Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.10.2013

13:34 Uhr

„Fahrlässige Tötung“

Familien verklagen Pharmakonzern Boehringer

Anfang 2013 sind vier Senioren gestorben, die ein Schlaganfallmedikament von Boehringer Ingelheim eingenommen hatten. Nun klagen die Familien gegen den Pharmakonzern - und gegen Frankreichs Arzneimittelbehörde.

Schlaganfallmedikament Pradaxa: „Wir als Unternehmen sind überzeugt von der Sicherheit und Wirksamkeit von Pradaxa und beabsichtigen, uns gegen alle Produkthaftungsklagen zu Pradaxa energisch zur Wehr zu setzen.“ AFP

Schlaganfallmedikament Pradaxa: „Wir als Unternehmen sind überzeugt von der Sicherheit und Wirksamkeit von Pradaxa und beabsichtigen, uns gegen alle Produkthaftungsklagen zu Pradaxa energisch zur Wehr zu setzen.“

FrankfurtDer Pharmakonzern Boehringer Ingelheim ist in Frankreich mit einer Klage wegen seines lukrativen Schlaganfallmedikaments Pradaxa konfrontiert. Die Familien von vier Anfang 2013 verstorbenen Senioren, die das Präparat einnahmen, kündigten über ihren Anwalt, Philippe Courtois, Klage wegen fahrlässiger Tötung an. Die Kläger zielen auch auf die französische Arzneimittelbehörde ANSM ab, der sie vorwerfen, ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen zu sein.

Boehringer Ingelheim kündigte am Donnerstag an, entschieden gegen die Klage vorzugehen. „Wir als Unternehmen sind überzeugt von der Sicherheit und Wirksamkeit von Pradaxa und beabsichtigen, uns gegen alle Produkthaftungsklagen zu Pradaxa energisch zur Wehr zu setzen.“ Es sei bekannt, dass bei allen Gerinnungshemmern ein Blutungsrisiko bestehe. Diese Gefahr müsse für jeden Patienten gegen das individuelle Schlaganfallrisiko abgewogen werden. Zudem hätten Ärzte eine Reihe von Möglichkeiten, die gerinnungshemmende Wirkung des Präparats aufzuheben. Boehringer Ingelheim arbeite außerdem an einem Gegenmittel.

Pharmabranche an der Patentklippe

Wichtige Patente laufen aus

Die Pharmabranche steht vor schwierigen Zeiten: Nach Einschätzung des Beratungsunternehmens Accenture werden bis zum Jahr 2015 rund 50 Blockbuster ihren Patentschutz verlieren – das sind Arzneien, die für mindestens eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr sorgen. Die Originalprodukte verlieren nach Patentablauf in der Regel massiv Marktanteile an die deutlich preisgünstigeren Nachahmer-Produkte der Generikahersteller.

Cholesterinsenker und Blutverdünner

Betroffen sind die Medikamente etlicher Pharmakonzerne. Etwa der Cholesterinsenker Lipitor, mit dem Pfizer einst mehr als 12 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr machte. Oder der Blutverdünner Plavix, der Sanofi und Bristol-Myers Squibb 2011 mehr als neun Milliarden Dollar in die Kassen spülte. Auch das Asthma-Mittel Singulair von Merck verliert seinen Schutz.

Generikahersteller profitieren

Von Ablauf der Patente profitieren die Hersteller von Generika: Sie dürfen die Arzneien kopieren und zu günstigen Preisen verkaufen. Das dämpft die Kosten – auch die Patienten profitieren davon.

Probleme mit dem Nachschub

Der Pharma-Industrie fällt es immer schwere, neue Blockbuster-Medikamente zu entwickeln. Das hat mit den strikteren Zulassungsbedingungen und den schärferen Kontrollen der Behörden zu tun. Ein Beispiel: Der deutsche Hersteller Merck stoppte das Multiple-Sklerose-Medikament Cladribin, weil es in mehreren Ländern keine Zulassung bekam.

Wie bei allen neuen Gerinnungshemmern wie Xarelto von Bayer und Eliquis von Pfizer und Bristol-Myers Squibb besteht auch bei Pradaxa ein Blutungsrisiko. Für die neuen Mittel gibt es noch kein Gegenmittel, mit dem im Notfall schwere lebensbedrohliche Blutungen gestoppt werden können. Darauf hatte bereits 2011 das einflussreiche „New England Journal of Medicine“ in einem viel beachteten Leitartikel hingewiesen. Vor einigen Wochen hatte die deutsche Arzneimittelbehörde BfArM bemängelt, dass nicht alle Ärzte die Fachinformation zum Management von Blutungsrisiken gut genug kennen. Verschreibende Ärzte sollten diese Gefahr einzeln prüfen und Angaben zu Dosierung, Gegenanzeigen und Warnhinweisen beachten.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×