mussten Arbeiter sich teilweise ein Dosimeter auch lange nach dem Unfall, als der Engpass bei Strahlenmessgeräten längst behoben war, noch teilen.

Von

dapd

Kommentare (2)

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vandale

22.07.2012, 13:57 Uhr

Mitarbeiter kerntechnischer Einrichtungen, aber auch strahlenexponierte Personen anderer Branchen, wie der Medizintechnik müssen während ihrer Tätigkeit Strahlendosimeter tragen. Das Dosimeter misst dann die empfangene ionisierende Strahlung.

Gesundheitliche Auswirkungen lassen sich wissenschaftlich ab einer einmaligen Dosis von 100 mSv nachweisen. Eine einmalige Dosis von 1 Sv entspricht einem zusätzlichen Todesrisiko von 1%.

Während der Reaktorunfälle wurde die max. Dosis für die Arbeiter an den Anlagen auf 250mSv hochgesetzt. Einige Arbeiter haben radioaktive Dosen teils über 250mSv empfangen, was einem zusätzlichen Risiko vergleichbar mit leichtem Passivrauchen entspricht.

Später wurde die höchstzulässige Dosis wieder herabgesetzt. Die internationale Empfehlung für Arbeiter in kerntechnischen Anlagen liegt bei max. 20mSv/a. Den im Artikel genannten Wert von 50mSv/a sollte man daher mit ein wenig Vorsicht geniessen.

Wenn die Arbeiter ihre Dosimeter abgedeckt haben um länger an den verunfallten Reaktoren arbeiten zu können ist das ähnlich gefährlich wie wenn diese nicht-angeschnallt zur Arbeit gefahren wären. Wenn es sich nicht um pöse Atome un dämonische Atomstrahlen handeln würde, hätte man dies allenfalls in Lokalzeitungen veröffentlicht.

Vandale

Anti-Vandale

26.07.2012, 10:05 Uhr

Wenn alles mit rechten Dingen zu geht und man in einer intakten kerntechnischen Einrichtung arbeitet magst Du ja Recht haben. Ich habe als Schüler auch schon ein Kernkraftwerk besucht und kann trotzdem noch gut schlafen. Wenn aber der Reaktorblock explodiert ist, dann kann ein Aufenthaltsort von wenigen Metern schon zwischen tödlicher Dosis innerhalb von Minuten und "normaler" Arbeitsumgebung entscheiden. In so einem Umfeld Dosimeter abzudecken ist ja wohl fachlich das dümmste was man tun kann. Wenn jemand trotz Überschreitung der Grenzwert sich selbst zum wohle der Algemeinheit weiter in Gefahr begeben will, dann sollte er es besser auf Basis realer Messwerte tun und sich nicht selbst betürgen. Aus sicht des Unternehmens geht es hier wohl auch kaum um altruistische Gründe, wie die Befölkerung zu schützen, sondern darum dass der Mitarbeiter dann keine finanziellen Forderungen stellen kann, die bei deutlicher Überschreitung wohl fällig wären. Das ist die besondere Frechheit. Gehen wir mal von sehr grosszügigen 1000 MA mit deutlicher Dosisüberschreitung aus, die alle 1 Mio EUR bekommen. Dann wäre man immer noch ein einer im Vergleich zum Gesamtschaden lächerlichen Summe von 1 Mrd EUR. Mich würde nicht wundern, wenn der volkswirtschaftliche Gesamtschaden durch den Atomunfall (incl. Abschalltung aller Japanischer AKWs für lange Zeit!)am Ende um die 100 Mrd EUR liegt. Die Gesamtschäden des Tsunami sicher weit darüber. Gegenüber den Arbeiter die sich für die Gesellschaft teilweise opfern wäre also etwas mehr Ehrlichkeit und Fairness angebracht. Volkswirtschaftlich sind Entschädigungen ja auch nicht ganz verlohren, da sie teilweise durch Konsum in den Wirtschaftskreis zurückfliessen und Sozialsysteme entlasten.

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