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13.07.2012

14:08 Uhr

Führungswechsel

Opel fürchtet den harten Sanierer

VonLukas Bay

Die Opel-Mitarbeiter verlieren mit Karl-Friedrich Stracke einen wichtigen Fürsprecher. Als Chef setze er auf den Dialog - bis der Mutterkonzern GM die Geduld verlor. Nun fürchten die Opelaner den großen Kahlschlag.

Wer kommt? Opel wartet auf einen neuen Chef. Reuters

Wer kommt? Opel wartet auf einen neuen Chef.

DüsseldorfAdam hätte ein Lichtblick sein können. Der Kleinwagen in ansprechendem Design, von dem gestern erste Bilder präsentiert wurden, hätte ein Symbol für den Aufbruch werden können. Doch Adam stand gestern im Schatten einer Nachricht, die Opelaner deutschlandweit in Aufregung versetzte. Opel-Chef Stracke muss gehen, weil Mutterkonzern General Motors mal wieder die Geduld verloren hat. Mit Stracke geht der fünfte Opel-Chef in fünf Jahren. Er soll eine Sonderaufgabe bei GM übernehmen. In Russland, spekulieren einige Medien. Wie und mit wem es bei Opel weitergeht, ist noch offen.

Nur eins ist sicher: Mit Stracke verlieren die Opelaner einen ihrer wichtigsten Fürsprecher. Es war Stracke, der Ende Juni nach wochenlangen Verhandlungen einen Sanierungsplan präsentierte, der für Aufbruchsstimmung unter den Opelanern sorgen sollte: Höhere Investitionen, neue Modelle und Bestandsgarantien für die deutschen Werke - damit wollte Stracke für positive Schlagzeilen sorgen und so aus der Krise fahren. Keine 14 Tage später sind die Pläne reine Makulatur. Und das Chaos bei Opel nimmt erneut seinen Lauf.

Die europäischen Opel-Werke im Überblick

Die Ausgangslage

Opel leidet unter sinkendem Absatz und teuren Überkapazitäten. Nun will der Autobauer in seinem Werk in Bochum keine Autos mehr bauen. Eine Übersicht über die Fertigungsstätten.

Bochum

In Bochum laufen der Astra Classic und der Zafira Tourer vom Band. Ende 2014 läuft die Produktion aus. Danach soll die Autoproduktion eingestellt werden.

Rüsselsheim

Am Stammsitz Rüsselsheim werden der Insignia sowie ein Astra-Modell (5-Türer) gefertigt. 13 800 Mitarbeiter sind am Standort beschäftigt, davon 3500 in der Produktion und 7000 im Bereich Entwicklung und Design.

Eisenach

In Eisenach bauen knapp 1600 Beschäftigte den Corsa.

Kaiserslautern

In Kaiserslautern bauen knapp 2700 Beschäftigte Komponenten, Motoren und Achsen.

Gleiwitz (Polen)

In Gleiwitz läuft seit 2011 nur noch der Astra (bis 2010 auch der Zafira) vom Band; in Polen sind rund 3500 Menschen beschäftigt.

Saragossa (Spanien)

Am Standort Saragossa fertigen rund 6100 Mitarbeiter den Corsa, den Meriva und den Combo. Ab 2014 soll auch der Mokka in Spanien gebaut werden.

Ellesmere Port (England)

Etwa 2100 Mitarbeiter bauen für die Opel-Schwester Vauxhall in Ellesmere Port Astra-Modelle. Dort konnte das Management zuletzt rigide Sparmaßnahmen durchsetzen.

Luton (England)

In Luton wird der Transporter Opel Vivaro von 1100 Beschäftigten gefertigt.

Sonstige

Motoren und/oder Getriebe werden zudem in Szentgotthárd (Ungarn/660 Mitarbeiter) und Aspern (Österreich/1700) sowie in einem Joint Venture in Tychy (Polen) hergestellt. In Rüsselsheim und Turin hat der Hersteller Entwicklungszentren.

Bereits geschlossen wurde das Werk Antwerpen mit zuletzt mehreren tausend Mitarbeitern.

Strackes Entlassung ist keine gute Nachricht für die Opel-Belegschaft. Mit dem Abgang von Stracke dürfte den Opelanern ein harter Sanierungskurs ins Haus stehen. Offiziell schweigt sich das Unternehmen über die Gründe für den Wechsel an der Spitze aus. Vorerst übernimmt GM-Vize Stephen Girsky. Doch die Suche nach einem Nachfolger hat begonnen.

„Die Arbeitnehmervertreter erwarten nun, dass schnellstmöglich ein geeigneter Nachfolger gefunden wird, der die Adam Opel AG führt“, ließ Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug mitteilen. Beste Chancen hat Opel-Strategiechef Thomas Sedran. Der ehemalige Unternehmensberater war erst vor wenigen Monaten in den Vorstand gewechselt. Der Druck des amerikanischen Mutterkonzerns ist groß: 2011 soll Opel einen Verlust von rund einer Milliarde Euro eingefahren haben. Weil die Absatzzahlen im ersten Halbjahr 2012 erneut katastrophal ausfallen, bliebe auch dem neuen Chef wohl keine andere Wahl, als Kapazitäten abzubauen.

Das jahrelange Ringen von Opel

2001

Der erfolglose Opel-Vorstandschef Robert Hendry muss das Handtuch werfen. Sein Nachfolger Carl-Peter Forster versucht, mit dem europaweit angelegten „Restrukturierungsprogramm Olympia“ die Tochter des US-Autobauers General Motors (GM) wieder profitabel zu machen.

2004

GM legt im Oktober einen drastischen Sparplan für die europäische Tochter vor, der den Abbau von 12.000 Arbeitsplätzen vorsieht - davon bis zu 10.000 in Deutschland. Die Arbeiter im Bochumer Werk legen aus Protest spontan die Arbeit nieder.

2005

Der Betriebsrat und das Opel-Management unterschreiben einen „Zukunftsvertrag“, der die Existenz der Werke in Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern bis 2010 sichern soll.

2008

Nach Absatzeinbruch und massiven Verlusten bittet Opel als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll das Unternehmen stützen.

2009

Um nicht in den Strudel der GM-Insolvenz zu geraten, arbeitet Opel an einem Konzept zur Trennung von dem schwer angeschlagenen Mutterkonzern. Zwei Tage vor der GM-Pleite am 1. Juni einigen sich Bund, Länder, GM und das US-Finanzministerium nach langem Poker mit dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna auf ein Rettungskonzept. Im November beschließt GM, Opel doch zu behalten.

2010

Der als harter Sanierer bekannte Nick Reilly wird Opel-Chef. Im Zuge seines Sanierungskurses macht Opel im Oktober das Werk im belgischen Antwerpen mit einst 2500 Beschäftigten dicht. Von den 48.000 Stellen in Europa werden insgesamt 8000 abgebaut.

2011

Der bisherige GM-Chefentwickler Karl-Friedrich Stracke löst Reilly ab, der Chef des GM-Europageschäfts wird. Im zweiten Quartal verzeichnet Opel erstmals seit Jahren wieder einen Gewinn. Im dritten Quartal rutscht der Autobauer aber zurück in die roten Zahlen.

2012

Während GM in Nordamerika einen Rekordgewinn einfährt, verbucht der Konzern in Europa einen Verlust von mehreren hundert Millionen Euro. Das Europageschäft besteht überwiegend aus Opel und der britischen Schwestermarke Vauxhall.

Der mühsam errungene Betriebsfrieden ist in Gefahr, das aufgebaute Vertrauen zwischen Konzern und Belegschaft scheint dahin. Die Gewerkschaften bringen sich bereits für einen anstehenden Konflikt in Stellung. Es sei dringend notwendig, den Wachstumskurs umzusetzen und eine Kahlschlagpolitik zu vermeiden, warnt der Betriebsrat des Opel-Werkes Bochum. „Wir brauchen dringend eine Öffnung der außereuropäischen Märkte und eine neue Modelloffensive“, unterstreicht der Chef des Betriebsrats, Rainer Einenkel. Sonst drohe ein nicht reparabler Imageschaden für die Marke Opel.

Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) mahnt darum zur Besonnenheit. "Der neue Chef muss gemeinsam mit den Gewerkschaften nach einer Lösung suchen". Durch Zusagen, die unter Stracke gemacht wurden, bleibt dem neuen Opel-Chef auch nichts anderes übrig. Vor allem müsse der neue Chef weitere Negativmeldungen vermeiden, sagt Bratzel. Besonders bei den jungen Autofahrern sei Opel seit Jahren die unbeliebteste Marke.

Um einen Kapazitätsabbau in Europa kommen die Rüsselsheimer wohl nicht umhin. "Opel muss seine Kostenstruktur dringend anpassen", sagt auch Experte Bratzel. Welchen Kurs auch immer der neue Chef einschlage: Für Opel, da ist Bratzel überzeugt, ist es die letzte Chance. "Dieser Schuss muss sitzen".

Kommentare (9)

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Profit

13.07.2012, 11:54 Uhr

Eines wird immer klarer: Der Betriebsrat war in der GM-Krise einfach saublöd. Anstatt die Insolvenz als Chance zu begreifen, endlich von GM loszukommen, wurde genau das Gegenteil gemacht und nur nach Subventionen gerufen. Opel bzw. die Werke sind nicht mehr zu retten. GM betreibt Downsizing, ist hilflos und macht Opel seit Jahrzehnten willkürlich kaputt. Begreifen kann man das schon lange nicht mehr. Aber die Opel-Mitarbeiter hatten ihre Chance. Mit der Verhinderung der Insolvenz haben sie im Verbund mit idiotischer deutscher Politik genauso versagt wie das US-amerikanische Management. Goodbye Opel!

Account gelöscht!

13.07.2012, 12:47 Uhr

Keine Sorge liebe Opel-Mitarbeiter! In Deutschland herrscht Fachkräftemangel! Laut DWI haben sie also nicht zu befürchten und finden sofort wieder einen neuen Job!

Wiesbaden22

13.07.2012, 12:59 Uhr

Wer braucht schon Opel? Es bestehen nun einmal Überkapazitäten in Europa. Da helfen nur Werkschließungen.

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