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22.04.2015

18:18 Uhr

Führungskrise bei VW

Störfeuer und demonstrative Gelassenheit

Vor zehn Tagen brach die VW-Führungskrise aus. Seit Anfang dieser Woche mühen sich Konzern, Arbeitnehmer und Großaktionär Niedersachsen um eine Rückkehr zum Alltag. Dann meldet sich plötzlich Ex-Kanzler Schröder zu Wort.

Die Hauptakteure der VW-Führungskrise, der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn (l) und der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch. Europas größter Autobauer sucht den Weg zurück zur Normalität. dpa

Schwieriger Krisen-Alltag

Die Hauptakteure der VW-Führungskrise, der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn (l) und der Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch. Europas größter Autobauer sucht den Weg zurück zur Normalität.

HannoverMartin Winterkorn lacht. Knapp eine Woche nach dem Salzburger Krisentreffen mit VW-Patriarch Ferdinand Piëch geht es am Mittwoch in Hannover endlich wieder um die Lieblingsthemen des Konzernchefs: Autos, Forschung, Innovation. Mit Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) will er eine Vereinbarung für ein neues Forschungszentrum des Fraunhofer-Instituts unterzeichnen, fototauglich auf einer Motorhaube.

Doch schon vor der Ankunft von „Wiko“, wie er intern genannt wird, gibt es bei den Gästen kein anderes Thema als den Machtkampf bei Europas größtem Autobauer. Volkswagen und Winterkorn bleiben trotzdem bei ihrer Linie der demonstrativen Gelassenheit.

„Es gibt nichts Neues. Sie sehen: Ich bin relativ gelassen“, sagt Winterkorn nach einer Rede über Dichter, Denker, Forscher und Ingenieure auf die Frage von Journalisten nach der Führungskrise. Es ist sein erster öffentlicher Auftritt nach der Sondersitzung des sechsköpfigen Aufsichtsratspräsidiums am vergangenen Donnerstag in Österreich.

Wichtige Zitate Ferdinand Piëchs

„Ich bin auf Distanz zu Winterkorn.“

Dieser kurze, aber eindeutige Satz von VW-Aufsichtsratschef und Firmenpatriarch Ferdinand Piëch vom 10. April 2015, löste die Debatte um VW-Chef Martin Winterkorn aus. Winterkorn galt kurz zuvor noch als unumstrittener Herrscher im VW-Reich sowie als sicherer Nachfolger von Piëch. Den Machtkampf entschied am 17. April 2015 zunächst Winterkorn für sich. Das Präsidium des Aufsichtsrat erklärte die Bereitschaft, den Vertrag des Managers über das Jahr 2016 hinaus zu verlängern.

„Nicht wirklich, aber immer noch besser als die anderen.“

Dass Ferdinand Piëch mit der Entwicklung von Volkswagen nicht zufrieden war, verdeutlichte er im März 2014 mit einer kurzen, aber deutlichen Aussage. Auf die Frage, ob er den VW-Konzern auf einem guten Weg sehe, antwortete er schlicht: „Nicht wirklich, aber immer noch besser als die anderen.“ Damit spielte er darauf an, dass es beim Autohersteller nach Jahren des Erfolgs nicht mehr rund lief. So brachen unter anderem verschiedene Auslandsgeschäfte ein und die Rendite näherte sich der Nulllinie. Besonders ärgerte sich Piëch damals darüber, dass Volkswagen in den USA trotz hoher Investitionen im Vergleich zur Konkurrenz weiter an Boden verlor.

„Guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war.“

Im September des Jahres 2013 tauchten Gerüchte über einen angeblich bevorstehenden Abschied Ferdinand Piëchs aus gesundheitlichen Gründen auf. Zudem hieß es, dass der bisherige Konzernchef Martin Winterkorn als Piëchs Nachfolger feststehen würde. Sowohl der VW-Patriarch, als auch Konzern und Betriebsrat dementierten die aufkommenden Gerüchte. Piëch sagte dazu: „Totgesagte leben länger.“ . Außerdem fügte er hinzu, dass er klären wolle, wer der Urheber der Gerüchte war : „Guillotinieren werde ich erst, wenn ich sicher bin, wer es war.“

„Ich bin der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Volkswagen AG, ich bin nicht der Retter von Porsche.“

Um die Übernahme von Porsche zu finanzieren, stimmten die VW-Aktionäre im Dezember 2009 nach langer Debatte einer milliardenschweren Kapitalerhöhung zu. Trotz großer Kritik vieler Kleinaktionäre beschloss die Mehrheit der Stammaktionäre damit einen Vorratsbeschluss zur Ausgabe von bis zu 135 Millionen neuer, stimmrechtsloser VW-Vorzugsaktien. Dem Vorwurf, er habe Interessenkonflikte sowie der Kritik, dass die Kapitalerhöhung über Vorzugsaktien erfolgen solle und damit die Stammaktionäre schütze, entgegnete Piëch mit den Worten: „Ich bin der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Volkswagen AG, ich bin nicht der Retter von Porsche.“ Zuvor hatte Porsche Millionenschulden angesammelt, als sie versucht hatten, VW zu übernehmen.

„Zwölf ist eine gute Zahl.“

Mit dem simplen Satz „Zwölf ist eine gute Zahl" sorgte VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch kurz vor der IAA des Jahres 2009 für Aufsehen. Das Produktportfolio des Volkswagen Konzerns bestand damals noch aus neun Marken, inzwischen hat sich Piëchs Zitat bewahrheitet: Mit der Komplettübernahme der schwedischen Lkw-Tochter Scania im Jahr 2014 hat Volkwagen das Marken-Dutzend voll gemacht. Zum Konzern gehören die Marken Volkswagen, Audi, Seat, Skoda, Bentley, Bugatti, Lamborghini, Porsche, Ducati, Volkswagen Nutzfahrzeuge, Scania und Man.

„Zur Zeit noch. Streichen Sie das 'noch'!"

Mit diesen Worten antwortete Ferdinand Piëch im Übernahmekampf zwischen Porsche und VW im Jahr 2009 auf die Frage, ob der damalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking noch sein Vertrauen genieße. Für Wiedeking gab es nach dieser Aussage des VW-Patriarchen und nach monatelangen Verhandlungen über eine mögliche Kooperation der beiden Konzerne keine Zukunft mehr bei Porsche. Im Juli 2009 trat Wiedeking von seinem Posten im Aufsichtsrat zurück und machte den Weg für eine gemeinsame Zukunft der Autobauer frei.

„Zwei Kranke in einem Doppelbett oder gar drei ergeben noch keinen Gesunden."

Mit diesen Worten entgegnete der VW-Patriarch am 11. Mai 2009 gelassen einer möglichen Kooperation von Fiat, Opel und Chrysler. Die drei Autohersteller hätten zu unterschiedliche Unternehmenskulturen, die eine erfolgreiche Kooperation verhinderten. Zudem war sich Piëch damals sicher, dass eine funktionierende Allianz etwa 15 Jahre Zeit brauche, genau wie beim Zusammenschluss von Volkswagen und Audi im Jahr 1969. Im Juni 2009 übernahm Fiat dann 20 Prozent der Anteile von Chrysler.

„Ich kenne kein Unternehmen in Deutschland, wo jemand mit zehn Arbeitnehmer-Gegenstimmen überleben konnte.“

Als es im März 2006 um die Zukunft des damaligen VW-Chefs Bernd Pischetsrieder ging, äußerte sich Ferdinand Piëch im Wall Street Journal Europe deutlich über Mehrheiten für die Vertragsverlängerung Pischetsrieders. Bedeutend war auch Piëchs Zusatz: „Es ist wirklich eine offene Frage." Ein halbes Jahr später war die Frage dann geklärt: Bernd Pischetsrieder verließ den Wolfsburger Autokonzern zum 31. Dezember 2006 und wurde von Martin Winterkorn abgelöst.

Winterkorns Worte sind wohlüberlegt, er weicht kaum von seinem Manuskript ab. Wie also ist der Satz zu verstehen: „Das „Auto der Zukunft“ und die „Fabrik der Zukunft“ kann niemand im Alleingang entwickeln“? Ist es vielleicht auch ein versteckter Seitenhieb auf Piëchs Alleingang beim Angriff auf Winterkorn?

Längst liegt bei VW alles auf der Goldwaage. Am Wochenende sagte Winterkorn kurzfristig seinen Auftritt bei der Automesse in China ab – wegen eines grippalen Infekts, wie sein Umfeld versichert. Doch war dies tatsächlich der einzige Auslöser? Wollte sich Deutschlands bestbezahlter Dax-Vorstandsboss nicht möglicherweise auch die dortige delikate Situation vor den Kameras und Mikrofonen ersparen?

In den Tagen zuvor, als es nach der Kritik Piëchs im „Spiegel“ um Winterkorns Auftritte bei der Hannover Messe ging, hatte sein Umkreis noch versichert, der VW-Chef werde die Termine selbstredend wie geplant wahrnehmen - schließlich habe er in all den Jahren als Vorstandsvorsitzender noch nie krankheitsbedingt irgendwo gefehlt.

Just vor Winterkorns Auftritt in Hannover gibt es dann aber doch wieder Schlagzeilen, die die demonstrativ unverkrampfte Ruhe stören. In der „Bild“-Zeitung springt Altkanzler und Ex-VW-Aufseher Gerhard Schröder dem vermeintlichen Verlierer des Machtkampfes Piëch bei.

„Das Unternehmen braucht weiterhin seine Expertise, seine Kontakte und seine strategischen Fähigkeiten“, sagt Schröder über Piëch. Der VW-Aufsichtsrat würde einen großen Fehler machen, wenn er jetzt von seinem Vorsitzenden abrücken würde.

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