Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.04.2013

09:32 Uhr

Fahrgemeinschaften

Die Revolte der Beifahrer

VonLukas Bay

Fahrt eintragen, Mitfahrer finden, Geld sparen: Mit diesem Modell hatte Marktführer Mitfahrgelegenheit.de lange Erfolg. Nun erhebt er Gebühren. Die Kunden toben – und die kostenlose Konkurrenz bringt sich in Stellung.

Mitfahrgelegenheit.de (Carpooling) ist in Deutschland unangefochten Marktführer.

Mitfahrgelegenheit.de (Carpooling) ist in Deutschland unangefochten Marktführer.

DüsseldorfDie Idee ist so einfach wie erfolgreich: Wer eine längere Strecke fährt, nimmt einfach noch jemandem mit. So teilt man sich die Kosten und die Fahrt ist nicht so langweilig, weil man sich unterhalten kann. Der erfolgreichste Vermittler in Deutschland ist dafür die Seite Mitfahrgelegenheit.de.

Doch kurz vor Ostern schockte der Marktführer seine Mitglieder. Wer über die Seite Mitfahrgelegenheit.de nach Mitfahrern suchte, sollte bei Strecken von mehr als 100 Kilometern ab sofort Gebühren bezahlen. 11 Prozent der Einnahmen sollen künftig an den Vermittler gehen. Zu viel, meinen einige Nutzer, seitdem tobt der Shitstorm. Bereits 5.200 Mitglieder sind der Facebook-Gruppe „Mitfahrgelegenheit.de Boykott“ beigetreten. Hunderte drohen damit ihr Konto zu löschen und zur Konkurrenz abzuwandern.

Doch bisher halten sich die Auswirkungen für die Betreibergesellschaft Carpooling laut eigenen Aussagen in Grenzen. „Wir können keinen signifikanten Rückgang der Nutzerzahlen feststellen“, sagt Thomas Rosenthal, Sprecher von Mitfahrgelegenheit.de. Die neuen Gebühren seien nötig, um den Service auszubauen und das Wachstum des Unternehmens auch international voranzutreiben. Mit 4,5 Millionen Mitgliedern, davon 1,5 Millionen in Deutschland, ist Mitfahrgelegenheit mit großem Abstand das größte Mitfahrportal Europas. Als 2010 der große Konkurrent Mitfahrzentrale.de übernommen wurde, beherrschte Carpooling 95 Prozent des Marktes. Mittlerweile holt die Konkurrenz wieder auf.

Was alles geteilt wird

Autos

Die wohl bekannteste Art des Teilens ist das Carsharing: Dutzende Unternehmen sind mittlerweile am Markt. Portale wie Tamyca und Carzapp wollen den Austausch zwischen Privatleuten fördern, die großen Autohersteller und die Deutsche Bahn setzen auf Modelle, die eher der klassischen Vermietung ähneln. Allen gleich ist, dass Nutzer auf den Kauf eines eigenen Autos verzichten können, wenn es nur genügend Leihmöglichkeiten in der Nähe gibt.

Mitfahrgelegenheiten

Fahrgemeinschaften gibt es schon seit Jahrzehnten, doch Online-Portale erleichtern die Suche nach einem Fahrer oder Mitfahrer. Anbieter wie mitfahrgelegenheit.de und mitfahrzentrale.de decken eher lange Strecken ab, das Startup Flinc will auch spontane Fahrten auf kurzen Distanzen ermöglichen.

Unterkünfte

Ob nur eine Couch oder ein ganzes Luxus-Apartment: Diverse Portale vermitteln private Unterkünfte. Rund um das Netzwerk Couchsurfing hat sich eine Community von reiselustigen Nutzern entwickelt, die einander kostenlos für ein paar Nächte Unterkunft gewähren. Wer über Airbnb oder 9flats Zimmer oder Wohnung vermietet, kann durchaus ein paar hundert Euro pro Woche einnehmen.

Arbeitsplätze

Das Stichwort lautet Coworking: Freiberufler und Startups finden sich in Bürogemeinschaften zusammen, Portale wie coworking.de geben Orientierung.

Spielzeug und Kinderkleidung

Kinder wachsen schnell aus ihrer Kleidung heraus – warum also nicht gut erhaltene Hosen und T-Shirts weitergeben? Auf dem Portal kinderbox.de soll das auch online bequem möglich sein. Die Macher von meinespielzeugkiste.de bieten Eltern an, altersgerechtes Spielzeug gegen Gebühr zu mieten. Gefällt es dem Nachwuchs nicht mehr, wird es zurückgeschickt und gegen andere Dinge eingetauscht.

Essen

Instantnudeln mit Schweinefleischgeschmack, Folgemilch für Babys, Brötchen von vorgestern: Auf der Plattform foodsharing.de können Privatpersonen, Händler und Hersteller überschüssige Lebensmittel kostenlos anbieten. Geld soll dabei nicht fließen – Ziel ist, der Verschwendung Einhalt zu gebieten. „Wir wollen den Lebensmitteln damit wieder einen ideellen Wert geben, denn sie sind mehr als bloß eine Ware“, teilen die Macher auf ihrer Website mit.

Bücher, DVDs, Werkzeug

Einige Portale beschränken sich nicht auf einzelne Güter, sondern ermuntern die Nutzer, ihr komplettes Hab und Gut zum Tausch anzubieten – etwa Frents oder WhyOwnIt. Das Einspeisen in die Datenbank soll eine Fotogalerie erleichtern.

Seit der Marktführer Gebühren nimmt, wachsen die Anmeldezahlen bei der Konkurrenz rasant. Fahrgemeinschaft.de besuchen täglich mittlerweile 30.000 Besucher, rund 1.000 melden sich jeden Tag neu an. Der Ansturm zwang zuletzt sogar die Server in die Knie. „Das neue Tarifsystem bei Mitfahrgelegenheit.de war ein Fehler“, sagt Sven Domroes, wenn er zu den neuen Gebühren beim großen Konkurrenten gefragt wird. Er hatte nach eigenen Angaben 1998 die Idee zum Unternehmen und war bis 2012 Inhaber der Domain. Im Jahr 2001 übernahmen die damaligen Studenten Michael Reinicke, Matthias Siedler und Stefan Weber die Seite. „Es gab seitdem nie einen Einfluss von Sven Domroes bei Mitfahrgelegheit.de. Er war nie Teil des Unternehmens oder der Geschäftsführung“, betont dagegen Carpooling-Sprecher Rosenthal. Reinicke, Siedler und Weber hätten Mitfahrgelegenheit selbst aufgebaut und unter dem Namen carpooling.com international aufgestellt.

Flinc-Gründer Kirschner: „Mobilität ist noch nicht effizient“

Flinc-Gründer Kirschner

„Mobilität ist noch nicht effizient“

Mit seinem Portal Flinc will Benjamin Kirschner Fahrgemeinschaften für deutsche Pendler vermitteln. Im Interview spricht über seine Expansionspläne, Gebühren und die Unterschiede zur Konkurrenz.

Als es im Jahr 2008 um den Einstieg eines Investors ging, waren sich Domaininhaber und Unternehmensführung im Jahr 2008 nicht einig. Am Ende sicherte sich die Investmentgesellschaft Earlybird 37 Prozent der Anteile und veränderte auch die Atmosphäre in der Führung. „Danach war das ganze Unternehmen vor allem auf Wachstum ausgelegt“, sagt Domroes. Er verkaufte die Markenrechte 2012 und ist seitdem mit Anteilen am Unternehmen beteiligt. Das Geld aus dem Verkauf steckt er auch in den Aufbau des Konkurrenzangebots. „Natürlich lässt sich eine Mitfahrzentrale auch ohne Gebühren profitabel betreiben“, sagt Domroes. Nur reich werde man dann nicht.

Kommentare (18)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

17.04.2013, 10:01 Uhr

„Natürlich lässt sich eine Mitfahrzentrale auch ohne Gebühren profitabel betreiben“, sagt Domroes. Nur reich werde man dann nicht.

Mehr muss man zum gescheiterten Geschäftsmodell des Kapitalismus mit seiner krebsartig zerstörerischen "Wachstums"sucht nicht sagen. Schönes kleines Beispiel für den alltäglichen Wahnsinn im großen...

Account gelöscht!

17.04.2013, 10:44 Uhr

Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Nutzer ganz schnell zur kostenfreien Konkurrenz wechseln.

Account gelöscht!

17.04.2013, 10:55 Uhr

Bin aktiv anbietender Fahrer und bekomme gerade die volle Wucht der Wut einiger anderer Fahrer bezüglich dieser "Geschäftspolitik" in den Medien mit. Anlaß für die bisherigen Betreiber des Portals, jetzt für die Vermittlung von Fahrten 11% Vermittlungsprovision des vereinbarten Fahrpreises von den Fahrern zu verlangen, ist wohl der Tatsache geschuldet, daß mit 37% die Carpooling GmbH und mit 8 Mio€ Kapitaleinlage die Mercedes Benz AG die Kapitalmehrheit erlangt haben. und die sind ja bekanntermaßen nicht auf Solidarisches oder Gemeinnütziges aus, gelle??? ;-)

Schön, daß ich mir in den Jahren schon einen festen Mitfahrerstamm erfahren habe...

Dieses Portal kann man ja auch mittlerweile "links" liegen lassen; Mitbewerber gibt es ja bereits genug. Sie sind nur (noch) nicht sooooo bekannt...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×