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26.01.2007

18:41 Uhr

Finanzinvestoren

Märklin und Co: Die Rückeroberung der Kinderzimmer

VonChristoph Lixenfeld

Finanzinvestoren stecken ihr Geld immer öfter in Krisenunternehmen wie Märklin. In erster Linie wegen der Strahlkraft des Namens: Märklin – das klingt nach glänzenden Kinderaugen. Die Rechnung scheint aufzugehen.

Märklin - der Lok gewordene Männertraum soll wieder glänzen.

Märklin - der Lok gewordene Männertraum soll wieder glänzen.

DÜSSELDORF. Die Marke Märklin kennt jeder, doch in den vergangenen Jahren hatte dieser Lok gewordene Männertraum Staub angesetzt. War von den Kinderzimmern umgezogen in Hobbykeller, wo gut situierte Frührentner kreisförmig ihrem Lebensabend entgegenfuhren. Das Problem: Märklin hatte zu wenig neue Kunden, und die 22 Familiengesellschafter waren zu zerstritten, um das Ruder herumreißen zu können. Der Umsatz sank. Immerhin einigte sich die Sippe im vergangenen Mai darauf, den Märklin-Zug vor seinem endgültigen Entgleisen der britischen Investorengruppe Kingsbridge Capital zu verkaufen. Betriebsrat und Belegschaft waren am Stammsitz Göppingen dafür sogar auf die Straße gegangen.

Die Käufer sind in erster Linie wegen der Strahlkraft des Namens eingestiegen. „Märklin verkörpert ganz allgemein die Faszination für technisches Spielzeug. Unter diesem Markennamen lassen sich keineswegs nur Modelleisenbahnen verkaufen“, so Interims-Geschäftsführer Jan Kantowsky. Sein Ziel: die Kinderzimmer zurückzuerobern. Um die junge Kundschaft zu ködern, eröffnete Märklin in Göppingen im Oktober ein 1 000 Quadratmeter großes Märklin-Kaufhaus, das allein im November und Dezember stolze 50 000 Kunden anlockte.

Die Rechnung scheint aufzugehen, mittlerweile wächst der Umsatz des Unternehmens wieder. Mitverantwortlich für die Trendwende ist das Beratungshaus Alix Partners, von dem auch Märklins Interimschef Kantowsky stammt. Die Sanierungsspezialisten aus Detroit mit Standorten in Düsseldorf und München hatten vor zwei Jahren das Engagement mehrerer Investoren beim fast insolventen Strumpfhersteller Kunert gedeichselt.

Der Einstieg in Deals mit Krisenunternehmen, „geschieht zunehmend über die Kredite“, erläutert Kantowsky. „Früher haben viele Banken oft mit eigenen Teams versucht, strauchelnden Kreditkunden wieder auf die Beine zu helfen. Heute werden solche Engagements immer häufiger verkauft.“ Zum Beispiel an Investoren, die am klangvollen Markennamen verdienen wollen, was aber nur gelingen kann, wenn sie den Laden wieder auf Vordermann bringen. Die Deals unterscheiden sich gravierend von der viel kritisierten Heuschrecken-Methode: Dabei kaufen Investoren hoch profitable Firmen mit geliehenem Geld und bürden die Schulden dann dem Unternehmen selbst auf – mit erheblichem Risiko.

Ganz anders bei Kunert: Eine Investorengruppe kaufte die Kreditlinien, verlängerte sie, pumpte Eigenkapital ins Unternehmen, musste zwar viele Mitarbeiter entlassen, wendete so aber die Insolvenz ab. „Unser Job ist es nicht, die Verschuldung zu erhöhen, sondern sie zu reduzieren“, so Christian Hollenberg, einer der Gründungspartner von Orlando Management, einer auf Krisenfälle spezialisierten Private-Equity-Gesellschaft aus München. Hollenberg sieht – abgesehen davon, dass viele Kredite auf den Markt kommen – noch einen zweiten Grund für das wachsende Interesse an kleineren, krisengeschüttelten Firmen. „Der Konkurrenzkampf um die renditestarken Unternehmen wird immer härter. Deshalb richtet sich der Blick nicht mehr ausschließlich auf die Rendite. Eine Firma mit einem Umsatz von einer Milliarde und einer interessanten Marke findet heute immer einen Käufer – wenn der Preis stimmt natürlich.“

Und die Milliarde muss es noch nicht einmal sein, wenn der Kandidat wirklich berühmt ist. Wie der Brillenhersteller Rodenstock, der durch eine gescheiterte Expansion in die USA in Schieflage geriet und rote Zahlen schrieb. Die Banken bekamen kalte Füße, „und das alleine zu bereinigen, hätte bedeutet, für Jahre auf Wachstum zu verzichten“, so der damalige Firmenchef Randolf Rodenstock. Im Herbst 2002 machte er sich auf die Suche nach Investoren und fand die Beteiligungsfirma Permira. Die neuen Chefs beseitigten den Eigenkapitalmangel und drückten die Kosten, indem sie Arbeitsplätze nach Tschechien verlagerten. Vor allem aber orientierte sich der neue Chef Giancarlo Galli konsequent am Kunden: „Früher wurde entwickelt, produziert und dann den Kunden gesagt, dass sie das nun zu kaufen haben. Das ist vorbei.“ Zudem steigerte Permira die Forschungsausgaben um die Hälfte. Ziel ist es: jedes Jahr drei wegweisende Innovationen.

Rodenstock ist mittlerweile so fit, dass auch die Banken wieder bereit sind, eine weitere Expansion zu finanzieren. Denn auf diese kommt es in solchen Fällen immer an. Kantowsky von Alix Partners: „Gerät ein Unternehmen ins Straucheln, genügt es nicht, mit der Kostenschere den sinkenden Umsätzen hinterherzuschneiden. Gefragt ist Umsatzsteigerung durch neue Kunden und Märkte.“

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