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02.11.2012

10:26 Uhr

Führungswechsel im Sommer

Opels neuer Mann heißt Neumann

Er galt als einer von Winterkorns Kronprinzen - bis er bei VW in Ungnade fiel. Nun soll Karl-Thomas Neumann den Chefposten bei Opel übernehmen. Die Position gilt als der schnellste Schleudersitz der Branche.

Karl Thomas Neumann, damaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagengruppe China, soll neuer Opel-Chef werden. dapd

Karl Thomas Neumann, damaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagengruppe China, soll neuer Opel-Chef werden.

Berlin/RüsselsheimDer US-Autokonzern General Motors hat bei der Konkurrenz einen neuen Hoffnungsträger für sein europäisches Sorgenkind Opel gefunden. Der 51 Jahre alte frühere VW-China-Chef Karl-Thomas Neumann will nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa im nächsten Sommer seinen Job als neuer Chef der Adam Opel AG in Rüsselsheim antreten. Der Wechsel wurde auch in Branchenkreisen bestätigt. Unterschrieben sei aber noch nichts, hieß es. Opel wollte am Freitag die Personalie zunächst nicht bestätigen.

Der Elektroingenieur und kurzzeitige Chef des Zulieferers Continental gilt als Technikfreak. Zuletzt war Neumann bei VW allerdings von seinem Posten als Chef für den wichtigsten Markt China abgelöst worden und arbeitete Informationen aus Branchenkreisen zufolge faktisch nicht mehr für den europäischen Marktführer. Gleichwohl muss Neumann voraussichtlich eine branchenübliche Sperrfrist von mehreren Monaten abwarten, bevor er seinen neuen Job antreten kann.

Die „Financial Times Deutschland“, die als erste über die Personalie berichtet hatte, zitierte am Freitag ein Aufsichtsratsmitglied von Opel mit den Worten: „Neumann an der Spitze wäre gut für Opel. Er hat das Format, das wir brauchen.“ GM hatte bereits in den vergangenen Monaten zwei VW-Manager in die Opel-Spitze berufen.

Der Spitzenjob bei Opel mit der britischen Schwestermarke Vauxhall gilt derzeit als einer der schwierigsten der Branche. Die Europa-Tochter belastet GM seit Jahren mit Milliardenverlusten. Allein in diesem Jahr rechnet der in den USA vom Staat gerettete und wiedererstarkte Konzern mit einem operativen Verlust von bis zu 1,4 Milliarden Euro aus seinem Europa-Geschäft.

Opels bewegte Geschichte

Eine Achterbahnfahrt

Die Firmengeschichte der Adam Opel AG gleicht einem spannenden Roman, den man nicht besser erfinden könnte. Es folgt die aufregende Geschichte des Autobauers.

Die Wurzeln

Alles begann mit Nähmaschinen: Die Wurzeln von Opel reichen bis ins Jahr 1862 zurück. Damals gründete Adam Opel ein Unternehmen zum Nähmaschinen-Bau und legte damit den Grundstein für die spätere Adam Opel AG.

Opel baut Fahrräder

1886 nahm Opel die Produktion von Fahrrädern auf - zunächst mit Hochrädern. 1899 rollte das erste Automobil aus der Fabrik in Rüsselsheim. Seit 1929 gehört Opel zum US-Konzern General Motors (GM).

Der „Laubfrosch“

Als erster deutscher Hersteller führte Opel 1923 die Serienfertigung am Fließband ein. Als Hersteller von preisgünstigen und robusten Gebrauchsfahrzeugen wie dem legendären „Laubfrosch“ wurde Opel populär.

 

Raketenautos

Spektakuläre Experimente mit Raketenautos durch Fritz von Opel trugen zum Image eines modernen Unternehmens bei. Der Marktanteil in Deutschland lag damals bei heute kaum vorstellbaren 26 Prozent, der spätere große Konkurrent Volkswagen war noch nicht einmal gegründet.

Erste Risse

Doch das Fundament von Opel zeigte erste Risse. Für die Einführung der Massenproduktion waren enorme Investitionen notwendig. Wilhelm von Opel, damals der Kopf des Unternehmens, erkannte, dass ein reines Familienunternehmen mit den horrenden Investitions- und Entwicklungskosten in der Autoindustrie auf Dauer überfordert sein würde.

GM fühlt vor

Schon 1926 hatte von Opel bei General Motors vorgefühlt, ob der US-Konzern an einer Beteiligung interessiert sei. Zwei Jahre später nahmen die Firmen den Gesprächsfaden wieder auf.

Übernahmekandidat

Inzwischen war Opel für GM ein interessanter Übernahmekandidat geworden. Die steigenden Zollbarrieren, mit denen die Reichsregierung die deutschen Autohersteller schützen wollte, zwangen GM, über Alternativen zum Import fertiger Fahrzeuge nachzudenken. Es war die Idee von Konzernchef Alfred Sloan, die Produktion für den europäischen Markt nach Deutschland zu verlagern und dazu ein etabliertes Unternehmen zu kaufen.

Opel macht Eindruck

Als eine GM-Delegation 1928 in Europa mehrere Werke besichtigte, machte Opel auf Sloan einen hervorragenden Eindruck: „70 Prozent des Maschinenparks sind in den vergangenen vier Jahren neu angeschafft worden“, notierte Sloan: „Die Werksstruktur ist flexibel und der Fertigung neuer Modelle leicht anzupassen.“ Am 17. März 1929 übernahm der Konzern für 33 Millionen Dollar die Aktienmehrheit an Opel, nach damaligen Maßstäben ein Mega-Deal.

Erst spät rentabel

Verzinst hat sich das Investment lange nicht: Erst verhinderte die Weltwirtschaftskrise, dann die NS-Diktatur eine erfolgreiche transatlantische Zusammenarbeit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Opel für General Motors rentabel. 1954 baute Opel erstmals pro Jahr mehr als 150.000 Fahrzeuge, heute sind es rund 1,2 Millionen.

Die finsteren 80er

Doch ab den 80er Jahren kippte die Entwicklung: Opel verschlief den Wechsel zum Frontantrieb: Der Herausforderer VW-Golf war einfach praktischer als der Rivale Kadett, der noch mit Heckantrieb fuhr. Auch den von VW gestarteten Dieseltrend verschlief Opel.

12Kampf mit VW

In den 90ern prügelte sich Opel vor allem mit VW um seinen ehemaligen Manager José López, der nach Wolfsburg gewechselt war und angeblich Industriespionage begangen hatte. Doch in den López-Jahren hatten bei Opel Qualitätsprobleme begonnen, die das einst lupenreine Image der Marke beschädigten. Und die Mutter GM nutzte das Können der Opel-Ingenieure dann für eigene Projekte in Übersee, wie in Brasilien. Aber nicht für Opel-Autos.

GM behindert Opel

Außerdem verhinderte GM den weltweiten Export von Opel, das zusammen mit den britischen GM-Tochter Vauxhall auf Europa beschränkt bleiben sollte. Während Volkswagen zu einem mächtigen Global Player heranwuchs, wurde Opel von General Motors nur unzulänglich gefördert. Wichtige Märkte wie China sind Opel bis heute versperrt, weil GM hier auf andere Konzernmarken baut.

Die große Krise 2008

Als 2008 die große Autokrise ausbrach, explodierten die Probleme bei Opel: Das Unternehmen hing am Tropf der US-Mutter, die dann aber selbst in die Insolvenz ging. GM wollte Opel schnell verkaufen und wurde sich 2009 handelseinig mit dem Zulieferkonzern Magna.

Der Deal platzt

Doch dann besann sich GM und sagt den Deal ab. „Das ist ein klares Bekenntnis zum europäischen Geschäft, das für GM von entscheidender Bedeutung ist“, sagte der damalige Konzernchef Ed Whitacre im März 2010. Whitacre schickte den hemdsärmeligen Nick Reilly als Sanierer zu Opel: 8.000 Jobs wurde gestrichen, das Werk in Antwerpen geschossen, die Fabrik in Bochum gesundgeschrumpft.

Der Neustart

Jetzt steckt Opel mitten im Neustart: Die Modelle sind neu und schneiden in Tests gut ab. Der kleine Corsa sitzt dem viel teureren VW-Polo bei den Neuzulassungen im Nacken. Bei den Mini-Vans ist der praktische Meriva an der Spitze der Zulassungen und der Astra-Kombi läuft nach Firmenangaben gut an.

 

Der Insignia

Ein Problem hat Opel aber bei den größeren Modell: Der Insignia ist technisch gut, kommt aber beim Absatz nicht in die Nähe des Platzhirsches Passat. Gerade bei den größeren Autos wird aber das große Geld verdient. Und darüber hat Opel gar kein Angebot mehr, weder Rekord, noch Omega, Senator, Diplomat, Admiral oder Kapitän. Und den Manta schon gar nicht.

Die heutigen Verkäufe

Gemeinsam mit der britischen Schwestermarke Vauxhall verkaufte Opel 2010 mehr als 1,1 Millionen Fahrzeuge in Europa, was einem Marktanteil von 6,2 Prozent und Platz fünf im Markt entspricht. In Deutschland wurden im vergangenen Jahr mehr als 243.000 Wagen verkauft, damit lag Opel auf dem dritten Rang.

Opel International

Das Unternehmen betreibt Werke und Entwicklungszentren in sechs europäischen Ländern und beschäftigt nach eigenen Angaben europaweit 40.500 Mitarbeiter. Opel baut in Deutschland neben dem Hauptstandort in Rüsselsheim Autos in Bochum und Eisenach. In Kaiserslautern werden zusätzlich Motoren und Teile gefertigt.

Opel leidet wie andere Massenhersteller unter der Absatzkrise auf seinem Kernmarkt Europa, der zudem von deutlichen Überkapazitäten geprägt ist. In einer Allianz mit dem französischen PSA-Konzern sollen künftig gemeinsame Modelle entwickelt und möglicherweise auch gebaut werden. Mit den Gewerkschaften laufen schwierige Verhandlungen über ein langfristiges Sanierungskonzept.

Bereits im Sommer hatte GM den erfolglosen Vorstand der Tochter Opel umgekrempelt. Mitte Juli war Opel-Strategievorstand Thomas Sedran zum Interimschef gemacht worden. Er soll die Geschäfte führen, bis ein neuer Opel-Chef gefunden ist. Sein Vorgänger Karl-Friedrich Stracke war nur 15 Monate im Amt. Neben Stracke musste unter anderem auch Finanzvorstand Mark James gehen. Sein Nachfolger Michael Lohscheller kam wie Neumann von VW.

Opels Chefkarussel schadet allen

Video: Opels Chefkarussel schadet allen

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Von

dpa

Kommentare (2)

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NichtsZuMachen

02.11.2012, 12:27 Uhr

Auch Neumann wird das "sinkende Schiff" nicht retten können. Selbst wenn PSA/ Citroen und Opel fusionieren sollten, um eventuelle Synergie-Effekte zu nutzen, ändert das nichts an der Tatsache, dass Autoverkauf in Euroland immer schwieriger wird. Selbst wenn die Regierungen neue Konjunkturpakete aufsetzen sollten.

Naja, schaun mer mal..

Es kann ja auch mal Wunder geben

Account gelöscht!

03.11.2012, 12:22 Uhr

Es könnte sich auch um einen sehr cleveren Schachzug handeln,wobei ich das mit PSA/Citroen nur als ein derzeitiges Ablenkungsmanöver halte.

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