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01.09.2014

07:34 Uhr

Erneuter Rückschlag

Finnischer Siemens-Reaktor erst 2018 einsatzbereit

Rückschlag für Siemens: Der im Bau befindliche finnische Atomreaktor Olkiluoto-3 soll erst 2018 ans Netz gehen. Eigentlich hatte der deutsche Industrieriese bereits vor fünf Jahren mit der Fertigstellung gerechnet.

Der einzige Atomkraftwerkneubau Europas: Olkiluoto-3 an Finnlands Westküste nahe Rauma. Nun soll der Reaktor erst 2018 ans Netz gehen. Reuters

Der einzige Atomkraftwerkneubau Europas: Olkiluoto-3 an Finnlands Westküste nahe Rauma. Nun soll der Reaktor erst 2018 ans Netz gehen.

Helsinki/Paris/MünchenFür Siemens ist das unrentable Projekt der letzte Bau aus der Zusammenarbeit mit dem französischen Areva-Konzern, der bei dem Konsortium in Finnland die Federführung hat. Der Münchner Technologiekonzern hat sich mittlerweile aus dem Atom-Geschäft zurückgezogen. Siemens verdient an dem Bau des Druckwasser-Reaktors praktisch nichts mehr und musste bereits dreistellige Millionenbeträge auf das Projekt abschreiben.

Mit einer Verspätung von neun Jahren soll der europäische Druckwasserreaktor (EPR) des französischen Konzerns Areva in Finnland nun 2018 ans Netz gehen. Der Bau des EPR in Olkiluoto werde Mitte 2016 abgeschlossen, dann folgten zunächst Tests und 2018 dann die Inbetriebnahme, teilte Areva in der Nacht zum Montag in Paris mit. Der Verlust wegen gestiegener Baukosten und der Verzögerungen belaufe sich voraussichtlich auf 3,9 Milliarden Euro; diese Summe war bereits bekannt. Der künftige Betreiber des Atomreaktors, der finnische Stromkonzern TVO, hatte bereits seit mehr als einem Jahr auf ein Datum gedrungen.

Stärken und Schwächen von Siemens

Stärke 1

Dividendenstärke

Seit einigen Jahren gilt bei Siemens das Ziel, einen Anteil von 40 bis 60 Prozent des Gewinns nach Steuern auszuschütten, deutlich mehr als früher. Für 2013 gab es wieder eine Dividende auf dem Rekordniveau von drei Euro. Dies entspricht einer Ausschüttungsquote von 57 Prozent.

Stärke 2

Aufträge

Der Auftragseingang, also die Umsätze von morgen, legte im abgelaufenen Geschäftsjahr um acht Prozent auf 82,4 Milliarden Euro zu.

Stärke 3

Ertragsperlen

Die Medizintechnik, der kleinste der vier Siemens-Sektoren, glänzte im vergangenen Geschäftsjahr nicht nur mit der höchsten operativen Umsatzrendite. Auch in absoluten Zahlen lieferte die Medizintechnik mit einem operativen Ergebnis (Ebitda) von zwei Milliarden Euro den höchsten Gewinnbeitrag.

Schwäche 1

Abhängigkeit von Europa

Was in Boomzeiten ein Vorteil ist, wird zum Nachteil, wenn die Konjunktur lahmt – die starke Position von Siemens in Europa. In Südeuropa etwa können die Schuldenstaaten derzeit nur noch wenige große Infrastrukturprojekte anstoßen. Das bekommt auch Siemens zu spüren.

Schwäche 2

Fehlende Innovationskraft

Es gibt Zweifel an der Innovationskraft von Siemens – trotz 60.000 neuen Patenten im Jahr. Denn der Konzern erzielte zuletzt mit seinen Geschäften nur eine Bruttomarge von 27,4 Prozent. Nach Einschätzung von Konzernchef Joe Kaeser ist dies ein Anzeichen dafür, dass Siemens mit seinen Produkten nicht die Preise erzielen kann, die man gerne hätte. Die Produkte sind womöglich nicht immer innovativ genug.

Schwäche 3

Sonderlasten

Vor allem schlecht gemanagte Großprojekte verhageln dem Konzern seit Jahrzehnten die Ergebnisse. 2013 war es besonders arg. Die anhaltenden Probleme bei der Anbindung der Offshore-Windparks an das Stromnetz auf dem Festland, die verspätete Auslieferung von ICE-Zügen, der Ausstieg aus dem Solargeschäft und andere Pannen verursachten im Konzern fast 900 Millionen Euro an Sonderaufwendungen.

Areva warnte, der nun genannte Fahrplan beruhe auf „Annahmen“ und auf dem Engagement von TVO - vor allem im Hinblick auf die Abnahme durch die finnische Atomsicherheitsbehörde Stuk. Areva und TVO streiten vor der Internationalen Handelskammer in Paris über das Projekt - beide verlangen vom jeweiligen Partner Entschädigungszahlungen. Eine Entscheidung wird im kommenden Jahr erwartet.

Die anderen EPR-Projekte von Areva in Frankreich und China hätten in diesem Jahr „bedeutende Fortschritte gemacht“, erklärte der französische Konzern. In Taishan in China seien 95 Prozent der Bauteile des ersten Reaktors sowie die Schaltzentrale geliefert. In Flamanville in Frankreich soll der EPR 2016 ans Netz gehen.

Die neuerlichen Verzögerungen beim Bau des Atomreaktors in Finnland schlagen sich zunächst nicht weiter in den Zahlen von Siemens nieder. Die Risikovorsorge berücksichtige bereits Unsicherheiten im Terminplan, erklärte ein Konzernsprecher am Montag. Die Arbeiten im konventionellen Kraftwerksabschnitt seien praktisch vollständig abgeschlossen. Siemens warte auf seinen Konsortialpartner Areva, um mit der Inbetriebnahme des Gesamtkomplexes an der finnischen Ostseeküste beginnen zu können.

Kommentare (1)

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Herr Thomas Wunsch

01.09.2014, 09:14 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren,
in ihrem Artikel bzgl. der neuen Verzüge im finnischen Atomkraftwerk Olikuoto 3 sind zahlreiche Ungenauigkeiten. Auch im Französischen Flamanville wird ein Reaktor des neuen ERP-Typs errichtet. Damit gibt es einen zweiten Neubau eines Reaktors in Europa. Areva stellt in beiden Fällen die Reaktortechnik. Siemens war Partner im gemeinsamen JV Areva NU ist aber zwischenzeitlich ausgestiegen und entsprechend nur noch in Finnland mit dem Abschluss eines Altauftrages in der Kerntechnik beteiligt.

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