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27.01.2012

20:32 Uhr

Exxon-Mobil-Manager Kalkoffen

„Die Angst vor Chemie ist nachvollziehbar“

VonSandra Louven, Regine Palm

Gernot Kalkoffen ist Europachef des weltgrößten Ölkonzerns Exxon-Mobil. Im Interview spricht der Physiker über den Ausbau der Erdgasförderung in Deutschland und die Angst der Bevölkerung vor chemischen Gefahren.

Gernot Kalkoffen: „Chemie ist nicht gleich Gift.“ dpa

Gernot Kalkoffen: „Chemie ist nicht gleich Gift.“

Handelsblatt: Exxon-Mobil hat in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen einen dreistelligen Millionenbetrag in Probebohrungen nach Gas investiert. Doch das Land NRW hat die Genehmigungen dafür auf Eis gelegt. Ist das Geld jetzt verloren?

Gernot Kalkoffen: Das kann man noch nicht sagen. Wir befinden uns immer noch in der Explorationsphase. Wir prüfen, wie viel Gas vorhanden und ob es wirtschaftlich zu fördern ist.

Probleme bereitet Ihnen aber nicht nur die Landesregierung...

Das stimmt. Neben den geologisch-technischen Aspekten müssen wir uns darum kümmern, wie die Akzeptanz verbessert werden kann. Immer dort, wo es neue Projekte gibt, wie etwa jetzt mit der Erkundung neuer Erdgasvorkommen, sind die Bürger beunruhigt.

In Niedersachsen nutzen Sie Fracking doch schon lange – und da gab es nie Probleme.

95 Prozent des Erdgases, das in Deutschland gefördert wird, stammt derzeit aus Niedersachsen. Etwa ein Drittel davon geht heute zurück auf das Frack-Verfahren, das in Niedersachsen seit 50 Jahren sicher angewandt wird. Dort dient es im Wesentlichen der Produktionssteigerung bei der Förderung aus konventionellen Vorkommen. In NRW haben die Menschen bisher keine Erfahrungen mit Gas. In ganz Deutschland gibt es noch keine Produktion von unkonventionellem Gas aus Schiefergestein und Kohleflözen.

Gasförderung: Die Lage in Deutschland

Vorkommen

Erdgas wird bisher in Deutschland aus sogenannten konventionellen Lagerstätten gefördert. Das Gas befindet sich dabei in gut durchlässigen Gesteinen im Erdreich, aus denen es herausströmt. Gas aus „unkonventionellen“ Vorkommen – dazu zählen auch die vermuteten Gasschätze in Nordrhein-Westfalen – muss dagegen erst aus den Gesteinsschichten gelöst werden. Dazu dient das Fracking-Verfahren.

Fracking

Bei den Erdgasvorkommen in Kohleflözen oder Schiefergestein – den unkonventionellen Lagerstätten – werden in dem Gestein mit hohem Wasserdruck Risse erzeugt, die mit Sand offengehalten werden. Dem Wasser werden Chemikalien in minimalen Mengen zugefügt, die als Schmierstoff und zur Desinfektion dienen. Durch die Risse fließt das Erdgas nach oben. Gegen den Einsatz von Chemikalien protestieren Umweltschützer.

Bewährte Methode

Laut Exxon-Mobil wird in Deutschland bereits seit 50 Jahren gefrackt. Insgesamt seien schon rund 300 Maßnahmen in Niedersachsen durchgeführt worden. Dort handelt es sich um konventionelle Vorkommen, das Fracking dient hier der Produktionssteigerung. Im münsterländischen Nordwalde verzichtet Exxon dagegen auf die umstrittene Fracking-Methode.

Das müsste Ihnen doch eher helfen. In den USA, wo bereits zehn Prozent des Gases unkonventionell gefördert wird, kursieren Bilder von brennenden Wasserhähnen im Internet.

Solche Bilder erzeugen Angst. Aber sie haben nichts mit dem Frack-Verfahren zu tun. Unfälle oder Probleme sind häufig die Folge von zu niedrigen Sicherheitsstandards – die sind in Deutschland viel höher als in den USA.

Die Anwohner sorgen sich vor allem wegen der chemischen Zusätze.

Chemie hat in Deutschland immer schon einen schweren Stand gehabt. Sie wird gleich mit Gift in Zusammenhang gebracht. Diese Angst ist gerade im Hinblick auf eine mögliche Verschmutzung des Grundwassers durchaus nachvollziehbar. Umso wichtiger ist unsere Aufklärung.

Was tun Sie?

Wir arbeiten kontinuierlich an einer Verbesserung der Flüssigkeit, die wir für die hydraulische Behandlung des Gesteins benötigen. Im Regelfall besteht sie zu 98 bis 99 Prozent aus Wasser und Sand. Die Anzahl der als giftig gekennzeichneten Bestandteile wurde inzwischen von sieben auf vier verringert. Außerdem haben wir vor rund einem Jahr einen unabhängigen Expertenkreis ins Leben gerufen, der vor allem mögliche Risiken für das Wasser untersucht. Teil dieses umfassenden Prozesses ist auch der Dialog mit 50 bis 60 Interessengruppen. Exxon Mobil wird in den unkonventionellen Lagerstätten nicht fracken, bevor der Expertenkreis grünes Licht gibt – auch nicht zur Explorationszwecken. Die Experten-Einschätzung erwarten wir im März.

Kommentare (5)

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Icke

27.01.2012, 21:16 Uhr

Warum werden die giftigen Chemikalien nicht benannt?

Sehr nett übrigens von Exxon das sie völlig uneigennützig auf eigene Kosten für einen völlig unabhängigen Expertenkreis sorgen, nach dessen Expertise sie sich richten wollen.
Wer soll das glauben - der Osterhase?

Christoph_81

28.01.2012, 11:19 Uhr

Wer mehr über die Erdgasförderung mit dem Hydraulic Fracturing Verfahren wissen möchte, dem sei der Film "Gasland" empfohlen! Klar, dass Exxon das Verfahren unproblematisch sieht, sie erwarten Profit. Wie sehr die Menschen und die Umwelt in den USA unter dem neuen Verfahren zu leiden haben, zeigt der Fim.

vandale

28.01.2012, 17:54 Uhr

Jede Art der Energiegewinnung hat Schattenseiten.

Bei Kohle ist dies offensichtlich, als man Landschaften umgestaltet und eine grosse Menge giftiger Abfälle produziert. Jährlich sterben Tausende Bergleute an Unfällen, 100.000ende sterben vorzeitig an Staublunge in China, Ukraine..

Übertroffen wird die Kohle von den sehr umweltschädlichen Solarzellen und Windmühlen. Allerdings werden dieseUmweltschäden, da ökoreligiös korrekt, nicht veröffentlicht. Zahlen zu den Giftmüllmengen findet man eher zufällig, oder wenn man die Einlagerung des Giftmülls in Herfa Neurode (ehemaliges Salzbergwerk) betrachtet. An Arbeitsunfällen an Solardächern und Windmühlen sterben monatlich mehr Menschen als bei den Reaktorunfällen von Fukushima (5 Insgesamt).

Erdgas zähle ich zu den eher umweltfeundlicheren Energieträgern. Allerdings gibt es weltweit viele Erdgas und Flüssiggasunfälle.

Die geringsten Umweltauswirkungen und die beste Sicherheitsbilanz hat sicherlich die Kernenergie. Aufgrund der hohen Energiedichte ist die Abfallmenge gering. Die Risiken aus dem Betrieb von Kernkraftwerken sind sehr gering.

Vandale

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