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10.05.2012

14:07 Uhr

Fresenius Medical Care

Chefwechsel beim Weltmarktführer

VonSusanne Schier, Maike Telgheder

Fresenius Medical Care verliert sein Wunderkind: Ben Lipps hat den Gesundheitskonzern zu seiner Weltmarktführerschaft geführt. Die heutige Hauptversammlung des Dialysekonzerns ist die letzte mit Lipps an der Spitze.

Der langjähriger FMC-Chef Ben Lipps gibt seinen Vorsitz an Rice Powell ab. dpa

Der langjähriger FMC-Chef Ben Lipps gibt seinen Vorsitz an Rice Powell ab.

FrankfurtHeute steht Ben Lipps ein letztes Mal als Vorstandsvorsitzender von Fresenius Medical Care vor der Hauptversammlung und klatscht, um den Mitarbeitern des Dialysekonzerns für ihren Einsatz zu danken. Nach 27 Jahren im Unternehmen - davon mehr als zwölf als Vorstandsvorsitzender - wird der 71-Jährige zum Jahreswechsel die Verantwortung an seinen Stellvertreter und Nachfolger Rice Powell übergeben.

Bei seiner letzten Hauptversammlung als FMC-Chef verabschiedeten rund 400 Aktionäre Lipps mit minutenlangen Applaus. Seit 1999 formte er den mit Abstand führenden Dialysekonzern weltweit - und das sehr erfolgreich. Ein einziges Manko bleibt: Das Hauptgeschäft macht der Konzern in Nordamerika, die Abhängigkeit vom US-Markt ist groß.

Die Stärken und Schwächen von Fresenius Medical Care

FMC - mehr als nur eine Tochter

Fresenius Medical Care (FMC) ist die wohl wichtigste Tochterfirma Deutschlands. Der Dax-Konzern beglückt seine Aktionäre Quartal für Quartal mit solidem Gewinnwachstum. Aber es gibt auch Schwachpunkte. Ein schneller Blick auf die Stärken und Schwächen.

Stärke: Stabile Wachstumsaussichten

Rund vier Prozent wächst der weltweite Dialysemarkt jedes Jahr. Weil die Bevölkerung altert und immer mehr Menschen Diabetes bekommen, was die häufigste Ursache für Nierenversagen und die Notwendigkeit einer Dialysebehandlung ist, kann sich Fresenius Medical Care auf eine weiter steigende Nachfrage nach seinen Produkten einstellen. Somit wächst der Konzern weiter - und zwar weitgehend unabhängig von konjunkturellen Schwankungen.

Stärke: Blutwäsche boomt

Im Jahr 2011 summierten sich Dienstleistungen und Produkte rund um die Blutwäsche nach Schätzungen von FMC auf ein weltweites Marktvolumen von rund 75 Milliarden US-Dollar. Dialyseprodukte stehen dabei für einen Umsatz von rund 13 Milliarden Dollar, Dialysedienstleistungen inklusive Medikamente machen 62 Milliarden Dollar Umsatz aus.

Stärke: Zahl der Patienten steigt

Die Zahl der Patienten liegt derzeit bei über zwei Millionen weltweit. Laut FMC-Schätzungen dürfte die Patientenzahl jährlich um sechs Prozent zunehmen. Vor allem in den Schwellenländern kann die Versorgung noch deutlich ausgebaut werden.

Stärke: Gute Margen

Fresenius Medical Care führt im US-Markt mit einem Anteil von 40 Prozent vor dem Wettbewerber Da Vita, der auf einen Marktanteil von rund einem Drittel kommt. Da Vita ist fast ausschließlich in den USA tätig ist. Mit einer Gewinnmarge vor Zinsen und Steuern von 16,2 Prozent erzielen beide Unternehmen im Dialysemarkt attraktive Gewinne.

Stärke: Weiteres Wachstum erwartet

Während der pauschale Vergütungssatz in den USA im Lauf des Geschäftsjahres 2011 rückläufig war, ist er im ersten Quartal 2012 im Vorjahresvergleich von 348 auf 353 Dollar je Behandlung gestiegen. Wie die vergangene Woche vorgelegten Quartalszahlen gezeigt haben, legte der Umsatz von FMC um neun Prozent auf 3,2 Milliarden Dollar zu, der Gewinn vor Zinsen und Steuern um 13 Prozent auf 503 Millionen Dollar. FMC erwartet, die EBIT-Marge in diesem Jahr auf 16,9 Prozent steigern zu können.

Schwäche: Abhängigkeit vom US-Markt

Zwei Drittel der Umsätze macht FMC in den USA. Das ist teilweise der Marktstruktur geschuldet: Während Dialysedienstleistungen dort zu einem großen Teil von privaten Firmen wie FMC angeboten werden, werden diese in Europa vor allem von öffentlichen Krankenhäusern durchgeführt. Hier ist FMC vor allem mit Produkten im Geschäft.

Schwäche: Neue Märkte schwer zu erschließen

Lediglich in Ländern wie Portugal und Spanien und auch Osteuropa gibt es Strukturen, die privaten Anbietern wie FMC einen größeren Einstieg als Dienstleister in den Markt ermöglichen. Dennoch muss FMC stärker in andere Regionen expandieren, um sich von den USA unabhängiger zu machen. Die Einführung des neuen Vergütungssystems im vergangenen Jahr hat gezeigt, wie stark staatliche Eingriffe das System verändern können. 2014 soll das pauschale Erstattungssystem möglicherweise um weitere für die Dialyse notwendige Leistungen ergänzt werden. FMC muss auch dann wieder den Beweis antreten, dass der Konzern mögliche Leistungskürzungen durch Kosteneinsparungen oder Synergieeffekte kompensieren kann.

Schwäche: Hohe Mittelabflüsse

Diverse Übernahmen - unter anderem von Euromedic und American Access - führten bei FMC zuletzt zu hohen Mittelabflüssen. Der Cash-Flow aus der operativen Geschäftstätigkeit lag 2011 mit 1,1 Milliarden Euro (1,4 Milliarden Dollar) zwar sechs Prozent über dem Vorjahr. Nach Abzug der Investitionen kletterte auch der Free Cash-Flow um zwei Prozent auf 676 Millionen Euro.

Schwäche: Free Cash-Flow im Minus

Da FMC aber satte 1,4 Milliarden Euro für die Übernahmen ausgab, rutschte der Free Cash-Flow nach Akquisitionen ins Minus. Im Vorjahr hatte FMC noch 188 Millionen Euro erwirtschaftet. Dadurch kam der Dialysespezialist nicht umhin, 2011 die Verschuldung zu erhöhen. Das Verhältnis von Finanzschulden zum Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Debt to Ebitda) lag 2011 bei 2,69 nach 2,38 im Vorjahr.

Lipps konnte den Umsatz des Dialysekonzerns in seiner Amtszeit von 3,8 auf 12,8 Milliarden Dollar (9,2 Milliarden Euro) mehr als verdreifachen, den Jahresüberschuss auf 1,1 Milliarden Dollar sogar mehr als versechsfachen. Für die Aktionäre hatte der US-Amerikaner Jahr für Jahr eine Dividendenerhöhung parat und auch die Entwicklung des Aktienkurses kann sich sehen lassen. FMC gehörte 2011 zu den drei Top-Performern im Leitindex Dax, neben dem Mutterkonzern Fresenius.

Die beiden Firmen sind ein Unikum im Dax: Fresenius kontrolliert über die Struktur der Kommanditgesellschaft auf Aktien den Dialysekonzern. Dessen Börsenwert stieg in der Lipps-Ära von 6,3 auf 15,9 Milliarden Euro Ende vergangenen Jahres. Damit war FMC an der Börse rund ein Drittel mehr wert als seine Muttergesellschaft.

Hauptversammlung: Dialyse-Patienten sichern FMC-Zukunft

Hauptversammlung

Dialyse-Patienten sichern FMC-Zukunft

Fresenius Medical Care ist für die Zukunft nicht bange. Die Zahl der Dialyse-Patienten wächst - und beschert FMC ein gutes Geschäft. FMC-Chef Ben Lipps hinterlässt ein gut aufgestelltes Unternehmen.

Ein erfolgreiches Unternehmen wird Rice Powell, bislang Nordamerikachef, zum Jahreswechsel also übernehmen. Aber Lipps wäre nicht Lipps, wenn er nicht bis zuletzt das Steuer in der Hand hielte. Schließlich muss in diesem Jahr noch der jüngste große Zukauf des Unternehmens, der US-Dialysedienstleister Liberty Dialysis, integriert werden. 201 Dialysekliniken und rund 700 Millionen Dollar Jahresumsatz kommen zum Konzern hinzu, der weltweit mehr als 3000 Kliniken betreibt. Dafür zahlt FMC einen Kaufpreis von rund 1,5 Milliarden Dollar.

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