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02.03.2017

17:02 Uhr

Evonik

Klares Ziel: Nummer eins werden

VonBert Fröndhoff

Der künftige Chef Christian Kullmann will Evonik zum „besten Spezialchemiekonzern der Welt“ machen. Das neue Vorstandsteam soll diese nächste Entwicklungsstufe ab Juni zünden. Was steckt hinter der neuen Strategie?

Der künftige Chef Christian Kullmann hat große Pläne für den Konzern. Sepp Spiegl

Evonik

Der künftige Chef Christian Kullmann hat große Pläne für den Konzern.

EssenKlaus Engel konnte sich einen Seitenhieb auf die gerade beliebte Schelte von Managern und deren Gehältern nicht verkneifen. „Es heißt ja immer, die Wirtschaftselite verdiene zu viel und mache sich ein schönes Leben“, sagte der Chef des Chemiekonzerns Evonik bei der Bilanzvorlage in Essen. Dabei würden Verantwortung und Einsatz verkannt, die Chefs von globalen Unternehmen für die Belegschaft und deren Zukunftsperspektive zeigten. „Die gibt man schließlich nicht am Abend oder am Wochenende an der Garderobe ab“, sagte Engel.

Die Entbehrungen, die der Job eines Vorstandsvorsitzenden mit sich bringt, muss der Evonik-Chef nicht mehr lange tragen. Nach der Hauptversammlung am 23. Mai wird er den Chefposten an seinen Stellvertreter Christian Kullmann abgeben. Am Donnerstag präsentierte er zum letzten Mal die Bilanz von Evonik. Er wolle den Weg für eine frühzeitige Nachfolge freimachen, sagte Engel, dessen Vertrag eigentlich noch bis 2018 läuft.

„Es war keine leichte Entscheidung für mich“, sagte der 60-jährige Engel, konkretisierte aber die Beweggründe für seinen Rückzug nicht weiter. Seit acht Jahren steht er an der Evonik-Spitze, hat den ursprünglichen Mischkonzern auf Chemie fokussiert und 2013 an die Börse gebracht. Mitte 2016 gelang ihm der lang erwartete größere Zukauf mit dem Spezialchemiegeschäft von Air Products für 3,8 Milliarden Dollar.

Die größten Chemiekonzerne der Welt

Platz 10

PPG Industries (USA)
Mit 15,33 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet das US-Unternehmen mit Firmensitz in Pittsburgh (Pennsylvania) auf dem zehnten Platz der umsatzstärksten Chemieunternehmen weltweit.
Zu den Produktbereichen gehören Kunstglasprodukte, Kunstharze und Beschichtungswerkstoffe für Raumfahrt, Architektur und Industrie.

Quelle: Unternehmensangaben, Statista 2017 / Gesamtjahr 2016, jeweils letzte verfügbare Angaben

Platz 9

Linde (Deutschland)
Der deutsche Technologiekonzern mit dem Kerngeschäft um Gase und Prozess-Anlagen hat im letzten Jahr 17,83 Milliarden US-Dollar Umsatz gemacht und erreicht so den neunten Platz im Unternehmensranking.

Platz 8

Air Liquide (Frankreich)
Auf Platz acht des aktuellen Rankings landet das führende, französische Unternehmen bei Gasen für Industrie, Medizin und Umweltschutz. 19,08 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz in 2016 machen dies möglich. Mit Linde und Praxair zählt Air Liquide zu den drei größten Industriegasherstellern der Welt.

Platz 7

Henkel (Deutschland)
Der Düsseldorfer Konzern gliedert sich in drei Unternehmensbereiche: Wasch-/Reinigungsmitte, Schönheitspflege und die Klebstoffe und fuhr 2016 einen Jahresumsatz von 19,69 Milliarden US-Dollar ein. In naher Zukunft möchte der Siebtplatzierte sowohl die US-Firma Darex Packaging Technologies für mehr als 1,05 Milliarden US-Dollar übernehmen als auch den mexikanischen Anbieter von Friseurprodukten Nattura Laboratorios aufkaufen. Der Düsseldorfer Konsumgüterkonzern will so vor allem das eigene Friseurgeschäft in Mexiko und den USA ausbauen.

Platz 6

DuPont (USA)
24,6 Milliarden US-Dollar Umsatz und Platz sechs für den Konzern für Chemie, Materialien und Energie. Im Dezember 2015 gaben DuPont und der Konkurrent Dow Chemical bekannt, dass sie fusionieren wollen. Danach soll das Gemeinschaftsunternehmen in drei börsennotierte Unternehmen für Agrarchemikalien, Spezialchemikalien und Kunststoffe aufgespalten werden.

Platz 5

Lyondell Basell (USA)
Im Mittelfeld des Rankings und mit 29,18 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz landet Lyondell Basell. Der weltweit größte Produzent von Polyolefinen und Katalysatoren betreibt zudem Erdölraffinerien und produziert Treibstoffzusätze wie MTBE.

Platz 4

Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien)
Unverändert auf dem vierten Platz befindet sich der saudi-arabischer Chemie- und Metall-Konzern Saudi Basic Industries. Mit 39,5 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz reichte es für Metallkonzern nicht für den Sprung unter die Top-3-Chemiekonzerne. Neben Grundchemikalien wie Methanol und Ethanol stellt das Unternehmen aus dem Nahen Osten auch Düngemittel her.

Platz 3

Dow Chemical (USA)
Mit 48,16 Milliarden US-Dollar Umsatz fiel der zukünftige Fusionspartner von DuPont um einen Platz im Vergleich zum Vorjahr. Die Hauptgeschäftsbereiche des US-Unternehmens aus Midland (Michigan) erstrecken sich auf die Kunststoffherstellung, Vorprodukte für die Wasseraufbereitung, Klebstoffe, Insektiziden, Saatgut und die Herstellung von Grundstoffen wie Chlor und Natronlauge.

Platz 2

Bayer (Deutschland)
Der zweitplatzierte deutsche Konzern (49,2 Milliarden US-Dollar Umsatz 2016) mit Schwerpunkt auf der chemischen und pharmazeutische Industrie plant eine Megafusion mit Monsanto. Damit möchte das Unternehmen seine Agrarchemie-Sparte um genverändertes Saatgut erweitern. Um diese umstrittene Fusion unter Dach und Fach zu bringen, sollen Bayer und Monsanto bereit sein, Firmenteile für 2,5 Milliarden Dollar zu verkaufen.

Platz 1

BASF (Deutschland)
Unveränderter Spitzenreiter mit 60,54 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz: BASF. Der nach Umsatz und Marktkapitalisierung weltweit größte Konzern, mit Hauptsitz in Ludwigshafen am Rhein, wird sich angesichts der Megafusionen in der Branche künftig neu positionieren müssen. Dabei würde aber, laut Unternehmensführung, mehr Wert auf die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Geschäftsfelder, als an Größe an sich gelegt werden.

Die Feier zum zehnjährigen Geburtstag des Evonik-Konzerns im September wird Kullmann als Chef gestalten. Der künftige Vorstandsvorsitzende hielt sich mit Ankündigungen und Kommentaren am Donnerstag in Essen bewusst zurück. „Erwarten Sie nicht, dass ich im Juni die Weltrevolution ausrufen werde“, sagte der 47-Jährige. Aber er hat ein klares Ziel: „Wir wollen aus Evonik den besten Spezialchemiekonzern der Welt machen.“ Kullmann strebt einen „evolutionären Prozess an, der die Überschrift Wachstum und Balance tragen wird“.

Absehbar ist, dass der künftige Vorstandschef die internationale Ausrichtung und Verstärkung von Evonik weiter forcieren wird – also beispielsweise durch mehr lokale Produktion in den Wachstumsregionen. Evonik soll stärker als Weltunternehmen verankert werden. Das gilt nicht nur operativ, sondern auch fürs Image und in Fragen der Arbeitgeberattraktivität. Dazu soll auch eine neue Firmenkultur gehören, die die Organisation und die Entscheidungswege beschleunigen soll, wie es in Firmenkreisen heißt. Diese nächste Entwicklungsstufe von Evonik soll schnellstmöglich von einem neuen Vorstandsteam umgesetzt werden. Das sei der Grund für den vorgezogenen Wechsel an der Spitze, heißt es in den Kreisen weiter. Engel hatte keine neue Amtszeit angestrebt. Für die höheren internationalen Ambitionen spricht auch die Verpflichtung des langjährigen BASF-Vorstandsmitglieds Harald Schwager. Er wird Stellvertreter von Kullmann und ist ab September zuständig für Chemie und Innovation.

Das neue Führungsduo wird auch die Suche nach weiteren Zukäufen vorantreiben. Kullmann wollte dazu am Mittwoch nichts sagen. Er steht aber für einen expansiveren Kurs von Evonik und hat zuletzt schon die beiden Übernahmen des Spezialchemiegeschäfts von Air Products und der Silicasparte von JM Huber  in den USA maßgeblich gestaltet. Luft dazu hätte Evonik: Die Nettofinanzschulden sind trotz der Übernahmen 2016 kaum gestiegen, der Cashflow blieb trotz leichtem Rückgang auf hohem Niveau.

Klar ist: Ohne weitere Zukäufe würde Evonik die im Jahr 2013 ausgegebenen Wachstumsziele nicht erreichen. Danach sollen der Umsatz im Jahr 2018 auf 18 Milliarden Euro und der bereinigte Betriebsgewinn auf drei Milliarden steigen. 2016 sank der Umsatz infolge von Preisrückgängen auf 12,6 Milliarden Euro, der Gewinn ging auf 2,16 Milliarden Euro zurück. Evonik traf damit die Erwartungen der Analysten.

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