Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.01.2010

22:30 Uhr

Ernährungsindustrie

Gesundheitskost statt Preisschlacht

VonChristine Weissenborn

Joghurt gegen Grippe, Kaugummis gegen Schweißgeruch: Um dem ruinösen Preiskampf zu entgehen, setzt die Ernährungsindustrie auf Lebensmittel mit Zusatznutzen. Das zeigt auch die Verbrauchermesse Grüne Woche, die am Freitag in Berlin ihre Pforten geöffnet hat. Unstrittig ist bislang allerdings allein die heilsame Wirkung des sogenannten Functional Foods auf die Margen der Hersteller.

Bundeslandwirtschaftsminister Ilse Aigner (CSU) bei der Eröffnung der Grünen Woche. dpa

Bundeslandwirtschaftsminister Ilse Aigner (CSU) bei der Eröffnung der Grünen Woche.

BERLIN. Die Lage in der deutschen Ernährungsindustrie spitzt sich zu. Ein Dutzend Mal posaunte der Einzelhandel im letzten Jahr: Preise runter. Ein Dutzend Mal frohlockte der Verbraucher - die Nahrungsmittelhersteller allerdings ächzten bei jeder Rabattaktion. "Die Abwrackprämie ist nichts gegen das Konjunkturpaket, das die Ernährungsindustrie den Verbrauchern zur Verfügung gestellt hat", sagte der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Jürgen Abraham, am Mittwoch in Berlin auf der Eröffnungspressekonferenz zur 75. Grünen Woche. Deshalb versuchen die Hersteller nun, über Produktinnovationen ihre Margen zu retten.

Auf Kosten der Industrie sei der Verbraucher um sechs Milliarden Euro entlastet worden, so Abraham - und der Branchenumsatz sei 2009 eingebrochen wie noch nie zuvor: Er sank im Vergleich zum Vorjahr um rund vier Prozent auf 149,8 Mrd. Euro. Abraham forderte deshalb, wie auch Bauernpräsident Gerd Sonnleitner, mit der "Verschleuderung von Lebensmitteln und dem ruinösen Preiswettbewerb" Schluss zu machen.

Das ist aber leichter gesagt als getan. So rechnen zwar 70 Prozent der Betriebe, die in Deutschland rund 535 000 Menschen beschäftigen, mit steigenden Rohstoff- und Energiekosten. Aber nur 15 Prozent glauben laut BVE, dies an den Groß- und Einzelhandel weitergeben zu können. Den Handel durch Lieferstopp zur Preisanhebung zu zwingen ist gleichfalls aussichtslos: Die Bänder in der Industrie laufen nämlich weiter.

Um dennoch profitabler zu werden, bieten die Unternehmen daher verstärkt Lebensmittel mit Zusatznutzen an, Functional Food genannt. Der Vorteil: Für die neuen Zwitterprodukte, angesiedelt zwischen Kosmetik, Lebensmittel und Apothekerpille, lassen sich höhere Preise verlangen. Ob sie auch dem Verbraucher einen zusätzlichen Nutzen bringen, ist allerdings häufig umstritten.

Zwischen Pharmazie und Scharlatanerie

"Functional Food bewegt sich im Spannungsbogen von Pharmazie und Scharlatanerie", sagt Klaus Rättig, Partner bei der Unternehmensberatung Alix Partners. So sollen probiotische Joghurts Erkältungen vorbeugen, präbiotische Milchprodukte den Darm in Schwung bringen. Ein ACE-Vitamindrink hilft angeblich gegen Krebs. In Ländern wie Japan und den USA wird bereits "Brain Food" für bessere Denkleistungen und "Beauty Food" für die Schönheit angeboten. Die Europäer geben mittlerweile mehr als drei Mrd. Euro für diese prosperierende Gattung aus, Deutschland ist dabei der größte Markt.

Einige Experten kritisieren den Trend scharf. "Wenn man krank ist, sollte man besser in die Apotheke gehen als in den Supermarkt", schimpft etwa Martin Rücker von Foodwatch. Kein Mensch brauche Functional Food, um sich gesund zu ernähren.

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Daniel

16.01.2010, 00:43 Uhr

So lange dem Verbraucher am Ende nicht nur die Wahl bleibt zwischen überteuerter "Funktionsnahrung" und überteuerten bioprodukten - denn beide haben gemein, dass die positive Wirkung auf die Gesundheit mindestens nicht ganz unumstritten ist - ist das ok. ich persönlich möchte aber weder teures Wasser mit besonders viel Sauerstoff (bin ich ein Fisch ?) noch möchte ich irgend ein anderes Nahrungsmittel, das haarscharf an der bezeichnung Medikament vorbeigeschrammt ist. ich möchte eigentlich nur die Möglichkeit haben Lebensmittel zu kaufen auf denen nicht mehr drin ist als draufsteht.

Floyd

16.01.2010, 08:58 Uhr

Nun ist es den Alchimisten doch noch gelungen, aus Schrott Gold zu machen. Und ich wundere mich darüber, warum ich im Alter beginne Lebensmittelallergien zu entwickeln...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×